Gasseldorf
Portrait

Josef Kaiser aus Gasseldorf wird 100 Jahre alt

Josef Kaiser feiert 100. Geburtstag. Ein seltener Zeitzeuge blickt zurück auf seine Kindheit, die Erlebnisse bei der Marine und seine Rückkehr nach Franken.
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Erinnerungen eines 100-Jährigen: Wenn Josef Kaiser zurückblickt, betont er vier Ereignisse, die sein Leben besonders geprägt haben. Foto: Ronald Heck
Erinnerungen eines 100-Jährigen: Wenn Josef Kaiser zurückblickt, betont er vier Ereignisse, die sein Leben besonders geprägt haben. Foto: Ronald Heck

"Wenn ich mein Leben betrachte, dann waren es vier Erlebnisse, die mein Leben geprägt haben", sagt Josef Kaiser lächelnd. Der rüstige Senior feiert heute seinen 100. Geburtstag. Am 23. Juni 1917 kam er als fünftes Kind eines Lehrers und einer Hausfrau in Tiefenstürmig zur Welt. Auf dem Balkon seines Hauses in Gasseldorf, blickt Kaiser zurück auf ein Jahrhundert Lebenserfahrung.

Seine Kindheit verbrachte er "wohlbehütet" in Drosendorf und Gremsdorf. "In Gremsdorf hatten wir einen herrlichen Garten!", erinnert sich Kaiser gerne zurück, während er den Blick ins Wiesenttal streifen lässt.


Strenge Erziehung im Aufseesianum

Nach der vierten Klasse wechselte er an die Oberschule in Bamberg und lebte im katholischen Internat Aufseesianum. Die Erzieher dort waren "sehr streng", jeden Morgen mussten die Schüler um sieben Uhr in Reihen zur Kapelle marschieren. Dort lernte er jedoch Orgel spielen - ein Glücksfall für Josef Kaiser. "Von Kindesbeinen an habe ich die Musik sehr gerne gehabt", erläutert er.

Er lernte außerdem Geige und Bratsche und sang die Alt-Stimme im Chor. Die letzten zwei Jahre im Aufseesianum leitete er deren Blaskapelle - das war Mitte der 1930er Jahre. "Von einem Tag auf den anderen wurde die Kapelle dann zu einer Hitlerjugend-Kapelle gemacht", erinnert er sich. Von nun an mussten die jungen Musiker in HJ-Uniformen spielen. 1936 absolvierte Josef Kaiser sein Abitur.


Shanty-Lieder aus Afrika

Das erste Ereignis, das Kaiser besonders prägte, war der Besuch eines Oberleutnants der Kriegsmarine in der Schule, der für die Marine warb. "Das war so eindrücklich, dass ich Fernweh bekam." Er entschloss, Marineoffizier zu werden, woraufhin er sich in Stralsund und Flensburg ausbilden ließ.

"Mein Fernweh wurde auch sehr bald gestillt." Ab 1937 fuhr er mit dem Kadettenschiff Schleswig-Holstein rund um Afrika, später nach Westindien. Noch heute kann er alte Shanty-Lieder auswendig - auch englische, die er zusammen mit britischen Marinesoldaten im südafrikanischen Simon's Town gesungen hat.
 

 


Die Schleswig-Holstein wurde später unrühmlich bekannt als das Schiff, "das den Krieg eröffnet hat", fügt Kaiser hinzu. Am 1. September 1939 feuerte die Schleswig-Holstein vor Danzig auf polnische Stellungen, die ersten Schüsse des Zweiten Weltkriegs. Während des Krieges diente Kaiser auf dem Panzerschiff Admiral Scheer.

 

 


Jugendliebe in Nürnberg erblickt

Das zweite Erlebnis, das er nie vergessen wird, war im Frühjahr 1942, als er in Nürnberg an der Straßenbahnhaltestelle wartete. "Und ich schaue rüber und denke: Die kennst du doch", erinnert sich Kaiser ganz genau. Er entdeckte seine Jugendliebe Josefa. "Ich war unsterblich in sie verliebt", sagt er. Kurz nach dem glücklichen Moment in Nürnberg, verlobten sich die beiden und heirateten ein Jahr später.

