Affalterthal
Einsatz

Affalterthals Glöcknerin reimt ihre Vorschriften

Erna Backof ist dafür zuständig, dass die Affalterthaler Glocken schlagen, wann sie müssen. Um nicht durcheinanderzukommen, hat die 76-Jährige Reime geschrieben.
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Für Erna Backof ist es mittlerweile fast so etwas wie der Lebensmittelpunkt. Der Dienst als Mesnerin in der Affalterthaler evangelischen Kirche, den sie seit 1996 ausfüllt, gibt ihr Halt und Kraft. Neben den alltäglichen Besorgungen bei kirchlichen Anlässen gehört auch das Läuten der Glocken zu ihren Aufgaben.

Wie wichtig ihr dieser Dienst ist, zeigt ein von ihr verfasstes Gedicht, das an einem Schrank in der Sakristei hängt. Darin hat die Mesnerin die Vorschriften, wann welche der vier Glocken geläutet werden müssen, in Versform festgehalten.

Posaunen und Trompete

An Sonn- und Feiertagen, wenn die Glocken zum Gottesdienst einladen, wird naturgemäß öfter mit dem Läutwerk gerufen.
In den Reimen von Erna Backof heißt das wie folgt: "Vor jedem Gottesdienst im Jahr, läuten die Glocken drei Mal sogar.

Glocke eins eine Stunde vor Beginn, Glocke zwei weist darauf hin, eine halbe Stunde ist noch Zeit, macht euch zum Gottesdienst bereit. Wenn dann alle viere läuten, heißt das, keine Zeit vergeuden. Denn sie weisen darauf hin, jetzt ist Gottesdienstbeginn". Unterschiedliche Stimmungen vermittelt das Glockengeläute zu hohen Feiertagen oder zu wichtigen Ereignissen: "Ostermorgen beginnt mit Stille, Auferstehung - Gottes Wille. Bei einem Hochzeitsfeste dann, geben die Glocken ihren feierlichsten Klang. Bei einer Beerdigung dagegen, begleiten sie uns traurig zum allerletzten Segen", hat Erna Backof dazu gereimt.

Glocken leisten Schwerstarbeit

Wenn das Jahr zu Ende geht, läuten die Glocken einen alten Brauch ein: Die Dorfgemeinschaft trifft sich am Kirchenvorplatz und wünscht sich ein gesundes neues Jahr. Dazu spielt der Posaunenchor dem Pfarrer ein Ständchen.

Auch dafür hat Erna Backof einen Vers parat: "Wenn das Jahr zu Ende geht, der Kirchplatz voller Menschen steht. Wartet jeder mit Spannung pur, dass es schlägt 24 Uhr. Mit Posaunen und Glockenklang, fängt dann auch das neue Jahr an".

Apropos Glockenschläge. Die Glocken und die sie tragenden Teile müssen teilweise über Jahrhunderte hinweg Schwerstarbeit leisten. Da sind zuerst die Uhrenschläge. Sie sagen dem Landmann auf dem Feld auf die Viertelstunde genau, wie spät es ist.

Mit mäßiger Gewalt

Die Viertelstunden- und die Stundenschläge für 24 Stunden ergeben 396 Schläge am Tag. Bei der Uhrzeit werden die Glocken nicht bewegt. Ein kleiner Hammer schlägt seitlich nur mit mäßiger Gewalt auf die Glocke ein. Erst bei kirchlichen Anlässen werden sie richtig aktiv.

Dann schwingen sie, berühren dabei den Klöppel und erzeugen so den eindringlichen Ton. Zum Beispiel beim "Gebetläuten", wie es im Volksmund heißt.

Dazu wird vier Mal am Tag mit je 124 Tönen geläutet, das ergibt zusammengerechnet 496 Glockenschwingungen. Zusammen mit den Schlägen für die jeweilige Uhrzeit ergibt das an einem gewöhnlichen Werktag 892 Glockentöne. An Sonn- und Feiertagen kommen sehr viele Schläge dazu. Allein schon am Sonntagmorgen schlagen die Glocken eine Stunde vor Beginn des Gottesdienstes 124 Mal. Eine halbe Stunde vor Beginn wiederholt sich diese Prozedur

. Bei Gottesdienstbeginn läuten alle vier Glocken fünf Minuten. Dazu kommen 124 Schläge beim Vaterunser und 1200 Schläge, wenn der Gottesdienst beendet ist. Insgesamt kommt man damit auf 2772 Schläge. Rechnet man die 892 Schläge des Werktags hinzu, ergibt das unter dem Strich 3664 Schläge.
Die Glocken hat Mesnerin Backof der Einfachheit halber durchnummeriert. Glocke eins ist die größte. Sie heißt "Auferstehung", hängt ganz links und wurde von der Raiffeisenbank Affalterthal 1976 gestiftet. Sie schlägt die Stunden.

Glocke zwei trägt den Namen "Liebe", die dritte Glocke hat den Namen "Hoffnung" und schlägt die Viertelstunden und die vierte Glocke heißt "Glaube".
1976 wurde das Glockengeläut installiert, weil die alten Glocken Risse im Kirchturm verursachten, sagt die Pfarrchronik. Es wurden Betonböden eingezogen.

Inzwischen per Funk

Die Glocken aus dem 18. Jahrhundert wurden schon im ersten Weltkrieg eingezogen, und die danach angeschafften Glocken als Materiallieferant im Zweiten Weltkrieg. Nach dieser kriegerischen und ärmlichen Zeit kamen anfangs preiswerte "Mischmetallglocken" in den Kirchturm.

Sie wurden erst in den 1970er-Jahren durch vier reine Bronzeglocken ersetzt, die seither kraftvoll ihren Dienst tun. Ihren Dienst tut auch Mesnerin Erna Backof. Mittlerweile kann sie das Läutwerk sogar per Funk in Gang setzen.














Reinhard Löwisch
Bilder:
aff-erna = Erna Backof neben dem Zettel in der Sakristei, auf der in Versform die Glocken-Vorschriften stehen
Aff-erna2 = Erna Backof mit ihren Dienstherrn Pfarrer Michael Maul beim Abendmahl anlässlich seiner Installation vor einigen Wochen
aff-erna3 = Die vier Affalterthaler Glocken im Kirchturm
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