von Anja Greiner

Denken Sie mal kurz nach: Wie lautete gestern die Schlagzeile im Fränkischen Tag? Welchen Film haben Sie zuletzt im Kino gesehen? Und welche Kleidung trugen Sie gestern? Diese Fragen liegen auch auf dem Tisch, vor dem Gertraud Mädler und die anderen Teilnehmer am Gedächtnistraining grübelnd sitzen. Ab und zu huscht ein Lächeln über die Gesichter. Die Schlagzeile, der Film oder das Kleidungsstück haben den Weg vom Kurzzeitgedächtnis aufs Papier gefunden. Dort hatte das Gehirn die Informationen zwischengespeichert, um sie dann entweder zu löschen - da das Kurzzeitgedächtnis lediglich über einen begrenzten Speicherplatz verfügt - oder um sie bei mehrmaliger Wiederholung ins Langzeitgedächtnis aufzunehmen.

Während Gertraud Mädler die eben vom Kurzzeitgedächtnis erhaltene Information aufschreibt, wird auch das Langzeitgedächtnis aktiv: Die 92-Jährige schreibt in Steno. "Was man in der Jugend lernt, vergisst man nicht mehr", lächelt Mädler, wohlwissend, dass darunter auch die eine oder andere Erinnerung ist, für die sich das Vergessen lohnen würde.

Zusammen mit Gundi Danke und Marianne Wiesmüller leitet Erika Schneider seit dem Beginn vor 15 Jahren das Gedächtnistraining in Heroldsbach. Die staatlich geprüfte Gedächtnistrainerin hatte zu Beginn ihrer Rente nach einer ehrenamtlichen Tätigkeit gesucht, mit der sie sich gleichzeitig ihrer größten Herausforderung stellen konnte: "Selbstverantwortlich im Alter handeln zu können." In dem Kurs sollen daher nicht nur die Nervenbahnen im Gehirn, sondern auch "der Körper und die Seele " trainiert werden, betont die 71-Jährige, die der Gruppe gerade ein selbstgeschriebenes Herbstgedicht vorgelesen hat.

Kofferpacken mit Bäumen


Nach der Aufwärmübung fürs Gehirn, bei der jeder seinen Koffer mit einem Laubbaum packen musste - das Thema des Kurses war der Herbst - ist daher ein wenig Tanz an der Reihe. Leider ohne Musik. Die CD wurde vergessen.

Da keiner die Laubbäume vor dem Tanzen aus dem Koffer genommen hatte, haben sich die Buchstaben zu "Mausbechen", "Deiln", "Kasteniroßa" oder "Idewe" verdreht. Jetzt müssen die Teilnehmer das Wirrwarr wieder in die ursprüngliche Form bringen. Das eine oder andere ratlose Gesicht der Frauen, ob der Anagramme vor sich auf dem Papier, veranlasst Erika Schneider die Damen zu beruhigen: "Bei uns gibt es kein Nicht-Können. Das Gehirn soll einfach arbeiten, dabei ist es egal, ob man gleich auf die Lösung kommt. Das Hauptziel ist zu denken: Was könnte damit gemeint sein?" Hier waren Eschenbaum, Linde, Roßkastanie und Weide gemeint.

Dann soll Gertraud Mädler die Augen schließen. Weiß sie noch, welche Farbe das Oberteil ihres Gegenübers hat? "Grau", sagt sie, ohne zu zögern. Bei der Gedächtnisgruppe ist sie von Anfang an dabei. Sie wollte Leute um sich haben, aber auch "damit ich nicht einschlafe und geistig wach bleibe", fasst die 92-Jährige in Worte, was sie auch ausstrahlt.

Geburtstage im Kopf


Die 82-jährige Maria Schleicher geht nicht nur seit zwölf Jahren zum Gedächtnistraining, sondern auch ohne Einkaufszettel in den Supermarkt. Neben den Übungen hier im Kurs halten ihre neun Enkelkinder sie fit - deren Geburtstage sie natürlich alle sofort parat hat. "Die Geselligkeit macht mir hier am meisten Spaß und die schriftlichen Übungen", sagt Schleicher.

"Ich habe das Licht brennen lassen", erinnert sich Mädler an das Letzte, das sie vergessen hat und schüttelt dabei ungläubig ob dieses Versäumnisses den Kopf. Bereits mit kleinen Denkübungen im Alltag kann das Gedächtnis, vor allem das Kurzzeitgedächtnis trainiert werden. Egal in welchem Alter.

Also: Denken Sie mal kurz nach: Welche Farbe hat das Oberteil von Frau Mädlers Gegenüber? Wie viele Enkelkinder hat Maria Schleicher?