Nach dem Krieg wollte Josef Kaiser Lehrer werden, was zum dritten unvergesslichen Moment für ihn führte. Damals brauchte er eine Lehrererlaubnis der Amerikaner. Mit einem 21 Seiten langen Fragebogen sei er nervös vor dem Büro gestanden. Der Kandidat vor ihm sei schroff abgewiesen, "angeschrien und niedergemacht" worden.

Kaiser machte sich Sorgen wegen seiner Vergangenheit als Musikzugführer bei der Hitlerjugend und ehemaliger Marineoffizier. Glücklicherweise war der Amerikaner auch bei der Marine gewesen und sie kamen ins Reden. Zu seiner Überraschung erhielt Kaiser die Lehrererlaubnis.

Nach dem Krieg mangelte es vierlerorts in Deutschland an Lehrern. Kaiser wollte also wieder zurück nach Tiefenstürmig. Das Gespräch mit dem Schulamtsleiter war der vierte Einschnitt, der das Leben von Josef Schneider besonders prägte: Weil in Gasseldorf ein Schulleiter dringender gebraucht wurde, zog die Familie dorthin.

 

 


65 Schüler in einem Zimmer

1946 kam sein erster Sohn Gerhard zur Welt. Damals gab es noch die einklassige Schule: Das heißt, in Gasseldorf unterrichtete Kaiser 65 Kinder gleichzeitig. Von der ersten bis zur achten Klasse teilten sich alle Schüler ein Zimmer. Mit Frau und Kind lebten sie in einem 35 Quadratmeter großen Haus, direkt gegenüber der Schule. Es gab nur ein Wohnzimmer, ein Schlafzimmer und ein "Plumpsklo". Das Ehepaar bekam den zweite Sohn Hans Martin und die Tochter Christiane. 1950 wurde der dritte Sohn Rainer Sebastian geboren. Er starb jedoch im Alter von nur acht Monaten nach Komplikationen mit einer Pockenschutzimpfung. "Das war das Schlimmste, was ich je erlebt habe", sagt Josef Kaiser.

 

 


Die Liebe für Musik erhalten

Zurück in der fränkischen Heimat pflegte er wieder intensiv seine Leidenschaft für Musik. Zusammen mit Berufskollegen gründete er ein "klassisches Lehrer-Quartett", wie er es strahlend nennt. Dort spielte er die Bratsche. Außerdem leitete er 50 Jahre lang den Gasseldorfer Gesangsverein.

1958 gründete er zusammen mit zehn Männern, die damals noch nicht einmal Noten lesen konnten, zudem eine Blaskapelle. Nach Auftritten bei Prozessionen und Wallfahrten, wurde aus der Gruppe später die Stadtkapelle von Ebermannstadt. Josef Kaiser arbeitete 21 Jahre lang als Lehrer. Kurz bevor die einklassigen Schulen in Bayern aufgelöst wurden, wurde er Oberschulrat am Schulamt.

In dieser Position setzte er in der Region Schulreformen durch, was viel Überzeugungsarbeit in den Gemeinden erforderte. 1982 wurde er in den Ruhestand entlassen.

 

 


Der Glaube an Schutzengel

"Zu Hause habe ich aber fast mehr geschrieben als im Amt", erinnert er sich. Seine Frau wurde 1964 taub, nachdem sie Medikamente einnahm. 13 Jahre lang konnte er sich nur schriftlich und mit der Fingersprache mit seiner Frau unterhalten, bis sie ein Ohrimplantat in Regensburg erhielt. Bis zu ihrem Tod vor sieben Jahren lebten Josef und Josefa "sehr glücklich zusammen".

Wenn Josef Kaiser zurückblickt, dann sagt er: "Ich glaube an Schutzengel, denn ich habe selbst viel Glück in meinem Leben gehabt."

 

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