Wenn Horst Müller in eine fremde Stadt kommt, geht er in die Kirche und beginnt zu zeichnen. So hielt er es auch im Oktober, als er in Forchheim aus dem Zug stieg.
Er zeichnete St. Anton und den Maria-Schmerz-Altar in St. Martin. Am nächsten Tag kam er wieder und seitdem beinahe täglich. Er zeichnete das Rosengässchen, das schiefe Haus, die Fußgängerzone, die Fischkästen. Aber Horst Müller zeichnet nicht nur, er erkundet die Stadt, weil er eine Heimat sucht.

Noch lebt der 56-Jährige in Nürnberg, wo er aber nicht bleiben will. "Unsympathisch und unaufgeschlossen" sei die Stadt. "Live-Zeichner" steht auf Müllers Visitenkarte. Unterwegs mit dem Rollwägelchen, hat er seinen Block, die Stifte und einen Dreieck-Hocker immer bei sich. Er lässt sich nieder, wo er sich inspiriert fühlt - und beginnt zu zeichnen. Vor allem dort, wo viel los ist: Bei Konzerten, auf dem Standesamt, in der Fußgängerzone, während einer Hochzeit.
Geboren in Essen, verbrachte er seine Jugend im Aischgrund, wo seine Mutter herstammt. Müller ist gelernter Industriekaufmann, sein Zeichentalent sei "immer latent vorhanden gewesen". Entwickelt hat er es erst nach einer Lebenskrise - als 29-Jähriger. Da setzte er sich vor einen Spiegel und schuf ein Selbstporträt. Dann ging er in die Kneipen und begann die Menschen zu zeichnen. "Die Leute haben mir die Bilder für zehn oder zwanzig Mark abgekauft, so fand ich erste Bestätigung."

Maler ohne Fantasie


Er begann für Firmen zu zeichnen, bei Jubiläen oder Messen. "So wurde ich auf eine bestimmte Art und Weise Spezialist, eben ein Live-Zeichner". Er sei fähig, sich auf alle Raum - und Lichtverhältnisse einzustellen. Horst Müller malt auch in dunklen Theatern und in unbeleuchteten Kirchen.
Überraschend klingt allerdings dieser Satz aus dem Mund eines Künstlers: "Ich habe keine eigene Fantasie, ich brauche etwas vor mir, das ich abarbeite." Das, was Müller am liebsten vor sich hat, sind Jazzmusiker, während sie spielen und Schauspieler, während sie auf der Bühne stehen. "Jazzmusiker ziehen mich förmlich in den Bann". Oscar Peterson, Chick Corea, Dave Brubeck, kaum einer der Großen, den Müller nicht gemalt hat. Seine Nürnberger Wohnung steht voll: "Ich habe hunderte Bilder alleine beim Jazzfestival in Salzburg gemalt."

Was Horst Müller nicht hat, ist ein Raum zum Zeichnen; ein Ort, wo er willkommen sei. "Ich habe nie ein Zuhause gehabt und möchte eines haben". Er glaubt, dass Forchheim sein Ort ist. "Ich möchte ein normaler Mitbürger dieser Stadt werden." Zu bieten habe er viel. Er sei nicht nur Live-Zeichner, er könne auch in einer Malschule aktiv werden oder - dank seiner Kontakte in die Jazz-Szene - als Veranstalter von Konzerten.

Horst Müller hat die Bürgerforen besucht, als das Forchheimer Entwicklungskonzept diskutiert wurde. Er hat sich ein Bild vom Jungen Theater und von den Geschäften der Innenstadt gemacht; er hat sich im Stadtbauamt vorgestellt und dem Oberbürgermeister einen Brief geschrieben und eine Liste seiner Ideen beigelegt. "Forchheim hat eine tolle Kapazität, die nicht genutzt wird", meint der 56-Jährige. "Ich möchte helfen, Forchheim zu beleben und zu vitalisieren."

Sobald es wärmer wird, werde man ihn täglich in der Innenstadt sitzen und malen sehen. Er hofft, dass er bis dahin eine Bleibe in Forchheim gefunden hat. Der Live-Maler ist überzeugt, dass die Forchheimer ihn aufnehmen und ihm einen Raum zum Malen zur Verfügung stellen werden. "Als Künstler", sagt Horst Müller, "hat man immer einen Freiraum."