Forchheim
Prosa

Martin Walser und sein Unglücks-Glück

Der 88-jährige Literat MArtin Walser adelt mit seiner Lesung die Forchheimer Literaturtage "Blätterwald" und beeindruckt mit seinem Auftritt die zahlreichen Zuhörer.
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Martin Walser in Forchheim  Foto: Barbara Herbst
Martin Walser in Forchheim Foto: Barbara Herbst
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Walser kommt! Schlagartig hat diese Nachricht den Forchheimer "Blätterwald" in die erste Liga der regionalen Literaturveranstaltungen katapultiert. Obwohl diese Spielart des Vorlesens eigentlich schon dort war mit Autoren aus der ersten Reihe (oder kurz davor), die dem Literaturprojekt von Kulturamt und VHS des Landkreises sowie der Sparkasse Forchheim die Ehre geben. Martin Walser stellte sich für die Auftaktveranstaltung der 3. Literaturtage zur Verfügung, und erwartungsgemäß füllte die Veranstaltung den Kundenraum der Sparkasse bis auf den letzten Platz.

Walser also. Ein Mann, nein ein Denkmal, das die deutsche Nachkriegsliteratur wie ein Böll, Grass, Lenz, Enzensberger, Handke oder eine Bachmann geprägt hat. Dem mehr als 30 Ehrungen und Preise zuerkannt wurden.

Ein Monolith der Worte. Der anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels 1998 in der Frankfurter Paulskirche eine "Instrumentalisierung des Holocaust" ablehnte und damit kontroverse Diskussionen provozierte. Ein Mann, so sagt es Sparkassen-Vorstand Ewald Maier bei der Begrüßung, "der etwas zu sagen hat. Der Geschichte erlebt und Literaturgeschichte belebt hat. Der die Menschlichkeit zum Theater macht und deren Welt auf die Bühne stellt".


Ein zitierfähiger Ritterschlag

Der 88-Jährige geht zum Podium, Maier hilft ihm bei den Stufen. Dann hebt der Gast die Arme, fast entschuldigend, fängt das Glas Wasser, damit es nicht vom schrägen Pult rutscht, was dem Publikum ein "huch!" entlockt. Beginnt mit einem Kompliment. Er sei schon in viele Titel von Lesungen eingebunden gewesen, "aber noch nie war einer so lyrisch schön wie der Blätterwald. Ich hoffe, dass ich ihm gerecht werden kann." Danke.

Ein zitierfähiger Ritterschlag für die Initiatoren. Erklärt dann, dass ein Buch eigentlich nicht geplant war: "Aber ich schreibe, was die rechte Hand will".

Klar, auch diese Lesung eine Inszenierung. Eine Selbstbespiegelung, die Walser so meisterhaft in seinen Romanen und Essays variiert und damit beim Forchheimer Publikum gemischte Gefühle zurücklässt. Gehörtes wird zum Unerhört. Ausrufezeichen! Geschlechterkampf am Krankenbett eines Theaterregisseurs, der nach einem leichten Schlaganfall im Krankenhaus liegt. Herausgerissen aus der Inszenierung der "Möwe" von Anton Tschechow, einem Reigen des Unglücklich seins.

Er inszeniert weiter, vom Krankenzimmer aus. Nicht nur das Stück, sondern auch sich selbst. Die Nachtschwester Ute-Marie, seine Frau Dr. Gerda und er sind verwoben in eine Dreiecksgeschichte aus Liebesgesäusel, Tragik und Komik. Ein Thema mit Lebenswirklichkeit, ohne das Bühnendramatik nicht denkbar ist.

"Die Inszenierung" (erschienen 2013), ein Produkt der Altersfantasie des damals 85-jährigen Schriftstellers, eitel und selbstverliebt am Rand der Peinlichkeit, wie man im Geraune nach der Lesung vernehmen konnte. Wenn Regisseur Augustus zum Beispiel über das Wesen des Geschlechtsverkehrs doziert und Ehefrau Dr. Gerda Liebschaften als Steckdosen, Spenderinnen von Energie bezeichnet?

Gemach. Man darf, wie Walser selbst erklärend warnt, den Autor für seine Figuren nicht verantwortlich oder gar haftbar machen. Allein schon sein ironischer oder spöttischer Grundtenor des Umgarnen und Einvernehmens hebt die Geschichte, die nicht erzählt wird, sondern in Dialogen passiert, über das Triviale hinaus.

Martin Walser steht mehr als eine Stunde gerade am Pult, färbt die Dialoge der Handelnden kaum ein, wird eher leiser - es hat den Anschein von Belanglosigkeit. Umso mehr heben sich sprachliche Pretiosen und Erkenntnisse ab: "Man hält es nur aus miteinander, wenn man wartet", "Wir sind zu sehr eins. Also haben wir nichts voneinander."

Die Zuwendung zu den drei "Ex" sei auf die "Immunschwäche der Seele" zurückzuführen. "Die Ehe ist ein Kunstwerk der Verheimlichung." Schließlich "Nur eine nicht glückende Liebe ist die Liebe" und "Unglücks-Glück ist das alles wendende Glück".


Scheitern der Anti-Helden

Bekannt wurde Walser durch seine Darstellung innerer Konflikte der Antihelden in seinen Romanen und Erzählungen. Ein immer wiederkehrendes Motiv ist das Scheitern am Leben, in unserem Fall an der Liebe ("In dem Moment, als sich Ehefrau und Geliebte treffen, hat unser Held im Krankenbett schon verloren" sagt eine Frau, die zum Signieren am Schriftenstand ansteht, vielsagend lächelnd).

Seit 1953 wurde Walser regelmäßig zu den Tagungen der Gruppe 47 eingeladen, die ihn 1955 auch gleich als Preisträger auszeichnete. Er war 1967 dabei, als die Literatenvereinigung, in Auflösung begriffen, sich in der Pulvermühle zu Waischenfeld das letzte Mal traf. Als ihm ein Bildband über die Gruppe 47 zum Signieren vorgelegt wird, lächelt er nur, sagt aber nichts dazu.

Martin Walser blickt nach vorne. Auch mit 88. Er hat einmal gesagt: "Geschrieben zu haben, gelesen zu haben nützt nichts. Nur Schreiben hilft. Lesen hilft." Im Februar 2016 erscheint sein nächstes Werk.

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