Forchheim

30 Jahre nach Tschernobyl: Hirschtrüffel in Forchheim sind "Atombomben"

1986 verteilte sich tonnenweise radioaktiver Fallout über Europa. Die Folgen sind bis heute auch im Landkreis Forchheim messbar.
Artikel drucken Artikel einbetten
Wildschweine sind nach wie vor am meisten belastet.  Foto: Barbara Herbst
Wildschweine sind nach wie vor am meisten belastet. Foto: Barbara Herbst
+1 Bild
Durch die Reaktor-Katastrophe, die sich heute vor 30 Jahren in Tschernobyl ereignete, wurde tonnenweise radioaktives Material frei gesetzt. Die Strahlenwolke zog über ganz Europa und hinterließ ihre Spuren. Noch heute sind die Spätfolgen im Kreis Forchheim messbar.

Die Strahlung bei Salat, Gemüse und Kartoffeln, Milch oder Wild sind nach Angaben des Landesamtes für Umweltschutz unbedenklich. Die Messergebnisse lägen im Bereich der natürlichen Strahlung.

"Das hängt damit zusammen, dass die Strahlenbelastung in tiefere Schichten des Erdreiches vorgedrungen ist", erklärt Ursula Hirschmann von der Naturhistorischen Gesellschaft in Nürnberg. Je nach Bodenart könne es durchaus noch zu einer Strahlenbelastung kommen. Während in Sandböden kaum noch Radioaktivität feststellbar sei, liege die Belastung bei wasserundurchlässigen Böden deutlich höher.


Höchstbelastung 600 Becquerel

Das bestätigt Heinz Häfner aus Hiltpoltstein, der seit zwei Jahren im Auftrag der Jäger das Schwarzwild auf Radioaktivität misst. Im Landkreis Forchheim sei die Belastung allgemein gering. Im Veldensteiner Forst dagegen seien wiederholt Wildschweine mit einer Belastung von mehr als 1000 Becquerel geschossen worden. Der maximal zulässige Grenzwert liegt bei 600 Becquerel. Fleisch, dessen Belastung darüber liegt, darf nicht verkauft werden.

Annette Modschiedler aus Drosendorf, Schriftführerin des Kreis-Jagdverbandes, hat ebenfalls ein Messgerät in ihrer Küche stehen. "Ich rate den Jägern, jedes erlegte Stück Schwarzwild kontrollieren zu lassen. So sind sie auf der sicheren Seite", erklärt Modschiedler. Ein Protokoll bestätigt nicht nur die Höhe der Strahlenbelastung, sondern auch das Gewicht des Tieres und den Ort, wo der "Schwarzkittel" erlegt wurde.


Cäsium bleibt im Naturkreislauf

In diesem Jahr hatte sie zwei Wildschweine, bei denen der Grenzwert überschritten wurde. Eine Sau wurde im Hauptsmoorwald Bamberg geschossen, die andere in der "Unteren Mark" bei Hallerndorf. Im Vorjahr lag nur eine Sau über dem Grenzwert. Nach 30 Jahren sei die Hälfte des radioaktiven Cäsiums 137, das durch Regen in die Böden hineingewaschen wurde, zerfallen, erklärt Revierförster Erich Daum aus Oesdorf, der lange Zeit die einzige zertifizierte Cäsium-Messstelle im Landkreis hatte. Nach wie vor müsse jedes Stück Schwarzwild, das im Staatsforst erlegt wird, gemessen werden.

Der Hintergrund: Das Cäsium 137 hat sich im Waldboden angereichert. Über den Saftfluss gelangt es in die Pflanzen. Und: Durch die fallenden Blätter und Nadeln bleibt das radioaktive Cäsium 137 im Kreislauf der Natur.
Besonders stark belastet seien laut Erich Daum die Maronenröhrlinge oder Hirschtrüffel, vor allem für Wildschweine ein gefundenes Fressen. "Das sind nach wie vor die reinsten Atombomben", unterstreicht Daum die hohe Belastung der Hirschtrüffel. Deshalb sei Schwarzwild deutlich höher belastet als Rehwild.

Daum hat auch festgestellt: "Frischlinge sind höher belastet als Überläufer und Überläufer höher als Bachen und Keiler. Auch jahreszeitlich hat Daum Unterschiede gemerkt. Am geringsten belastet sei das Schwarzwild in den Zeiten, in denen es genug zu fressen gibt. Im Winter, wenn die Äsung knapp wird, "brechen" die Wildschweine, sie suchen in tieferen Schichten nach Nahrung. Damit steige das Risiko der Kontaminierung, erklärt Daum.


250 Proben pro Jahr

Pro Jahr habe er bei rund 250 Messungen drei bis fünf Proben, bei denen der erlaubte Höchstwert überschritten wird. Generelle Aussagen ließen sich immer noch nicht treffen. So habe er zwei Jungtiere aus einer Rotte erlegt. Ein Jungtier hatte eine Belastung von 30 Becquerel, das andere 3500. "Das muss von den Hirschtrüffeln genascht haben", lacht Daum.

Dieses Fleisch wird als nicht verzehrfähiges Lebensmittel in der Tierkörper-Beseitigungsanstalt in Walsdorf bei Bamberg entsorgt. Mit einer entsprechenden Bestätigung kann der Jäger beim Landratsamt Schadensersatz beantragen.

Im letzten Jahr gab es nur einen solchen Antrag, bestätigt Jürgen Kupfer von der Unteren Jagdbehörde des Landratsamtes Forchheim, der damit betraut ist. Erich Daum kennt aber einen Weg, wie man das Fleisch "retten" kann: Da Radioaktivität über Körperflüssigkeiten ausgeschieden wird, lässt sich der Cäsium-Gehalt reduzieren, wenn man das Fleisch in eine Salzlake legt. Dieser Vorgang muss so lange wiederholt werden, bis die Belastung unter dem Grenzwert liegt. "Aber dieses Fleisch ist nur zum Privatgebrauch bestimmt", unterstreicht Daum.
Verwandte Artikel

Kommentare (0)

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren