Ebermannstadt
Geschichte

Burg Feuerstein als Zufluchtsort

Im November 1956 kamen 62 ungarische Flüchtlinge in die Region. Sie blieben bis Ostern.
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Die Burg Feuerstein von oben Luftbild: Gerhard Launer
Die Burg Feuerstein von oben Luftbild: Gerhard Launer
Ab Oktober 1956 überschlagen sich im FT die Nachrichten über den Freiheitskampf in Ungarn. Immer wieder Schlagzeilen wie: "Sowjets werfen Ungarn-Aufstand nieder". Oder am 5.November: "Ungarn-Aufstand blutig zerschlagen". Von einem "furchtbaren Blutgericht" ist zu lesen, nachdem die Aufständischen "durch Scheinverhandlungen in eine Falle gelockt" worden seien. Zugleich zeigt die Zeitung das Funkbild eines von den Aufständischen gelynchten, an den Füßen aufgehängten Polizisten.
Ab November schlägt sich das Ungarn-Thema auch auf den lokalen Nachrichtenseiten nieder. "Dem Grauen entflohen - Heimat verloren" titelte der FT, als ungarische Flüchtlinge in Bamberg Station machten. Der "Ungarntransport" ist auf dem Weg nach Bad Brückenau. Im Deutschen Haus begrüßt Caritas-Direktor Kröner die sechzehn Erwachsenen und elf Kinder.
Ein Schneidermeister berichtet über seine Beteiligung am Untergrundkampf gegen die kommunistische Regierung; wie er 1951 von einem Spitzel verraten und im gefürchteten Gefängnis Márianosztra eingesperrt worden sei. Dank einer Amnestie der Nagy-Regierung kam er 1956 zwar frei, musste aber nach dem Sturz Nagys fliehen. Drei seiner fünf Kinder nimmt er mit auf die Flucht, von den beiden, die in Budapest bleiben müssen, hat er kein Lebenszeichen. Falls sie den "blutigen Kampf" überstünden, wolle er sie nach Hannover nachkommen lassen.
Auch die Bürger in der Region Forchheim werden direkt mit den Schrecken des Ungarn-Aufstands konfrontiert. Am 22. November war der Widerstand der ungarischen Arbeiter gegen die russischen Besatzer erneut entflammt. Am 26. November erreichen 62 Studenten den Landkreis Forchheim und werden auf Burg Feuerstein einquartiert. Sie berichten von der blutigen Unterdrückung in ihrer Heimat. Eine 18-jährige Studentin erzählt von ihrer Beteiligung am Kampf um Budapest. Bis sie sich am 8. November zur Flucht entschlossen habe.
Die jungen Studenten erreichen die Burg Feuerstein nur mit dem Nötigsten. Sie tragen kleine Bündel mit sich, manche ein Pappköfferchen, einer nur einen Schuhkarton. Es ist ein kalter November. Die Flüchtlinge stapfen den verschneiten Burgberg hinauf. Diözesan-Jugendseelsorger Jupp Schneider begrüßt die Flüchtlinge. Kaffee und belegte Brötchen werden serviert. Eine besondere Freude macht Monsignore Schneider den jungen Ungarn, als er ihnen als Willkommensgruß Zigaretten schenkt.
Unter die Bekundungen der Dankbarkeit der Ankömmlinge mischen sich auch leise Vorwürfe. Ihre Meinungen über den Westen klingen "nicht gerade schmeichelhaft", wie der Reporter im FT vom 27. November 1956 schreibt. Eine Studentin formuliert den Vorwurf so: "Wir haben uns unter den Schutz der Vereinten Nationen gestellt, aber nichts geschah."
Die Helfer auf Burg Feuerstein - unter ihnen auch der Bundestagsabgeordnete Emil Kemmer - erfahren, wie die Aufständischen auf den Dächern von Budapest gestanden, und vergeblich nach den amerikanischen Fallschirmtruppen Ausschau gehalten hätten.
Ein Student möchte wohl dem Eindruck vorbeugen, die Ungarn wüssten die Hilfe der Deutschen nicht zu schätzen - und hält eine Dankesrede. Wenn es auch keine Waffenhilfe gegeben habe, so sei doch die "Gebetshilfe" spürbar gewesen.


Grausame Lebensbedingungen

Durch den Kontakt mit Flüchtlingen in Bamberg und Forchheim wird für die Zeitungsleser auch der Hintergrund des Geschehens begreifbarer: Die unwürdige ökonomische Lage hatte die Widerstandskämpfe ausgelöst. So erzählt eine Dolmetscherin, die zuletzt als Postangestellte in Ungarn gearbeitet hatte, dass die Lebensbedingungen "grausam" gewesen seien. 600 Forint betrug der Monatslohn eines gut verdienenden Arbeiters. Doch alleine ein Kilo Schweinefleisch kostete in den 50er Jahren 30 Forint. Ein Paar Schuhe 400 Forint. Für einen Mantel mussten 1800 Forint bezahlt werden, also das Dreifache des Monatslohns.

Der CSU-Abgeordnete Emil Kemmer ist in seiner Funktion als Vorsitzender im Ausschuss für Jugendfragen auf die Burg Feuerstein gekommen. Er erläutert den ungarischen Studenten, wie es für sie weitergehen soll. Sie bekämen die Gelegenheit, ihr Studium in Deutschland zu beenden. Bis Ostern dürfen die 62 ungarischen Studenten auf Burg Feuerstein bleiben. Hier werden sie in Deutsch unterrichtet. Der Unterricht soll so umfassend sein, dass die jungen Leute ab dem Sommersemester ihr Studium an deutschen Universitäten aufnehmen können.
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