Forchheim
Preisverfall

Kaufen, wo Milch im Kreis Forchheim "ein Gesicht" hat

Für magere 22 bis 23 Cent pro Liter müssen Bauern auch im Kreis Forchheim ihre Kühe pflegen, füttern und den Hof betreiben.
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Hier weiß man, wo die Milch herkommt: Markus Galster beliefert nicht nur die Bayerische Milchindustrie sondern ist mit seiner Milchtankstelle in Gosberg auch Direktvermarkter. Foto: Andreas Oswald
Hier weiß man, wo die Milch herkommt: Markus Galster beliefert nicht nur die Bayerische Milchindustrie sondern ist mit seiner Milchtankstelle in Gosberg auch Direktvermarkter. Foto: Andreas Oswald
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"Ich würde auch 1,50 Euro oder etwas mehr für die Milch bezahlen, wenn's für die Bauern etwas brächte", sagt eine Hausfrau vor dem Milchregal. Dort präsentieren sich die Molkereiprodukte so bunt wie die Preise: von der billigen Eigenmarke des Supermarktes, die von 55 Cent nochmals auf 46 Cent reduziert worden ist, bis zur Bio-Markenmilch eines überregionalen Produzenten für 1,39 Euro oder eines regionalen Biohofes für 1,69 Euro. "Bleibt bei den teureren Produkten zumindest etwas mehr beim Bauern hängen?", fragen wir nach bei einem Händler, einem Milcherzeuger und beim Bayerischen Bauernverband (BBV).

"Wir Händler sitzen zwischen allen Stühlen", erklärt Tobias Krause, der als selbstständiger Kaufmann den Rewe-Markt in der Bayreuther Straße betreibt.
"Wir schauen, dass wir eine gesunde Mischung haben: Wir müssen die Belange der Hersteller sehen, haben aber ebenso die Bedürfnisse der Kunden im Auge."

All jene, die den Produkten heimischer Erzeuger den Vorzug geben, verweist Tobias Krause auf die Regional-Theke. Da hat er beispielsweise die Milch vom Biohof Stähr aus Eggolsheim-Unterstürmig im Sortiment. "Da hat die Milch noch ein Gesicht - hier wissen die Kunden, wer dahintersteht", betont Tobias Krause. "Der Milchpreis wird mit dem Erzeuger fair verhandelt", versichert der Supermarkt-Geschäftsführer. Für 1,69 Euro wird der Liter im Supermarkt verkauft.

Roland Stähr, der selbst keine Kühe hat, sondern eine Kleinmolkerei betreibt, bezieht die Milch von einem Bio-Bauern aus der Gegend von Rattelsdorf, dem er einen Extra-Bonus bezahlt. In seiner Hofmolkerei produziert Stähr neben Trinkmilch auch Quark und Joghurt. Er verkauft an Endverbraucher ebenso wie er den Einzelhandel beliefert. "Wir haben wirklich faire Handelsbeziehungen", bestätigt Roland Stähr.


Großmolkereien sahnen ab

Bei der Frage, ob bei den hochpreisigen Markenprodukten überregionaler Molkereien auch die Landwirte als Erzeuger etwas besser profitieren, winkt der Gosberger Milchbauer Markus Galster ab: "Bei den Exklusivmarken sahnen hauptsächlich die Molkereien und der Handel ab." Kaum ein Kunde wisse beispielsweise, dass die Marke Weihenstephaner zum Müller-Milch-Konzern gehöre. Wenn man den Milchbauern helfen wolle, dann höchstens über den Kauf von fairer Milch und bei Direktvermarktern, betont Markus Galster.


Milch-Tankstelle

Er selbst betreibt seit einem Jahr eine "Milch-Tankstelle" in Gosberg. Hier kostet der Liter (Roh-)Milch einen Euro. Das Angebot werde gut angenommen. "Niemand stößt sich an dem Euro", betont Galster, der 75 Kühe im Stall hat.

Doch der Grundpreis von aktuell 24 Cent pro Liter - Tendenz fallend -, den er bei der Lieferung an die Bayerische Milchindustrie (BMI) bekommt - decke den ganzen Aufwand nicht mehr. Eine prekäre Situation für Galster, der 70 Prozent seiner Einnahmen aus der Milchproduktion erzielt. Galster ist ein Stück weit sauer auf die Politik. Mit der Förderung von Stallbauten habe sie die Bauern zu Betriebsvergrößerungen animiert - und wer viel Geld in Ställe investiert habe sei nun auf Gedeih und Verderben dem Markt mit seinem Preiskarussell ausgeliefert.
Mittlerweile seien schon Betriebe mit 70 Kühen gezwungen aufzugeben und das Vieh zum Schlachthof zu bringen.


Restmilch landet auf Spot-Markt

Bei Billig-Milch könne man davon ausgehen, dass die Molkerei den Niedrigpreis 1:1 an den Erzeuger weiterreiche - was bedeute, dass der Bauer mit mageren 22 bis 23 Cent abgespeist werde, erklärt Werner Nützel, Geschäftsführer des BBV Forchheim. Die Restmilch, die von der Molkerei nicht mehr an den Handel weitergegeben werden könne, werde auf dem Spot-Markt für sage und schreibe zwölf Cent gehandelt und gehe letztlich nach Italien.
Die Schuld an diesen Zuständen macht Nützel nicht nur in der Politik aus, sondern in der gesamten Gesellschaft mit ihrer "Geiz-ist-geil"-Mentalität. Der Lebensmitteleinzelhandel, der zweifelsohne in einem hohen Konkurrenzkampf stehe, tue im Kampf um den Kunden ein Übriges, um mit seinen Sonderangeboten die Erzeugerpreise zu drücken.

Nützel empfiehlt, Milch aus der Region zu kaufen. Mittlerweile gebe es Milchtankstellen in Gosberg, Gaiganz, Dorfhaus, Igensdorf und künftig auch in Kemmathen. Der BBV-Geschäftsführer appelliert, an einer bayernweiten Unterschriftenaktion teilzunehmen, die das Ziel hat, unter anderem ein Verbot von Rabattaktionen bei Lebensmitteln in die Bayerische Verfassung aufzunehmen.
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