Weißenohe
Ausstellung

Eine Weißenoher Ausstellung über das Vergessen

Im Weißenoher Kunstraum setzen sich derzeit Künstler mit verblassenden Erinnerungen auseinander. Manche erkennen darin ein gesellschaftliches Symptom unserer Zeit.
Artikel drucken Artikel einbetten
Die Bilder und Skulpturen laden zum Diskutieren ein. Fotos: Barbara Herbst
Die Bilder und Skulpturen laden zum Diskutieren ein. Fotos: Barbara Herbst
+15 Bilder
Eine Figur mit schneeweißer Haut und buchstabenartigen Ornamenten beugt sich über einen Spiegel. "So sehe ich Narkissos, die Gestalt aus der griechischen Mythologie. Genauso hat sie Carvaggio gemalt", erklärt Andrzej Bednarczyk seinen Ausstellungsbeitrag zum diesjährigen Kunstraum Weißenohe.

Der polnische Kunsthochschulprofessor hat seinem selbstverliebten Menschen aber keinen Spiegel vors Gesicht gelegt, sondern einen Bildschirm. Auf ihm versucht ein bärtiges Gesicht, sich zu artikulieren. Es fällt ihm sichtlich schwer. "So mag es nach dem Turmbau zu Babel gewesen sein, es ist aber auch unser Zeitgenosse", fügt Bednarczyk an.

"Wir haben das Problem, dass wir ständig reden, aber die Fähigkeit zum Verstehen verloren haben", fasst er seine Interpretation des Ausstellungsthemas "Einsichten 0.1. Vom Schwinden der Erinnerung - Fading Memories" zusammen. Einen ganz anderen Weg ging bei der Vernissage am Freitag Hausherrin Katharina Winkler. Sie plauderte gewandt und detailreich über ihre Erinnerung an die erste Ausstellung im Jahr 1998.
Dann wiederholte sie den Text im rudimentären Wortschatz und mit allen sprachlichen Ausflüchten, die einem Menschen zur Verfügung stehen, dessen Sprachgedächtnis langsam verloren geht.

Unscheinbar ist die Tür zur ehemaligen Mälzerei. Spuren der ursprünglichen Bestimmung des Gebäudes sind allenthalben zu entdecken, bis hin zu urigen Sicherungskästen und wilden Leitungsbündeln. Räume, die nur mehr auf den Abrissbagger warten. Ein Gebäude am Ende seiner Bestimmung, wie das auf dem Cover des Ausstellungskatalogs.
Diesmal haben ihn die polnischen Partner Fondacija Transporter Kultura von Kurator Lutz Krutein gestaltet und ihn dem vorgegebenen Thema entsprechend mit Reminiszenzen an frühere künstlerische Begegnungen ausgestattet.


Totenschädel aus dem Barock

Verblassende Erinnerungen, verschwindende Bilder, zerfasernde Sprache - die Assoziationen der beteiligten Künstler sind vielfältig: reale Umsetzungen in verschiedenen Medien wie bei Georg Baier aus Aurachtal oder bei Daniel Birkmann aus der WerkStadt der Lebenshilfe Nürnberg.

Raumgebilde aus Stücken der Vergangenheit wie bei Tilmann Oehlers Installation aus alten Dachfenstern und kaputten Spielzeugautos. Oder Fotogalerien wie Menschen, die Speisen ihrer Heimat auch in der Fremde zubereiten. So Ulrika Eller-Rüters Beitrag.
Selbst einen Rückgriff auf Mal- und Bildideen des frühen Barock mit Totenschädel und aufgeschlagenem Buch hat Kamil Kuzko beigesteuert. Der versteckteste Beitrag stammt wohl von Michal Stonawski. In die noch vorhandene alte Stromversorgung hat er eigens komponierte Elemente eingestreut.
Ein Gedankengang, den viele Besucher nachvollziehen können, strahlt doch das ganze Gebäude von den Keimkellern im Untergeschoss bis unters Gebälk des Ziegeldachs Erinnerungen aus, vielleicht an Klettertouren durch verstaubte Dachböden oder aufgelassene Fabriken in der eigenen Kinderzeit. Selten haben ein Ort und ein Thema derart harmoniert und sich gegenseitig befruchtet.

Geboren wurde das Ausstellungsmotto, so berichtete Krutein den Besuchern, durch eine Mitarbeiterin der Diakonie in Gräfenberg. Sie wünschte sich eine öffentliche, ja künstlerische Auseinandersetzung mit den Phänomenen der Demenz. Für Krutein kulminiert dieser schleichende Prozess im "Verlust von allem, was uns Orientierung verschafft". Dauernd erhalte das menschliche Gehirn Informationen, die es sofort vergisst.
"Nur worauf wir uns konzentrieren, nehmen wir wahr. Wir brauchen das Abbild, um es in unsere Strukturen einzubauen", führte er die Anfangssituation in eine gesellschaftliche Analogie: "Informationen rieseln uns durch die Hände, zerbröseln, verrrinnen."



Termin
Die Ausstellung "Vom Schwinden der Erinnerung" läuft noch bis zum 27. September. Die Ausstellung hat freitags und samstags zwischen 14 und 18 sowie sonntags zwischen 11 und 18 Uhr geöffnet.

Ort Kunstraum Weißenohe, Klosterstraße 20 in 91367 Weißenohe

Kommentare (0)

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren