Für den Landwirt aus Pinzberg hat sich seitdem die Welt verändert. Auf den ersten Blick schaut der Hof von Hermann Greif ganz normal aus. Traktoren stehen hinter stattlichen Scheunen-Toren. Der Innenhof ist fast so groß wie ein Supermarkt-Parklatz. Irgendwas fehlt dennoch. Wer die Ohren spitzt, hört nichts. Kein "Muh!" weit und breit. Nur das Mobiltelefon von Hermann Greif bimmelt. Der Landwirt aus Pinzberg hat sich für den Rock-Klassiker "Summer of 69" als Klingelton entschieden.
Hermann Greif muss Bryan Adams richtig gut finden. Sein Handy klingelt fast pausenlos. "So geht das den ganzen Tag", klagt Mutter Elfriede. Warum? Energie-Bauer Greif muss heute die Mais-Lieferungen zu seiner Bio-Anlage lotsen. Denn die Erntezeit für die Energiepflanze läuft auf Hochtouren. "Rufen Sie mich noch mal an, wenn sie kurz vor Pinzberg sind", sagt Greif zum Fahrer mit dem Mais am Telefon. Dann erzählt er, wie er zum Energie-Landwirt geworden ist.

Idee nach BSE

Mit der Rinderseuche BSE fing alles an. "2000 wollte ich einen großen neuen Laufstall für meine Rinder bauen. Und dann kam BSE." Der Markt für Rindfleisch brach zusammen. Deutsches Steak wollte keiner mehr auf dem Teller haben. Greif baute den Stall nicht. Und wartete ab. Bis 2004. Dann die Entscheidung, in Biogas einzusteigen. Seine 35 Milchrinder verkaufte er peu à peu. Und er investierte rund 1,5 Millionen Euro in seine Zukunft. Hermann Greif baute eine Biogas-Anlage ein paar hundert Meter außerhalb vom Dorf.

Methan statt Milch und Fleisch

Vermisst er seine Tiere nicht? "Eine Biogas-Anlage funktioniert wie eine große Kuh", sagt der 48-Jährige und strahlt. Bakterien wie im Rindermagen würden die Biomasse zerkleinern. Wohl temperierte Gülle zersetze das "Futter" im Bioreaktor. Im Gegensatz zu früher erntet er Methan und nicht Milch und Fleisch. Die einfache Kohlen-Wasserstoff-Verbindung CH4 (die sonst bei der Kuh quasi ungenutzt verpufft) treibt seine beiden Motoren an. Und die liefern den Strom: rund 550 Kilowatt pro Stunde.
"Mit meiner Anlage bin ich in der Lage, das Dorf Pinzberg mit seinen 1000 Einwohnern alleine theoretisch zwei Jahre mit Strom zu versorgen", erzählt er bis Bryan Adams wieder singt "I got my first real six-string..." Es ist der Fahrer mit dem Mais. Bauer Greif erklärt dem Lkw-Fahrer den Weg hinauf in den Ort, am Fachwerkbrunnen vorbei und dann stehe dort ein silberner Ford Focus, der den Mais-Transporter quasi im Schlepptau zur Anlage lotst.
Elfriede, die vorher noch am Herd stand, entledigt sich schnell ihrer Küchenschürze und schnappt sich die Autoschlüssel. "Die ganze Familie muss mithelfen", sagt Hermann Greif. Da habe sich im Vergleich zum früheren Leben auf dem Bauernhof wenig geändert. Auch Ehefrau Birgit muss mit anpacken. "So wie wir früher zusammen die Kühe gemolken haben, kümmern wir uns jetzt gemeinsam um die Anlage." Im Gegensatz zum Milchvieh könne man die große Kuh aber auch mal sonntags links liegen lassen.

Die Nacht der Störungen

Trotzdem müsse das kleine Kraftwerk ständig gepflegt und gewartet werden. "Die letzte Nacht war eine typische Nacht. Um 23.30 die erste Störung. Um 0.55 die nächste Störung. Diesmal am Motor. Also wieder aufstehen und anziehen und raus zur Anlage. Um 4.30 dann der nächste Störalarm auf meinem Handy. Eine Nacht zum Vergessen", erzählt er.
Dann singt wieder Bryan Adams. Greif greift schlafwandlerisch zum Telefon. Die nächste Mais-Lieferung rollt heran. Mutter Elfriede kann gleich im Auto sitzen bleiben, um den Lotsen zu spielen. Schließlich muss die Familie jetzt ihre Maisvorräte auffüllen, um bis zum Frühjahr genug Kraftstoff für die Maschinen zu haben.
Auf rund 40 Hektar baut Greif selbst Silomais an. Insgesamt bewirtschaftet der Energie-Bauer noch 130 Hektar. Die Fruchtfolge versucht er einzuhalten. Auf den anderen Feldern wächst deshalb Getreide oder Grünland. Das Grünzeug wandert auch in die Biogas-Anlage. Allerdings ist hier der Wirkungsgrad geringer. Nicht viel, aber als betriebswirtschaftlich denkender Landwirt zu viel. Den Mais müsse er außerdem nur säen und ernten. Das Grünland will öfter geschnitten werden. Ein erheblicher Mehraufwand, der Zeit und Geld kostet.
Von seinem eigenen Mais und Grünland wird die Biogas-Anlage aber nicht "satt". Den Rest kauft er bei anderen Bauern aus der Region zu.
"Biogas-Anlagen sind prinzipiell eine gute Idee", findet auch Bernhard Birnfeld aus Neunkirchen am Brand, der sich für den Bund Naturschutz engagiert. Durch die hohe Einspeisevergütung seien aber zu viele große Biogas-Anlagen aus dem Boden geschossen, ärgert sich der Ingenieur. Gerade diese müssten mit großen Mengen an Bio-Masse gefüttert werden. Das habe in den letzten Jahren zu negativen Effekten, wie beispielsweise zur Mais-Monokultur, geführt. Mit unliebsamen Folgen für die Umwelt. Ursprünglich sollten Biogas-Anlagen dem Landwirt ermöglichen, seine Reststoffe in Strom und Wärme zu verwandeln. Damit im großen Stil Strom zu produzieren, sieht Birnfeld kritisch.

Manchmal nervt Bryan Adams

Denn das Dilemma der Energie aus Biomasse sei der hohe Flächenverbrauch. "100 zu 10 zu 1 ist ein grober Faustwert zur Energiegewinnung aus Wind zu Solar zu Biomasse." Die Biomasse schneide in puncto Flächenverbrauch also denkbar schlecht ab. Der Vorteil: Bio-Masse ist speicherbare Energie. "Aber trotzdem darf es nicht ausarten", findet Birnfeld.
Die Politik versucht hier schon gegenzusteuern. Neue Biogas-Anlagen dürfen seit 2012 nur noch 60 Prozent Mais einsetzen, wenn sie nicht weniger an ihrem Strom verdienen wollen. Energie-Bauer Hermann Greif ist davon nicht betroffen. Bestandsschutz. Er bekommt rund 18 Cent pro Kilowattstunde. Und bis zur Rente will er weitermachen. Seine Entscheidung bereut er nicht. Als er angefangen habe mit der Landwirtschaft sprachen alle von Milchseen und Butterbergen. Heute werde er als Energie-Landwirt gebraucht und geschätzt. Das ihm das gut tut, sieht man. Bloß sein Handy könnte er wohl manchmal in die Ecke feuern.