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Forchheim
Trauerbegleitung

Sterbelieder und ein Lachen beim Hospizverein Forchheim

Der Hospizverein Forchheim hatte aus Anlass seines 20-jährigen Bestehens zu einem besinnlichen Liederabend in die Forchheimer Jahnhalle geladen.
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Marianne Sägebrecht und Josef Brustmann präsentierten in der Jahnhalle Sterbelieder fürs Leben.  Foto: Josef Hofbauer
Marianne Sägebrecht und Josef Brustmann präsentierten in der Jahnhalle Sterbelieder fürs Leben. Foto: Josef Hofbauer
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Lieder über das Sterben bei einer Geburtstagsfeier? Beim Hospizverein Forchheim, der heuer auf 20-jähriges Bestehen zurückblickt, passt das wunderbar zusammen, denn: "Wir sind im Leben vom Tod umfangen", erklärte Marianne Sägebrecht, die vom Hospizverein engagiert wurde, zusammen mit Josef Brustmann und Andy Arnold in der Jahnhalle "Sterbelieder fürs Leben" zu präsentieren.

Bei Kerzenschein rezitierte Marianne Sägebrecht Gedichte von Clemens Brentano, Rainer Maria Rilke, Werner Bergengrün, Hanns Dieter Hüsch und natürlich von ihrem Partner Josef Brustmann. Die Botschaft hatte Rainer Maria Rilke so formuliert: "O Herr, gib jedem seinen eignen Tod. Das Sterben, das aus jenem Leben geht, darin er Liebe hatte, Sinn und Not."

Der vor zehn Jahren verstorbene Dichter Robert Gernhardt hatte auf seinem Totenbett notiert: "Ich bin viel krank. Ich lieg viel wach. Ich hab viel Furcht. Ich denk viel nach."

Zeilen, von denen man sich normalerweise so schnell nicht erholt. Aber dafür gibt es ja die Musik, die den unausweichlichen Tod vielfach besingt. So etwa das Volkslied vom menschlichen Leben, das schnelle dahin eilt. Bereits in der ersten Strophe der 1781 erstmals notierten Verse wird die Frage gestellt: "Wer weiß, ob ich morgen am Leben noch bin."

Mitten im Leben kann der Tod jederzeit an unsere Tür klopfen. Das beschrieb Christian Friedrich Hebbel mit den Zeilen: "So weit im Leben ist zu nah am Tod." Begleitet von Zitherklängen macht Josef Brustmann mit seinem Lied: "Wenn ich tot bin, singt mir ein schönes Lied. Bin nicht gern gegangen, ging nur weils geschieht" das Publikum glauben, das Sterben könnte einfach sein. So einfach wie der folgende Dialog: "Lern sterben! sprach im Hospital ein Mönch zu einem kranken Greise. Was lernen? - rief der graue Weise. Man kann es gleich beim ersten Mal." Da gab es auch die ersten Lacher im Publikum.

Von Josef Brustmann stammen die Zeilen: "Und die Vöglein, die ziehen, und fliegen wieder her. Nur der Mensch, bald er fortgeht, nachher kommt er nicht mehr", musikalisch einfühlsam begleitet von Andy Arnold. Er intonierte auch das von Johannes Brahms bearbeitete Volkslied "Schwesterlein", dessen letzte Strophe lautet: "Schwesterlein, Schwesterlein, du wankest so matt! Suche die Kammertür, suche mein Bettlein mir! Brüderlein, es wird fein unterm Rasen sein."


Du darfst nicht trauern,...

Doch wir dürfen in der Trauer nicht stecken bleiben. Das zeigt Joachim Ringelnatz wenn er dichtet: "Wenn ich tot bin, darfst du gar nicht trauern. Meine Liebe wird mich überdauern und in fremden Kleidern dir begegnen und dich segnen." Die jüdische Dichterin Mascha Kaleko setzt Sterben mit Trauer gleich, wenn sie in ihrem Gedicht "Das berühmt Gefühl" formuliert: "Als ich starb zum dritten Mal, da schmerzte es nicht sehr. So altvertraut wie Bett und Brot war mir der Tod. Nun sterbe ich nicht mehr."

Und Friedrich Holländer tröstete: "Wenn ich mal tot bin, dann fängt erst mein Leben an." Mit Friedrich Gernhardt klagte Josef Brustmann "Mein Körper ist so unsozial. Ich rede, er bleibt stumm. Ich leb ein Leben lang für ihn. Er bringt mich langsam um."

"Seinen Frieden machen!"

Anlässlich ihres Auftritts in der Forchheimer Jahnhalle stellte sich TV-Star Marianne Sägebrecht (71) unseren Fragen.

Sterbelieder für das Leben. Ist das nicht ein Widerspruch ?
Sägebrecht: Auf gar keinen Fall. Man muss sich dem Tod stellen. Wer Angst vor dem Tod hat, der hat auch Angst vor dem Leben.

Wie sind Sie dazu gekommen, diese Lieder zu rezitieren?
Bei der Verleihung des Bayerischen Kulturpreises, den ich bekommen habe, hat Josef Brustmann die Laudatio auf mich gehalten. Beim Vorgespräch haben wir uns näher kennen gelernt und festgestellt, dass wir mit den Sterbeliedern ein gemeinsames Anliegen haben.

Was ist bei diesen Vorträgen ihr zentrales Anliegen?
Bei der Geburt begleitet uns eine Hebamme. Das wünsche ich mir auch für das Sterben. Eine solche seelsorgerische Begleitung halte ich für eminent wichtig.

Ist Tod ein Thema das mit zunehmendem Alter an Bedeutung gewinnt?
Bei mir nicht. Schon mit 13 habe ich unseren Pfarrer begleitet, habe Sterbende besucht, ihre Hand gehalten. So habe ich ein Bewusstsein für die Endlichkeit des Seins entwickelt. Ich habe keine Angst vor dem Tod. Ich bin jeden Tag bereit. Und ich möchte auch anderen Menschen die Angst davor nehmen.

Aber die Angst ist da!
Ja, weil wir den Tod aus unserem Leben verbannt haben. Viele Menschen sterben allein in einem Krankenhaus, weil die Angehörigen weit weg wohnen. Niemand ist da, der sich um sie kümmert. Das darf nicht sein! Ich finde: "Du sorgst Dich am besten um dich selbst, wenn du dich um andere sorgst."

Was muss passieren, damit wir bewusster mit dem Sterben umgehen?
Wir müssen füreinander mehr Verantwortung übernehmen. Auch für Hartz IV Empfänger, die kein Grab bezahlen können, muss es a Platzerl geben, an dem an sie erinnert wird. Sonst ist es, als hätte der Mensch nie gelebt.

Welchen Rat können Sie Menschen geben, um ihnen das Sterben zu erleichtern?
Bevor wir auf die Reise gehen, sollten wir unseren Frieden gemacht haben. Wir sollten mit uns selbst im Reinen sein und auch mit unseren Mitmenschen. Hilfreich ist es auch, einen festen Glauben zu haben. Ich bin zum Beispiel von der Existenz der Seele zutiefst überzeugt. Sie braucht Zeit, um sich vom Körper verabschieden zu können. Daher kämpfe ich für einen würdevollen Umgang mit Sterbenden.

Das Gespräch führte Josef Hofbauer

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