Morgens um 10 Uhr, ein normaler Wochentag: Der Marktplatz ist fast menschenleer. Die Türen zu den noch Geschäften sind geöffnet. Dass hier ein Malergeschäft und eine Videothek waren, zeigt nur noch der Schriftzug. Schuhe und Kleidung kann man in Gräfenberg schon länger nicht mehr kaufen. Auch die Räume der früheren Arztpraxis stehen noch leer. Die Ärztin ist ins Ärztehaus gezogen, wenige Schritte von der B2 entfernt.

Eine Passantin hastet mit dem Geldbeutel in der Hand in die Bank und zum Schreibwarenladen, ruft im Vorbeigehen einer Bekannten zu: "Ich muss weiter, bevor er wieder kommt." Sie meint den kommunalen Parkwächter. Außerhalb des Marktplatzes, aber innerhalb der historischen Altstadt, parkt ein Rentner vor der Metzgerei. Er ist 80 und nicht gut zu Fuß.
In dem Geschäft kauft er ein bisschen Wurst und bezahlt letztendlich fast 20 Euro, 15 Euro für den Strafzettel, der in den wenigen Minuten während seines Einkaufs an der Windschutzscheibe seines Autos hängt.

Seit 1989 geht es bergab

Vor allem seit der Marktplatzumgestaltung 1989 gehe es beständig bergab, meint Jochen Hengelein, der das Haushalts- und Spielwarengeschäft seiner Eltern weiter führt. Das unbequeme Kopfsteinpflaster, der Parkwächter und die Absperrungen bei Veranstaltungen machen den Einzelhändlern das Leben schwer und gefährdeten manchmal sogar die notwendige Versorgung. Martha Dotzauer hat ihre Apotheke am Kirchplatz. Täglich fährt ihr Mann Arzneimittel aus. Sie müssen mobil sein. Doch wenn Veranstaltungen sind, ist der Marktplatz bereits zwei oder drei Tage vorher abgesperrt. da gibt es kaum ein Durchkommen. Weder für ihren Mann, noch für den Medikamentenlieferant. Dotzauer: "Wir haben einen Vertrag mit dem Pflegeheim und müssen zwei mal pro Tag dorthin liefern."

Verzögerungen von einer Stunde sind an solchen Tagen dann durchaus gegeben. Aber Dotzauers Sohn leistet regelmäßig Notdienst. Zwar hat er seine Apotheke außerhalb des Zentrums im Ärztehaus, doch das Wohnhaus ist, wie die Apotheke der Eltern, am Kirchplatz. Bei der Stadt hat sie deshalb bereits moniert und Regelungen für solche Fälle gefordert. Ganz schlimm aber war die Zeit, als die Rechten und Gegendemonstranten hier ihre Veranstaltungen hatten. Gerade da war alles abgeriegelt. "Wir durften nicht einmal eine Infusion ins Pflegeheim liefern, obwohl dort bereits der Notarzt bei einem schwerkranken Patienten war. Dann sollen wir die Infusion eben hochtragen, erhielten wir als Antwort".

Martha Dotzauer ist noch immer empört über diese Vorgehensweise. Abgeriegelt war der Marktplatz auch kürzlich beim Afrika-Festival. Eigentlich eine gute Werbung für die Stadt, aber weniger gut für den Einzelhandel. Der Marktplatz war dicht und so stellten die Besucher ihre Autos entlang der Bayreuther Straße ab. Ein Gräfenberger Bürger bemerkte einen kommunalen Parkwächter, der Strafzettel verteilte. Er wollte den Grund erfahren. Die Antwort: Er wurde von Bürgermeister Werner Wolf wegen der Autos angerufen. "Aus Sicherheitsgründen", sagt Wolf, der dies nicht abstreitet: "Seit der Loveparade 2010 hat es eine andere Tragweite bekommen. Dies macht sich auch bei solchen Veranstaltungen bemerkbar. Es musste eine Rettungsgasse da sein."

Der Bürgermeister kennt die Sorgen der Einzelhändler schon und ist froh, dass noch Geschäfte hier sind. Er wolle die momentane Situation allerdings nicht alleine auf besagte Gründe reduzieren, sondern siehe es ebenfalls im Einkaufsverhalten der Bürger begründet. "Die Bürger fahren dorthin, wo sie ein großes Einkaufserlebnis haben." Die Parküberwachung wird nun, nach einem Jahr Bilanz, ohnehin demnächst in einer Stadtratssitzung diskutiert. Um den Einzelhändlern zu helfen, will Wolf - gemeinsam mit den Händlern - Appelle in die amtlichen Nachrichten zu setzen.

