Nur sechs Jahre lang konnte Friedrich Seltsam die Schönheit seiner prächtigen Villa genießen. Am 12. November 1887 schoss sich der Fabrikant in seinem Haus eine Ladung Schrot in den Kopf.

Als 26-Jähriger war Friedrich Seltsam 1870 nach Forchheim gekommen und hatte einen steilen Aufstieg als Geschäftsmann erlebt. Er hatte das örtliche Gaswerk gekauft; hatte 1871 eine Firma gegründet; hatte ein Verfahren erfunden, um Knochen zu Leim zu verarbeiten und war reich geworden. Seine Kinder - zwei Söhne und eine Tochter - wurden 1879, 1880 und 1883 geboren, 1884 starb Seltsams jüngerer Sohn.

Hinter dem Freitod von Friedrich Seltsam standen vermutlich Geldsorgen; er galt als mildtätig und zugleich als verschwenderisch. Der Unternehmer war eine schillernde Persönlichkeit; er war Protestant, betonte aber, konfessionslos zu sein. Auch seine vegetarische Lebensweise stieß in der Bevölkerung auf Unverständnis. Nachdem sich das Familienoberhaupt erschossen hatte, verließ die Familie umgehend die Stadt.

Das düstere Ende der steilen Karriere schien in den folgenden Jahren wie ein Schatten über der 1881 erbauten Villa zu liegen.


In der Schlacht gestorben



Zwar erwarb der Reutlinger Albert Schaal 1888 die Fabrik und die Villa der Familie Seltsam. Doch auch die Nachfolger wurden letztlich nicht glücklich in dem Gebäude. Albert Schaals Sohn Willy hatte eigens Chemie studiert, um die Fabrik "F. Seltsam Nachfolger" zu übernehmen. Doch Willy starb am 27. September 1916 in der Schlacht an der Somme. Der in Forchheim hoch angesehene Kommerzienrat Albert Schaal und seine Frau Luise verließen die Stadt. Albert Schaal starb 1942 in München.

"Aus Anlass des Heldentodes" ihres Sohnes hatte die Familie Schaal eine Stiftung gegründet. In Not geratene Arbeiter und Angestellte sollten von der Stiftung profitieren. Doch die eingelegten 100.000 Mark wurden durch Inflation und die Währungsreform vernichtet. Und auch die Schaals-Villa, wie sie in Forchheim hieß, wurde vernichtet: Am 8. September 1967 begannen die Abbrucharbeiten. Das herrschaftliche Gebäude musste dem Bau einer Stadt- und Kreissparkasse Platz machen.

Rekonstruiert hat dieses "verschwundene Stück Stadtgeschichte" der Forchheimer Historiker und Lehrer Rolf Kießling. "Die Schaals-Villa ist zwar vielen Forchheimern noch ein Begriff, aber dass sie identisch ist mit der Seltsam-Villa, weiß heute so gut wie niemand", sagt er.


Postkarte im Wert von 152 Euro



Auslöser für die Recherche um die Schaals-Villa war eine Postkarte. Rolf Kießlings Freund Wolfgang Schmidt hatte sie im Internet entdeckt. Schmidt, der aus der Forchheimer Altstadt stammt und sich brennend für die Geschichte seiner Stadt interessiert, hatte sich nicht nur über den stolzen Preis von 152 Euro gewundert, den Sammler für den "Gruß aus Forchheim" zu zahlen bereit waren. Was Wolfgang Schmidt mehr umtrieb: Welches Haus war das eigentlich, das auf der Postkarte zu sehen war?

Für Kießling war klar, dass es sich bei diesem Prachtbau nur um eine Fabrikantenvilla handeln konnte. Und tatsächlich fand sich das Bauwerk auf dem Briefkopf der Firma "F. Seltsam Nachfolger" aus dem Jahr 1920. Nachdem die Villa identifiziert war, stieß Kießling auf die Arbeit des Historikers Helmut Schwarz. In seinem Buch "Forchheim im Industriezeitalter. 1848 - 1914" hat er über die Villa und ihre Besitzer geschrieben. Er bezeichnet die Schaals-Villa als "Musterbeispiel gründerzeitlicher Villenarchitektur"; sie habe "einem einfallslosen Schachtelbau der Stadtsparkasse weichen" müssen.


Ein Grabstein am Alten Friedhof



Kießlings Essay über "Die Villa Seltsam und ihre Besitzer" verdeutlicht, dass mit dem Verschwinden des Gebäudes auch die Geschichte ihrer Bewohner aus dem Bewusstsein verschwunden ist. "An Friedrich Seltsam erinnert in Forchheim nur noch ein Straßenname. Aber auch der Grabstein für den Fabrikanten und Erfinder ist erhalten geblieben. Der schlichte Stein befindet sich an der Rückwand des Lagergebäudes auf dem Alten Friedhof."
Dass Seltsams prachtvolle Villa verschwinden konnte, ist aus heutiger Sicht schwer zu glauben. Kießling: "Die Villa stand dem 'Fortschritt' im Wege und wurde deshalb abgerissen. Denkmalschutz - Fehlanzeige."

Ein Stück Stadtgeschichte sei für immer verschwunden. Wenigstens gebe es noch ein paar alte Briefbögen, eine Ansichtskarte und wenige Zeitzeugen, die sich für Kießling erinnert haben. Etwa Anneliese Hofmann: Als Kind habe sie manchmal den Auftrag gehabt, "Kleidungsstücke bei den Herrschaften abzuliefern". Hofmann erinnert sich noch "an die Treppe im Turm, die in den ersten Stock führte"