Alles sprach für Eduard Nöth. Nicht nur, weil er sich Meriten als CSU-Stadtrat (seit 1972), CSU-Vorsitzender (seit 1977) und als Dritter Bürgermeister (seit 1984) erworben hatte. Vor allem war Eduard Nöth von dem seit 1961 unangefochten regierenden Oberbürgermeister Karlheinz Ritter von Traitteur zum Kronprinz erkoren worden. Und die CSU hatte ihn im April 1989 zu ihrem Oberbürgermeisterkandidaten gewählt. Wer wollte also daran zweifeln, dass der 40-jährige Studienrat der kommende Oberbürgermeister war?

Doch ein Jahr vor der Wahl, genau ein Tag, bevor die CSU Eduard Nöth am 7. April 1989 nominierte, hatte sich etwas völlig Unerwartetes ereignet. Franz Stumpf, seit 1986 Rechtsrat der Stadt und in der CSU ohne Funktion, war mit folgender Erklärung an die Öffentlichkeit getreten: Da er nicht damit rechne, als CSU-Bewerber um das Amt des OB nominiert zu werden, wolle er als unabhängiger Kandidat ins Rennen gehen.

Für viele in der Forchheimer CSU war das ein Schlag ins Gesicht. Etwas vorsichtiger drückte es Hermann Ammon in seinem Ende 2009 erschienen Buch "Die CSU im Forchheimer Land" aus: Mit der Wählerinitiative "Unabhängiger Oberbürgermeister Franz Stumpf" sei etwas "eingetreten, was den bisher geltenden Gepflogenheiten einer demokratischen Partei zuwiderlief: Ein CSU-Mitglied konkurriert gegen den offiziellen CSU-Bewerber um das höchste Wahlamt der Stadt."

Am Wahlsonntag, am 18. März vor 20 Jahren, gab es erstmal keinen Sieger. SPD-Kandidatin Regina Hanke-Maier landete abgeschlagen auf 14,1 Prozent, und weder Stumpf noch Nöth schaffte die absolute Mehrheit. Doch mit 43,5 Prozent der Stimmen lag Stumpf bereits knapp vor Nöth (42,3 Prozent); der im Wahlkampf so unbekümmert agierende Senkrechtstarter hatte sich 19 der 30 Stimmbezirke erobert. 20 Jahre danach erinnert sich Franz Stumpf: "Ich dachte damals, ich bin zehn Prozent hinten dran." Einen Sieg gegen den fest etablierten Nöth habe er kaum für möglich gehalten.

Bei der Stichwahl am 1. April dann der Paukenschlag: Die 29-jähriger Traitteur-Regentschaft war beendet, und der Kronprinzen Eduard Nöth war gescheitert. Auf dem Oberbürgermeister-Sessel ließ sich stattdessen der quirlige Franz Stumpf nieder, der von sich sagte, dass er "als letzter durch die Drehtür gegangen" und "als erster aus ihr herausgekommen" sei.

Am 2. April, am Tag nachdem Franz Stumpf 56,24 Prozent der Wählerstimmen eingeheimst und Eduard Nöth überraschend distanziert (43,76 Prozent) hatte, legte der neue Oberbürgermeister gleich nochmal den Finger in die Wunde. Der Unabhängige, der im Wahlkampf mit seiner Einmann-Show kokettiert ("Eine Schar von Aposteln habe ich nicht nötig") und mit kernigen Parolen in der Zeitung geworben hatte ("Sachkenntnis und Argumente statt parteipolitischer Beziehungen"), ließ vorsorglich wissen, dass er auch künftig "unabhängig bleiben" werde.

Bei Eduard Nöth hatten sich noch vor der Stichwahl Zweifel an der Strategie breit gemacht. Vielleicht habe er gegen seinen Konkurrenten "zu sehr mit Glace-Handschuhen gearbeitet", sagte er der Presse. Auch ließ Nöth anklingen, dass er die Einheit im CSU-Wahlkampf vermisst habe. Die Stimmung in der CSU kochte dann am Tag vor der Stichwahl vollends über. Die namhaften CSU-Politiker Maria Wagner, Fritz Igel, Michael Scherer und Franz Streit (damals allesamt Stadt- oder Kreisräte) meldeten sich in der Samstagszeitungen mit einer Anzeige zu Wort: "In einer Demokratie ist es keine Schande, Farbe zu bekennen. Wir bekennen Farbe – wir unterstützen Franz Stumpf."

Nach dem Wahlsieg versuchte der neue OB die Wogen zu glätten: Diese Anzeige sei nicht die Ursache der Nöth-Niederlage gewesen. Doch die Hardliner in der CSU forderten den Parteiausschluss von Wagner, Scherer, Streit und Igel. Dazu kam es nicht, aber die vier verloren ihre Parteiämter; eine "Ordnungsmaßnahme", die der Parteivorstand allerdings ein Jahr später zurücknahm.

Damit war aber längst nicht alles im Lot. Eduard Nöth trat als CSU-Ortsvorsitzender zurück und die Frage, wie Franz Stumpf wieder in die CSU integriert werden könne, blieb auf Jahre ein Thema. Hermann Ammon, der Stumpf den Titel "Meister des Sich-alle-Türen-Offenhaltens" verliehen hat, schreibt: "Franz Stumpf hat es seiner Partei nicht leicht gemacht. Auf der einen Seite forderte er für sich und seine Vertrauten eine angemessene Mitsprache (…), was ihm auch eingeräumt worden ist, auf der anderen Seite aber lehnte er es ab, sich darüber hinaus auf die CSU weiter zuzubewegen."

Franz Stumpf sieht es mit dem Abstand von zwei Jahrzehnten entspannter. Die Union sei "eine Gruppierung Gleichgesinnter" in der es "immer verschiedene Meinungen gibt". Damals wie heute vertrete er die Auffassung: "Das bessere Argument siegt zum Schluss." Natürlich, räumt Stumpf ein: "1990 war die Brüskierung der CSU eine sehr große." Aber das spiele heute keine Rolle mehr – das Trennende habe "sich abgebaut".

Im übrigen versichert Stumpf rückblickend, dass er sich nie in der Politik gesehen habe. Bis zu jenem Samstag im Juli 1988, als er mit dem damaligen CSU-Stadtrat Kratzer auf dem Nachhauseweg war. Der hatte ihn angesprochen: "Du wärst doch eine Alternative zu Nöth." Als Stumpf später bei der CSU einen Vorstoß mit dieser Idee wagte, "da bin ich damit eingegangen". Von da an sei die Idee einer unabhängigen Kandidatur gereift.