Waischenfeld
70 Jahre Kriegsende

Die Waffen flogen in die Wiesent

Am 14. April 1945 marschierten die Amerikaner in Waischenfeld ein. Sie nahmen im Rentamt, wo zuvor die SS residiert hatte, Quartier und begannen umgehend mit Hausdurchsuchungen.
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Das alte Waischenfelder Rentamt, heute der Standort der Grundschule, war damals zuerst Sitz der SS-Einheit, dann des "Ahnenerbes" und schließlich der Amerikaner. Das Foto stammt aus den 30er-Jahren. Foto: Archiv
Das alte Waischenfelder Rentamt, heute der Standort der Grundschule, war damals zuerst Sitz der SS-Einheit, dann des "Ahnenerbes" und schließlich der Amerikaner. Das Foto stammt aus den 30er-Jahren. Foto: Archiv
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Im Nachlass von Benedikt Spörlein, Waischenfelder Zahnarzt und während der Nazizeit Bürgermeister von Waischenfeld und NSDAP-Ortsgruppenleiter, fand sich ein handgeschriebener Zettel, der auf zwei Seiten Daten über den friedlichen Einmarsch der Amerikaner und die Zeit danach enthält. Vermutlich wurden die Einträge (mit Bleistift in Sütterlinschrift) von seiner Frau verfasst. Sie ergeben ein sehr persönliches Bild eines Augenzeugen.

Wie seit vielen Jahren bekannt, gilt Michael Arneth, der "Boders-Michel" aus der Sutte als Befreier von Waischenfeld. Er fuhr, als verwundeter Soldat aus dem Krieg entlassen, auf einem Fahrrad mit weißem Betttuch den Amerikanern entgegen, die von Hollfeld kommend schon bei Nankendorf standen. Er traf auf einen deutsch sprechenden Amerikaner in einem Jeep, der ihn dann vor sich her fahren ließ, als die Panzer und Militärfahrzeuge in Waischenfeld eintrafen. In den Aufzeichnungen wird der Augenblick des Einmarsches so beschrieben: "Samstag, 14.4.45: Amerikaner einmarschiert mit Panzer und Auto von Ndf (Nankendorf, die Red.) aus, gegen 10 h. Kampflos, eine Masch.-Gewehr-Salve gegen die Panzersperre am Eselsteg".

Nachdem die Amerikaner die "Location" gesichtet und gesichert hatten, ging man daran, "zu säubern". In den Aufzeichnungen heißt es dazu: "Einige Polizei-Auto (...) waren die erste Beute der Amerikaner. Insassen wurden gefangen genommen".

Die Aufzeichnungen am Tag nach dem Einmarsch lauten, schon ziemlich eingeschüchtert: "11-1 Uhr Ausgang. Waffen und Munition abliefern (5 Gewehre, Munition), Revolver (Hausdurchsuchung). Sonntag auf Montag, zirka 300 Panzer und Auto gegen Langenloh". Die Amerikaner gingen also von Haus zu Haus und durchsuchten alle Gebäude nach Menschen und Material.

Von meiner Mutter weiß ich, dass zu Hause viel Munition und Waffen lagerte, da alle vier Brüder gleichzeitig Militärdienst leisteten. Drei der Brüder fielen im Krieg. Die "Langs-Anna" wickelte also Waffen und Munition in ihre Schürze und tat das, was viele Waischenfelder zu dem Zeitpunkt taten: Sie warf alles bei Dunkelheit in die Wiesent, um möglichen Ärger mit dem Amerikanern vorzubeugen.

Die Besatzer richteten sich in Waischenfeld im alten Rentamt ein, einem schmucken Dientzenhoferbau des 18. Jahrhunderts: 80 Meter lang, zwölf Meter breit, meterdicke Wände. Darin war in den 30er-Jahren eine österreichische SS-Freischärler-Abteilung stationiert und kurz vor dem Kriegsende Hitlers "Ahnenerbe".