Pro:
Armin Wölfel (52), Einzelhändler:
Ich kämpfe um jeden Kunden und bin mit Herz und Seele dabei. Wir Einzelhändler sind die örtlichen Nahversorger und bestrebt die örtlichen Geschäfte zu halten, vor allem, weil es meist Familienbetriebe sind. Mein Geschäft wurde von meinem Großvater vor 50 Jahren aufgebaut. Lebensmittel, Weine, Spirituosen nennen wir das Geschäft. Hier ist alles erhältlich, von der Seife bis zum Kaffee, alles, für den täglichen Bedarf. Auch die anderen Geschäfte bieten Ware zu Preisen, die teils günstiger als in den Baumärkten sind, jedenfalls nicht überteuert. Und das im Ort. Man spart sogar Benzin. Dinge, die wir nicht führen, werden organisiert. Aber in den Geschäften der Einzelhändler sind auch Artikel, die üblicherweise zur Grillsaison gehören, im Winter erhältlich. Wir halten das in unserem Lager. Das sind alles Vorteile, diese Dinge erhält man im Supermarkt nur in der Saison. Schon lange und gerade in dieser Situation bieten wir besondere Serviceleistungen. So liefern wir die Ware nach Hause. Der Kunde ruft an, sagt, er hat kein Auto oder ist krank. Wir notieren die Bestellung und fahren sie nach Hause. Das tun wir auch, wenn Kunden hier einkaufen und die Ware für sie zu schwer ist oder wenn sich die Leute plötzlich körperlich unwohl fühlen. Das ist alles kostenlos, versteht sich. Das sind Serviceleistungen, die nur der Einzelhandel bietet. Und manche Kunden haben spezielle Wünsche, beispielsweise eine bestimmte Kosmetik, die wir gerne besorgen und zu unseren Produkten aufnehmen. Für jeden nimmt sich der Einzelhändler Zeit, um zu beraten oder einfach zu plaudern. Eine unserer Angestellten arbeitete vorher in einem Supermarkt. Als sie dann bei uns anfing, war sie erstmals erstaunt, dass sie hier mit den Kunden reden dürfe. Daran musste sie sich erst gewöhnen.

Contra:
Gertrud Galster (73), Kundin:
Wenn die Leute nicht vernünftig werden und nur Bequemlichkeit zählt, gibt es hier bald kein Geschäft mehr. Und diese Menschen sind dann die ersten, die sich beschweren, wenn es ein Geschäft nicht mehr gibt. Das Einkaufsverhalten könnte man ändern, das Kopfsteinpflaster kann man nicht mehr ändern. Doch für Gehbehinderte und Rollstuhlfahrer ist es sehr mühsam sich hier fortzubewegen. Mit einer Stimme Mehrheit im Stadtrat wurde damals dieses Pflaster beschlossen. In Prag am Wenzelsplatz hat man es raus und hier am Marktplatz rein. Mit dem Transport kam es teuer. Als ob wir hier so historisch sind wie an der Burg in Nürnberg. Zudem sollte es längst ausgefugt sein. Zentimeter tiefe und breite Rillen zwischen den einzelnen Steinen machen das Laufen beschwerlich. Sogar die Gehsteige vor den Geschäften wurden entfernt und das Pflaster dort angebracht, dass es teils schräg abfällt. Gerade für die älteren Bürger ist das nicht benutzerfreundlich. Um die Dauerparker vom Marktplatz weg zu haben, wurde ein Parkautomat aufgestellt.

Die Brötchentaste bietet den Leuten 15 Minuten. In der Zeit kann man nicht einkaufen. Sicher denkt man oft, ich brauche nicht so lange und doch ist die Zeit dann um. Viele Kunden bekommen dann Strafzettel verpasst. Selbst in Forchheim bedeutet die Brötchentaste 30 Minuten kostenlos parken. Angeblich bringt das nicht so viel Geld in die Kasse. Dann hätten sie nicht so entscheiden müssen. Eine Parkscheibe, wie es angedacht war, hätte gereicht. Denn ich glaube nicht, dass die Dauerparker jede Stunde zum Parkplatz zum Nachstellen gelaufen wären. Dabei war der Marktplatz früher nicht nur zum Einkaufen da, sondern der Mittelpunkt, auch um Gespräche zu führen. Trotz allem unterstütze ich den Einzelhandel hier.