Forchheim
Historie

Forchheim zur Zeit von Hitlers Machtergreifung

Noch im Frühjahr 1933 unterschätzen die politischen Gegner die weltumstürzenden Ambitionen der NSDAP. Der oberfränkische Gauleiter Hans Schemm profiliert sich mit straffer Führung und einer motivierten Gefolgschaft.
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Auch die Menschen in Forchheim mussten sich in den 1930er-Jahren an die Aufmärsche der nationalsozialistischen Organisationen gewöhnen. Repro: Stadtarchiv Forchheim
Auch die Menschen in Forchheim mussten sich in den 1930er-Jahren an die Aufmärsche der nationalsozialistischen Organisationen gewöhnen. Repro: Stadtarchiv Forchheim
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Hitlers Ernennung zum Reichskanzler setzte die Praxis fort, mit der Reichspräsident Paul von Hindenburg seit 1930 Regierungschefs ins Amt rief. Diese waren alle von seinem Vertrauen und seiner Gnade abhängig, weil sie keine Mehrheit im Parlament hatten. Hitlers Berufung aber wurde - im Gegensatz zu der Brünings, Papens oder Schleichers - weithin als "nationale Revolution" gefeiert.

In Forchheim veranstaltete die NSDAP-Ortsgruppe nach dem Bericht des Forchheimer Tagblatts noch am Abend des 30. Januar 1933 "einen Umzug mit klingendem Spiel durch die Straßen der Stadt". Mit Kundgebungen ähnlicher Art machten die Nationalsozialisten in den folgenden Tagen auch in der Fränkischen Schweiz den besonderen Charakter des Regierungswechsels deutlich. Nächtliche Aufmärsche mit Fackeln und Fahnen gehörten zum nationalsozialistischen Feierkult. Im Wiesent-Boten war zu lesen, dass die Pottensteiner mit einem "stattlichen Fackelzug" Hitlers Ernennung zum Reichskanzler feierten. Am Marktplatz würdigten "Bayreuther Parteigenossen" die "Bedeutung des Tages als Gründungstag des 3. Reiches" und forderten "zur Einigung aller Deutschgesinnten" auf.

In Ebermannstadt marschierte am 3. Februar, einem Freitagabend, die SA mit über 100 Mann "unter Trommelschlag und den Klängen der Ebermannstädter Jugendkapelle" durch die Straßen der Stadt und Breitenbachs.

"Bis zum Endsieg"

Auf dem Marktplatz warf der Bamberger Kreisleiter und SA-Sturmführer Lorenz Zahneisen der Bayerischen Volkspartei (BVP) vor, "national" unzuverlässig zu sein und machte sie verantwortlich für die erneute Auflösung des Reichstags. "Adolf Hitler ist Kanzler und bleibts, und der Herrgott wird zum Endsieg, dem Neuerstehen des Deutschen Reiches, seinen Segen geben", tönte Zahneisen.

Damit war die Parole ausgegeben, unter der der Wahlkampf bis zum 5. März geführt wurde. Hitlers Regierungsübernahme sollte als Beginn einer "nationalen Erhebung" für alle sichtbar inszeniert werden. Am spektakulärsten verlief das zweitägige SA-Treffen am 11. und 12. Februar in Pottenstein. Illuminiert von einem Höhenfeuer marschierten 350 SA-Männer, unterstützt von einer SA-Reiterabteilung sowie 250 Fackelträgern mit Spielmannszug und Kapelle durch die Straßen der Stadt.

Mit Hitlers Ernennung zum Reichskanzler war die NSDAP zur Regierungspartei geworden, gegen die die anderen Parteien einen ungleichen Wahlkampf führen mussten.
Mit dem Rundfunk stand den Nationalsozialisten ein neues Medium zur Werbung zur Verfügung. Auf der anderen Seite konnte durch die "Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutze des Deutschen Volkes" vom 4. Februar 1933 die Versammlungs- und Pressefreiheit eingeschränkt werden.

Das bekam das Bamberger Tagblatt mit seiner Forchheimer Zeitung als Nebenausgabe zu spüren. Sie wurden für drei Tage verboten, weil sie "nach Ansicht des Reichsinnenministers Dr. Frick in einem Kommentar zum Aufruf der Reichsregierung diese verächtlich gemacht hatten".

In Oberfranken war die NSDAP in der Phase der Regierungsübernahme bestens aufgestellt und galt im Gegensatz zu Mittelfranken geradezu als Mustergau. Während dort der "Frankenführer" Julius Streicher mit seiner SA-Führung in Konflikt geriet, konnte sich Gauleiter Hans Schemm großer Erfolge rühmen.
Im Superwahljahr 1932 hatte er Oberfranken mit einem "Versammlungs-Trommelfeuer" überzogen, seine 26 Gauredner flächendeckend eingesetzt und für sie so viele Fahrzeuge angeschafft, dass sie "an jedem Tag in jedem Bezirk mehrere Veranstaltungen" bestreiten konnten, schreibt sein Biograf Franz Kühnel.

BVP unterschätzt Hitler

Dem hohen Organisationsgrad seines Parteibezirks und der Schwäche der benachbarten Parteiführer hatte Schemm es wohl zu verdanken, dass Hitler am 19. Januar 1933 Oberfranken mit der Oberpfalz und Niederbayern zur "Bayerischen Ostmark" zusammenfasste und ihm die Gauleitung übertrug.
Im Vergleich mit den Wahlkämpfen des Vorjahres verlief der Februar 1933 verhältnismäßig ruhig. Die spektakulärste Kundgebung veranstaltete die BVP am 22. Februar in Forchheim mit ihrem Landesvorsitzenden, Staatsrat Fritz Schäffer. Schäffer wehrte sich gegen den Vorwurf, schuld an der erneuten Auflösung des Reichstags zu sein. Pathetisch rief Schäffer in die Runde: "Wer ist es gewesen, welches Land war es, das den Kampf gegen die Revolution am erbittertsten, am leidenschaftlichsten und am erfolgreichsten geführt hat? Es ist Bayern gewesen!"

Schäffer hat sich innerhalb der BVP dafür eingesetzt, zumindest zeitweise mit Hitler auch eine autoritäre Lösung der Staatskrise zu versuchen. Offensichtlich unterschätzte die BVP aber Hitlers Willen zur Macht. Sie ließ sich täuschen, weil sie selbst unter dem Eindruck eines "durch den Weltkrieg, die Niederlage und die Kriegsfolgen radikalisierten deutschen Nationalismus" (Hans-Ulrich Wehler) stand. Während in Forchheim Stadt und Land die BVP in der Reichstagswahl vom 5. März 1933 stärkste Partei blieb, siegte im Landkreis Ebermannstadt erstmals die NSDAP. Hier, in der Fränkischen Schweiz, lagen die Nationalsozialisten deutlich über dem Landesdurchschnitt.

Ausschlaggebend für diesen Erfolg waren auch die protestantischen Gemeinden. Kurzum: Die Konfession entschied bei der Stimmabgabe. Trotzdem herrschte laut Martin Broszat, der die Polizeiberichte des Bezirksamts Ebermannstadt ausgewertet hat, zwischen den beiden Konfessionen im Allgemeinen "ein gutes, spannungsloses Verhältnis".

Weder habe der Nationalsozialismus bei der evangelischen bäuerlichen Bevölkerung "eine verläßliche oder gar fanatische überzeugte Anhängerschaft gefunden". Noch seien Katholiken "gegenüber der Propaganda des Nationalsozialismus immun geblieben".

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