Um die Stadt zu sichern, bauten die Amerikaner Geschützstellungen auf. In den Aufzeichnungen werden sie aufgezählt: ".... im Acker vis a vis Keller 38 (Millionenviertel), in der Weiherwiese (Richtung Zeubach), bei Seidler in Langenloh, Wiese gegen Rabenstein, Wasserteich gegen Oberailsfeld, Acker der Söllners". Bei der Kremsbrücke (Rabeneck-Tal) Richtung Eichenbirkig sind die Panzer durch die Wiesent gefahren, weil sie der Tragfähigkeit der Brücke misstrauten. "Ausgang" gab es in diesen Tagen von "7-9, 3-5 h abends".

In der folgenden Zeit "normalisierte" sich das Verhältnis insoweit, als nun andere, neue Probleme auftauchten und zwar in Form von Flüchtlingen. Das Tagebuch vermerkt darüber: "Gefangene Russen sind zu Tausenden gegen Grafenwöhr marschiert. Franzosen untergebracht, (ca. 150 Mann) im geräumten Haus der Gendarmerie, bei Landschule, Westermeyer, Gardill, Spital. Russen im Rathaus, in beiden Schulen".

Und nun wird das Tagebuch persönlich: "Benedikt zum Verhör geholt worden am 16.5.45, in Forchheim unter Arrest gestellt 18.5. 14 h. Herr Pfr. (Konrad Pieger, d.Red.) dort gewesen 18.5. mit Motorrad, Tochter und Liselotte am 20.5. (Pfingsten) nach Forchheim gefahren".

Zahnarzt und Nazi-Bürgermeister Benedikt Spörlein wurde also von den Amerikaner festgenommen und interniert. Georg Friedmann, der schon vor 1933 Bürgermeister von Waischenfeld war, haben die Amerikaner wieder in Amt und Würden eingesetzt. Spörlein wurde später rehabilitiert, weil viele Waischenfelder für ihn bürgten und ihm attestierten, dass er sich vor allem für die Bevölkerung einsetzte und damit größeren Schaden durch die Nazis verhinderte.

Spörlein, der in seiner Doktorarbeit nachwies, dass sich evangelische Bürger anders ernähren als katholische - was man an den Zähnen feststellen kann - kam zurück nach Waischenfeld, praktizierte nach dem Krieg im "Flügge-Haus" und engagierte sich im Fränkische Schweiz-Verein; als Schriftführer des Vereinsheftes und als Kulturreferent des Heimatvereins und der Stadt Waischenfeld. Von 1951 bis 1960 war er zudem Stadtrat in Waischenfeld. Er starb 1965 im Alter von nur 61 Jahren.

Die allgemeine Situation zur Zeit des Einmarsches kann durchaus als chaotisch betrachtet werden und im Falle von Waischenfeld sogar als bedrohlich. Neben Pottenstein befand sich hier die stärkste Präsenz der Nazis in der gesamten Region: SS-Lager und "Ahnenerbe" blieben den Amerikanern nicht verborgen, entsprechend gründlich wurde "gesäubert" und geforscht. Daher auch die große Angst vor den Alliierten, die viele Waischenfelder in die Höhlen der umliegenden Hänge trieb.

Die Besatzer beschlagnahmten sofort das Rentamt, in dem bis einige Tage vor dem Einmarsch das Hauptquartier des "SS-Ahnenerbes" untergebracht war. Wolfram Sievers, der Leiter der "Forschungs-Einrichtung", hielt sich noch einige Zeit in einer Scheune in der Fischergasse auf, wurde aber am 1. Mai 1945 von den Amerikanern in Waischenfeld festgenommen, zu Verhören nach England gebracht und in den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen zum Tode verurteilt.


Bild: Nr. 1: Ausschnitt der handschriftlichen Einträge beim Einmarsch der Amerikaner
Nr. 2. Das alte Waischenfelder Rentamt, heute der Standort der Grundschule, war damals zuerst Sitz der SS-Einheit, dann des Ahnenerbes und schließlich der Amerikaner.
Nr. 3. Kundgebung der Nazis auf dem Waischenfelder Marktplatz
Nr. 4. Das alte Rentamt als SS-Hilfslager in den 30er Jahren
Nr. 5. Das alte Rentamt als SS-Hilfslager in den 30er Jahren - andere Perspektive
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