Niederndorf

Wo die Legende lebt: Ein Hausmeister und Clubfan

Clubfan Michael Seeberger ist Hausmeister an der Niederndorfer Grundschule und hat sein Reich in Rotschwarz dekoriert.
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Zwei Fußballfans: Hausmeister Michael Seeberger (Club)  und Rektorin Heidi Forisch (Bayern) Fotos: Bernhard Panzer
Zwei Fußballfans: Hausmeister Michael Seeberger (Club) und Rektorin Heidi Forisch (Bayern) Fotos: Bernhard Panzer
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Es sind unumstößliche Weisheiten wie "Die Hoffnung stirbt zuletzt" oder "Ein Clubfan muss leiden", die sich die Anhänger des 1.FC Nürnberg tagaus tagein anhören müssen. Ohne, dass irgendjemand dafür fünf Euro ins Phrasenschwein werfen muss. Aber es stimmt ja auch: Die "Fanglubberer" durchleben immer ein Wechselbad der Gefühle, manchmal überwiegt die Freude, oft sind es aber auch traurige Momente. Letztere haben ja leider auch die aktuelle Saison im Griff.

Dem Michael Seeberger aus Niederndorf sind die Spötteleien wurschd. Er ist Clubfan mit Leib und Seele, und er wird es auch bleiben. Seit seinem 15. Lebensjahr ist er dabei, besucht die Spiele im Frankenstadion, das heute Max-Morlock-Stadion heißt, und bleibt seinen Idolen treu. Und wenn's diesmal tatsächlich der Abstieg sein sollte, der im Moment schier unvermeidbar scheint, ja dann "steig mer halt wieder auf", sagt er sich - ganz wie es dereinst der legendäre Club-Blueser Maximilian Kerner gesungen hat.

Seeberger ist Hausmeister an der Grundschule in Niederndorf, oder "Caretaker", wie es auf einem Schild an seiner Tür steht. Vor 20 Jahren hat er den Job angetreten und damit begonnen, sein Büro respektive Häuschen in der Eingangshalle stückweise zu dekorieren. In Rotschwarz präsentiert sich der Wandschmuck, gut sichtbar durch die großen Glasfenster. Ob Schal und Trikot, Aufkleber und Poster oder die Fotocollage von den Pokalhelden von 2007 - Seeberger hat Clubgeschichte gesammelt. Und dazu natürlich eine Menge an Autogrammen, versteht sich.

Die Entwicklung des etwas anderen Hausmeister-Zimmers ist auch der damaligen Rektorin Heidrun Robra zu verdanken. "Sie hatte nichts dagegen", erinnert sich der 55-Jährige. Und ihr Nachfolger Helmut Reinbold auch nicht, "dem hab ich zum Geburtstag ein Clubtrikot mit der Nummer 60 geschenkt", sagt Seeberger. Vor kurzem kam eine neue Rektorin. "Darf ich das behalten?", habe er sie beim allerersten Kontakt gefragt. Er durfte selbstverständlich.

Prima Verständnis

Manchmal kommt Heidi Forisch auch zum Fußballgespräch, auch wenn sie jetzt nicht gerade der überzeugteste Clubfan ist. Sondern schon eigentlich aus einem Lager kommt, das einem eingefleischten Nürnberger normalerweise nicht so recht ist: Nein, nicht die Fürther, aber die Bayern. Doch das ist kein Grund, dass sie sich jetzt argwöhnisch beäugen würden, im Gegenteil. Die beiden verstehen sich prima, "extrem super", wie sie gemeinsam feststellen, und überhaupt leben sie das Prinzip der Schule. " Wir sind eine ganz tolerante Schule", sagt die Chefin. Und das gilt auch für den Fußball: "Wir lassen alle Vereine gelten."

