Pretzfeld
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Fränkische Jahre nach dem Krieg

In seinem Buch "Raststraße" erinnert sich Joachim Kortner eindringlich über die Nachkriegszeit in Franken. Damit zieht er auch sein Pretzfelder Publikum in seinen Bann.
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Der Ebermannstadter Autor Joachim Kortner bei seiner Lesung in Pretzfeld  Foto: Roppelt
Der Ebermannstadter Autor Joachim Kortner bei seiner Lesung in Pretzfeld Foto: Roppelt
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Auch in der zweiten Autorenlesung des Ebermannstadter Romanautors Joachim Kortner konnte jeder der Besucher im kleinen Sitzungssaal des Rathauses die knisternde Spannung spüren. Der 1939 in Oppeln/Oberschlesien geborene Autor musste schon 1944 als Fünfjähriger in den Kriegswirren miterleben, was es bedeutet, nur mit dem Allernötigsten auf der Flucht zu sein.

So strandete er mit der Mutter und drei Brüdern zunächst in Brandenburg. Wegen der Berlin-Blockade wagte die Familie 1948 mit Unterstützung eines Fluchthelfers die riskante Flucht in den Westen. Sie erreichte Coburg. Nach der gelungenen Zusammenführung der Familie lebte der Autor dort zehn Jahre lang zusammen mit acht anderen Menschen in einer 35 Quadratmeter großen Mansardenwohnung in der Raststraße.


Das Schicksal der Tante

Früher, so erinnert sich Kortner, war die Raststraße eine Art Kinderstraße, in der das Leben pulsierte. Die Zeit 50er-Jahre mit dem Auftreten der späten Russlandheimkehrer, dem Ungarischen Volksaufstand und den Schwurgerichtsprozessen gegen die NSDAP-Mitgliedern prägten Kortners Bewusstsein nachhaltig.

In "Raststraße", seinem fesselnd in der Gegenwartsform geschriebenem Roman, schlüpft der Autor in die Person von Jakob. Er begleitet den anfangs Neunjährigen bis zu dessen 19. Lebensjahr. Immer eindringlicher wird Jakob mit den NS-Verbrechen konfrontiert. Obgleich die Erwachsenen durchaus auch versuchen, die dunkelbraune Vergangenheit vor den Kindern und Jugendlichen zu verbergen. Erst als junger Erwachsener erfuhr Jakob beispielsweise, dass seine Tante aufgrund einer durch eine Hüftluxation verursachte Gehbehinderung "in die Anstalt" gekommen war.

Damit war das Schicksal der Tante besiegelt. Sie starb - wie viele körperlich oder geistig behinderte Menschen vor und nach ihr - unter den Händen der Nazi-Schergen.
Im Gespräch mit dem Autor erweist sich, dass ihn die eigenen Erlebnisse bis heute noch bewegen. In seinem 241 Seiten starken Roman bildet das "Biotop Coburg" den geographischen Mittelpunkt.

Lebendiger Schreibstil

Der Leser wird in eine Zeit entführt, in der die damaligen Geschehnisse in eindrucksvoller Weise wieder lebendig werden.

Sicher ist es nicht nur Kortners lebendigem Schreibstil zu verdanken, dass sich selbst junge Leser unweigerlich in der Person des Hauptakteurs Jakob wiederfinden. Dabei sieht der Romanautor seine Mutter als die eigentliche Heldin. Ihr hat er auch seine beiden Bücher gewidmet. Seit 1969 lebt Kortner nun schob in Ebermannstadt.
Die Fränkische Schweiz ist dem eindrucksvollen Schriftsteller mittlerweile eine Heimat geworden.

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