Die Menschen in Deutschland sind schockiert über das Ausmaß rechtsextremer Gewalt in den vergangenen Jahren - und die Tatenlosigkeit des deutschen Verfassungsschutzes. Allerdings muss der Blick nicht nach Jena gehen, um rechtsextreme Strukturen zu entdecken: Es gibt überall Rechtsradikalismus - auch der Landkreis Forchheim bildet hier keine Ausnahme.

Vor allem Gräfenberger erinnern sich gut an die Aufmärsche in ihrer Gemeinde. Ab dem Jahr 1999 veranstaltete die NPD dort Demonstrationen anlässlich des Volkstrauertags. Zwischen Dezember 2006 und Herbst 2009 organisierte sie ihre Märsche zum Gräfenberger Kriegerdenkmal monatlich. "Nach drei Jahren regelmäßiger Aufmärsche hatten die Rechtsextremen erkennbare Probleme, Teilnehmer für ihre Aufmärsche zu finden", sagt Werner Wolf, Bürgermeister der Stadt Gräfenberg. Hinzu komme, vermutet Wolf, dass Matthias Fischer, der Drahtzieher der Demonstrationen, im Februar 2010 inhaftiert wurde.

Obwohl Fischer Mitte des Jahres wieder auf freien Fuß kam, hofft Wolf, "dass es auch in Zukunft ruhig bleibt". Die letzte größere Demonstration im Landkreis habe es 2010 zum Auftakt des Annafestes in der Forchheimer Innenstadt von der rechtsextremen Organisation "Nationaler Stammtisch an der Regnitz Erlangen/Forchheim" gegeben, sagt Jürgen Kupfer, zuständig im Forchheimer Landratsamt für öffentliche Sicherheit und Ordnung. "2011 gab es aber keine angemeldeten Demonstrationen von rechter Seite." Seitdem Gräfenberg nicht mehr aktuell sei, hätten die Demonstrationen deutlich abgenommen. "Vor zwei Jahren kündigte die NPD an, dass sie die regelmäßigen Demonstrationen, wie sie in Gräfenberg stattfanden, von nun an in Forchheim organisieren möchte", sagt Kupfer. Den Worten seien aber keine Taten gefolgt.

21 Straftaten im Landkreis


Das bedeutet aber nicht, dass es keine rechtsextremen Aktivitäten im Landkreis mehr gibt. Immerhin 21 rechtsextremistisch motivierte Straftaten sind 2010 im Landkreis Forchheim nach Angaben des Bayerischen Landeskriminalamtes begangen worden. In ganz Oberfranken waren es 175. Darunter fallen hauptsächlich Hakenkreuzschmierereien und das Zeigen des Hitlergrußes.

Laut dem Bayerischen Staatsministerium des Inneren bewegt sich die Zahl der Rechtsextremen im Landkreis "im unteren zweistelligen Bereich". Diese seien allerdings sehr mobil, "insbesondere durch die Nähe zu Nürnberg". Diese Personen organisieren sich in verschiedenen Gruppen. Für den Forchheimer Raum sind vor allem zwei Gruppierungen zu nennen: Zum einen die "Division Franken" (DF), die aus rund 20 Personen besteht. Im November 2010 schlossen sich die Kameradschaften "Freie Nationalisten Nürnberg" (FNN) und "Nationaler Stammtisch a.d. Regnitz" (NS a.d. Regnitz) zur Kameradschaft DF zusammen.

Zum anderen ist das Freie Netz Süd (FNS) zu nennen - laut bayerischem Verfassungsschutzbericht 2010 das größte neonazistische Netzwerk Bayerns. Das FNS fiel in Forchheim durch ihre Flugblattverteilung zum Thema Zeitarbeit Mitte September dieses Jahres auf. Über sich selbst sagt das FNS auf der eigenen Internetseite, dass die Mitglieder das "Bekenntnis zu nationalen Werten" eint. FNS und DF rivalisieren nicht, vielmehr gibt die DF auf ihrer Internetseite die Parole aus: "Getrennt marschieren, vereint schlagen!"

Ferner finden in Obertrubach überregionale Veranstaltungen der rechtsextremistischen Szene auf einem Privatgrundstück eines Aktivisten des FNS statt. Am 21. Mai besuchten dort rund 140 Personen ein Skinhead-Konzert. Etwa 60 Personen des rechtsextremistischen Spektrums beteiligten sich hier außerdem am 25. Juni an einer Sonnenwendfeier.

Laut Verfassungsschutz sind ebenfalls zwei Skinhead-Bands im Raum Oberfranken aktiv: Die Gruppe "MPU" hat bislang keine Konzerte gegeben, wohingegen "Burning Hate" im Mai in Amberg aufgetreten ist.

Gegen Rechtsradikalismus wendet sich das Forchheimer "Bündnis gegen Rechtsextremismus", das heute mit der Türkischen Gemeinde Forchheim um 17.15 Uhr einen Begegnungsabend in der Yunus Emre Moschee veranstaltet. "Wir wollen der rechtsextremen Denkweise eine weltoffene Haltung entgegensetzen", sagt Atilla Karabag, Koordinator der türkischen Gemeinde. Dass dies nötig ist, weiß er aus eigener Erfahrung. "Ich fühle mich oft ausgegrenzt. Mit Migrationshintergrund ist es sehr schwierig, eine gesellschaftliche Rolle, beispielsweise in der Politik, zu erlangen."