Das Herz der 55-Jährigen schlägt dennoch für die Bayern aus München, und das zeigt sie beim Fototermin mit dem FT auch, ausgerüstet mit Fanschal und Trainingsjacke. Auf dem Arm ein Stoffhündchen mit Pullover in rotweiß. "Das hat mir unsere Reinigungsfrau Maria Dittmar gestrickt", sagt die Pädagogin. Es gefällt auch den Schülern, dass die Rektorin Fußball mag. "Frau Forisch, bist du auch Fan?", fragt die neunjährige Katharina, als sie die Schulleiterin einmal in einem ganz anderen Outfit sieht.

Bittere Momente gibt es viele

Tolerant ist Michael Seeberger natürlich auch, mit Krawallbrüdern hat er nichts am Hut. Und in seiner Schulbude darf sogar ein Wimpel von Greuther Fürth hängen, vom Erzfeind also, mit Autogrammen drauf. Den hat ihm einst Björn Schlicke mitgebracht, als die Mannschaft mal die Schule besuchte. Aber dieses Geschenk wird freilich nur geduldet.

Richtig stolz hingegen ist Seeberger, der ehemalige Bayernliga-Fußballer des FC Herzogenaurach, auf all seine FCN-Utensilien. Und besonders auf die Autogramme der Helden von 2007: Marek Mintal, Javier Pinola, Robert Vittek und wie sie alle heißen. Der Niederndorfer war damals mittendrin, im Olympiastadion in Berlin, als der Club Deutscher Pokalsieger wurde. "Das war mein schönstes Erlebnis", sagt er. Und nach dem Spiel ging's dann gleich zurück nach Nürnberg, um mit allen Fans auf dem Hauptmarkt zu feiern.

Und was war das bitterste Ereignis? Seeberger muss nachdenken, "da gibt es viele", sagt er, aber am Schlimmsten sei dann der Abstieg aus der Bundesliga gleich im Folgejahr gewesen. Das war für ihn völlig unverständlich. "Mit den gleichen Leuten ..." Aber so ist der Club.

Und weil der Verein einzigartig ist, fährt er seit einem 15. Lebensjahr ins Stadion. Er erinnert sich gut an sein erstes Heimspiel. Damals ist er mit dem Fahrrad nach Stadeln geradelt, hat es bei seiner Oma abgestellt und mit Bus und Straßenbahn ging's dann weiter zum Dutzendteich. 20 Jahre lang hatte er eine Dauerkarte, selbstredend auch in der zweiten Liga, nur beim Hausbau seiner Tochter hat er pausiert. Da waren die Wochenenden anders gefüllt.

Sieben Punkte in drei Spielen

Und wie sieht's aus für den Tabellenletzten für den noch kurzen Rest der Saison? Bleibt der Club drin? "Möglich ist's", sagt Michael Seeberger, aber auch irgendwie realitätsfremd. "Die Qualität langt halt nicht", sagt er und sieht die entscheidenden Fehler schon nach dem Aufstieg. Der gelang mit einer mittelmäßigen Mannschaft, die hätte man verstärken müssen.

Und dennoch setzt der überzeugte Clubberer selbstverständlich auf das Prinzip Hoffnung: Zwei 2:1-Siege gegen Augsburg und Stuttgart und dann ein Remis gegen Schalke, tippt er optimistisch. Das würde Selbstvertrauen geben für die restlichen Spiele und für die Mission Klassenerhalt. Update: Das mit Augsburg hat ja schon mal wunderbar geklappt, der erste Dreier ist eingefahren,.

Ganz wie der Kerner

Und dann das Heimspiel gegen die Bayern. "Wir könnten ja zusammen hingehen", schlägt die Rektorin vor. Der Hausmeister bremst: "Das ist schon ausverkauft." Vielleicht klappt's ja im nächsten Jahr. Oder dann halt irgendwann später. Wenn er wieder da ist, der Club, im Oberhaus des deutschen Fußballs. Denn was soll's, Rotschwarze halten es mit Maximilian Kerner: "Ich bin a Glubberer, des ganze Abstiegsgwaaf, des is mer worschd, weil nächsts Johr steign mer wieder aaf."

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