Herr Kalb, warum haben Sie sich entschieden Rettungstaucher zu werden?
Kalb: Moment, da gibt es einen kleinen aber feinen Unterschied. Ich bin Leiter der Bergungstaucher. Die Rettungstaucher werden sofort alarmiert, wenn die Chance auf Überlebende besteht. Die Bergungstaucher fahren erst zur Unglücksstelle, wenn schon alles zu spät ist.

Wie gefährlich ist das Rettungs- und Bergungstauchen?
Es ist mit das Gefährlichste, was es gibt. Vergleichbar mit dem Höhlen- und Eistauchen. Ein Mensch möchte immer an die Oberfläche, aber in dem Moment, wo er dann zum Beispiel in einem Schiffswrack wie bei der Concordia nach einem Objekt sucht, kann er nicht so schnell an die Oberfläche zurückgelangen.

Was ist die größte Gefahr, die es bei einem Einsatz unter Wasser gibt?
Die größte Gefahr bei einem Einsatz unter Wasser ist ganz einfach, dass man selber verunglückt. Man weiß nicht, was man antrifft, lebend oder tot. Schnell kann ein Taucher dabei in Panik geraten und bringt sich somit selber in Gefahr.

Worauf muss besonders acht gegeben werden?
Das eigene Wohlbefinden des Tauchers ist das Wichtigste. Es ist aber auch tagesform-
abhängig. Mal schockt mich nichts, was ich unter Wasser antreffen kann, mal gerate ich fast in Panik, wenn ich eine Leiche antreffe. Den eigenen Körper im Griff zu haben ist das Schwierigste. Man muss in guter psychischer und physischer Verfassung sein.
Wie oft passieren Unfälle von Tauchern unter Wasser?
Unfälle passieren eher selten. Aber wenn sie passieren, sind es meistens die erfahrenen Taucher, denen etwas zustößt. Das liegt daran, dass sie sich selbst überschätzen. Sie sind unvorsichtig und unterschätzen die Situation. Als Taucher muss ich selber entscheiden, ob ich ins Wasser gehe. Auch der Einsatzleiter hat nicht zu bestimmen, dass ich reingehen muss. Wenn ich mich nicht wohlfühle, bleibe ich draußen.

Wie groß ist die Angst bei solchen Einsätzen?
Das ist von Person zu Person unterschiedlich. Andere haben mehr Angst vor solchen Einsätzen, andere nicht. Im aktuellen Fall der Concordia muss man einfach den Tauchern mitgeben, dass sie nach Überlebenden suchen, und sie auch motivieren: 'Du findest da jemanden, du findest jemanden.' Ihnen muss die Angst genommen werden, dass ihnen selbst etwas zustößt.

Beschreiben Sie doch einmal die Wichtigkeit der Kommunikation mit den Tauchern vor einem Einsatz.
Es ist wichtig, über das zu reden, was sie da unten erwartet. Als Einsatzleiter sollte man nicht das Wort Leiche verwenden. Wir pflegen das Wort Objekt zu sagen. Es ruft ganz einfach was anderes in einem Menschen hervor, wenn ich anstatt Leiche das Wort Objekt oder Person verwende. Außerdem muss man den Tauchern mit den auf den Weg geben, dass sich keiner als Held aufspielen muss. Und wenn ein Taucher nein sagt, dann braucht er auch nicht ins Wasser.

Mit welchen Arten von Einsätzen hatten Sie schon zu tun?
Wir waren auch einmal vor Ort bei einer Schiffskollision. Man sieht also, dass solche Unglücke wie in Italien auch hier bei uns passieren können. Auch mussten wir unter Wasser das ein oder andere Leck decken und trauriger Weise auch schon zwei Leichen suchen.

War Letzteres bisher der schlimmste Einsatz, den Sie miterlebt haben?
Dies war ein einprägendes Erlebnis für mich. In der Wiesent waren wir auf Leichensuche. Ich selber war Leiter an diesem Tag. Als Leiter darf ich dann nicht selber mit ins Wasser und musste meinen Leuten dabei zusehen, wie sie ins Wasser gingen, um das Objekt zu finden.

Möchten Sie am liebsten sofort ihre Kleidung einpacken und vor Ort in Italien mithelfen?
Ich bin eher froh darüber, in diese Situation nicht direkt verwickelt zu sein. Den Drang habe ich schon, vor Ort mitzuhelfen. Jede weitere Hilfe ist nur von Vorteil.

Wie viele Einsätze haben sie im Jahr?
Im Jahr haben wir vier bis acht Einsätze und technische Hilfsleistungen. Dazu gehören Wartungsarbeiten, Inspektionen unter Wasser und die Hilfe bei der Beweismittelsuche für die Polizei.
Das Gespräch führte Alexander Abel.