Ein riesengroßer brauner Lederkoffer steht im Wohnzimmer von Wolfgang Schmidt. Es ist ein stabiles Modell aus vergangenen Jahrzehnten, ohne die Windschnittigkeit der modernen Kunststoffschalenkoffer. Das veraltete Modell passt aber bestens zu seinem Zweck: eine Reise in die Vergangenheit.
Denn Schmidt bewahrt in dem Koffer keine Reiseutensilien auf. Darin deponiert der Kirchehrenbacher stattdessen die vielen, vielen Dokumente und Abschriften auf, die er auf seiner vierjährigen Suche nach seinen Vorfahren zusammengetragen hat.
Eine Suche, die ihn durch Deutschland, Polen, Österreich, Israel und die USA geführt hat. Denn es sind verschlungenen Pfade, die seine Vorfahren gegangen sind. Den Anstoß für die seine Forschungen und Reisen hat Wolfgang Schmidt von seinem Vater Helmut bekommen. Gemeinsam besuchten sie nach der Öffnung des Eisernen Vorhangs dessen Geburtsort Vorhaus im Landkreis Haynau/Chojnow in Schlesien.
Die Besucher aus der Bundesrepublik wurden von den heutigen Bewohnern des Elternhauses wohlwollend aufgenommen, lagen doch hinter allen Älteren vergleichbare Schicksale. Die Polen flohen aus dem Osten des Landes, der dann zur Sowjetunion kam. Die ehemaligen Schlesier flohen mit Pferdetrecks zuerst in die benachbarte Tschechoslowakei, als die Rote Armee heranrückte. "Die Gegend um Haynau war Kampfgebiet", weiß Schmidt. Für seine Ahnenforschung ein großes Erschwernis, denn nur wenige Gebäude, so gut wie keine Kirchenbücher und vor allem keine amtlichen Dokumente aus der Zeit zwischen 1933 und 45 sind erhalten geblieben. Nach mühevollen Recherche über Sprachgrenzen hinweg bekam er schließlich aus dem Archiv in Liegnitz/ Legnica Unterlagen. Sie schlossen längst nicht die Lücken in seinem Stammbaum. Aber Wolfgang Schmidts Interesse an der Vergangenheit seiner Familie war nun endgültig. Er wollte, musste sogar weiterforschen.

Dreiskäsehoch mit Locken


Und seine Besuche haben auch andere Früchte getragen. In Vorhaus arbeiteten die ehemaligen und die heutigen Bewohner zusammen und stellten einen Gedenkstein für alle ehemaligen Bewohner auf. Unter ihm ruhen deren sterblichen Überreste, soweit sie auf dem zerstörten Friedhof noch auffindbar gewesen sind.
Der Gedenkstein soll aber auch erinnern an die leidvolle Zeit des Zweiten Weltkriegs und seiner Folgen. "Mein Großvater starb an Erschöpfung in Mecklenburg. Das hat mir noch meine Großmutter erzählt", sagt Schmidt. Dorthin hatte es die Familie verschlagen, ehe sie ins Fränkische kam. Die Suche nach seinen Vorfahren mütterlicherseits schien Schmidt leichter, sollten sie doch aus dem Forchheimer Raum stammen. An das Wohnhaus der Großeltern in der Wiesentstraße 19 kann Schmidt sich noch gut erinnern. Zudem gibt es ein Foto, das ihn als lockigen Dreikäsehoch zeigt. Doch schon im Pfarrarchiv von St. Martin wurde er stutzig. In der Sterbeurkunde seiner Urgroßmutter Barbara Krieg aus dem Jahr 1904 fand sich ein Hinweis auf Philadelphia.
Nach umfangreicher Korrespondenz mit US-amerikanischen Behörden und dem Studium der Personenregister von Auswandererschiffen fand Schmidt die Lösung: Sein Urgroßvater Johann Krieg war um 1890 ausgewandert, lernte in Philadelphia die in Weilersbach geborene Barbara kennen.
Und heiratete sie, nachdem die Jüdin zum Katholizismus konvertiert war. Warum sie kurz vor 1900 in die Heimat zurückkehrten, liegt für Schmidt im Dunkel. Dafür hat er mit Hilfe Horst Gemeinhardts aus Baiersdorf den Grabstein seiner Ururgroßmutter Jette Anker auf dem dortigen jüdischen Friedhof ausfindig gemacht.
Bei allen Familienzweigen ist Schmidt schon bei den Geburtsjahren Anfang des 18. Jahrhunderts angekommen. Damals lebten die Kriegs in Körbelsdorf, heute Pegnitz. "Die Suche hat mich verändert", sagt Schmidt. Unbekannte Verwandte hat er kennen gelernt, Menschen mit unterschiedlichen Schicksale getroffen.