Vorsicht. Nachtelf-Druiden sind keine putzigen Fabelwesen. Sie können Orkane entfesseln, ihre Gegner mit der rohen Gewalt der Natur umhauen. Aber im Moment macht die Szenerie einen friedlichen Eindruck: In der Straße weht kein Lüftchen, es ist Tag, sonnig, und von entfesselter Natur - überhaupt von Natur - ist in dem Nürnberger Wohngebiet nicht viel zu sehen. Trotzdem muss das Wesen hier irgendwo leben. Die Beschreibung führt zu einem Mehrfamilienhaus. Treppe hoch, klingeln - Vorsicht!

Die uralten Druiden sind Gestaltwandler und können die Form verschiedener Wesen annehmen. Eine junge Frau in Jeans und Pünktchen-Bluse öffnet. Sie hat ein gewinnendes Lächeln und schaut ganz anders aus als Kamui, die im Internet als weiblicher Nachtelf-Druide bekannt ist.
Kamui bietet auf www.kamuicosplay.com Videoanleitungen zum Rüstungsbau; da ist sie auch in ihrer menschlichen Gestalt zu sehen. Trotzdem ist irgendwas anders. "Die Haare", sagt die junge Frau und lacht hell. "Ich habe die Perücke für ein Kostüm nicht rechtzeitig bekommen - da musste ich die Haare abschneiden."

Im Computerspiel "World of Warcraft" (WoW) ist es für einen Druiden ein Leichtes, seine Gestalt zu verändern. Ganz so einfach hat es Svetlana Quindt nicht, wenn sie sich in Kamui verwandelt.

Kamui ist der Cosplay-Name der Nürnberger Studentin, und die Abkürzung des Begriffs "costume play" (Kostümspiel) steht für einen Trend, der aus Japan kommt: Die Spieler stellen eine Figur aus einem Manga-Comic, einem Film oder Computerspiel dar. Svetlana hat damit vor fast zehn Jahren angefangen. Auf dem Weg ins Wohnzimmer erzählt sie von Sailormoon und Dragonboy. "Es ging los, als der Anime- und Mangaboom nach Europa schwappte." 2003 besuchte sie zum ersten Mal eine Convention, ein Fan-Treffen. Sie schneiderte ihr erstes Kostüm - mit der alten Nähmaschine ihres Vaters. "Das Ding ist 100 Jahre alt", sagt die 26-Jährige in übertriebenem Ton, grinst dann: "naja, oder so. Auf jeden Fall ist alle 20 Zentimeter der Faden gerissen. Spaß hat das nicht wirklich gemacht."

Suchtfaktor "World of Warcraft"


Beinahe hätte Svetlana das Hobby gleich wieder aufgegeben. "Aber dann habe ich angefangen, ,World of Warcraft‘ zu spielen. Wir waren wie besessen davon." Das Online-Rollenspiel wurde 2004 veröffentlicht und ist laut Guiness-Buch das beliebteste Multiplayer-Online-Rollenspiel der Welt. Vergangenes Jahr hatte es elf Millionen Abonnenten.

Svetlana entschied sich für den Spielcharakter eines Druiden aus dem Volk der Nachtelfen - und dem ist sie bis heute treu geblieben. Der Suchtfaktor bei "WoW" gilt als hoch - die Nürnbergerin zockt aber nicht oft am Rechner. Keine Zeit. Sie sägt und klebt und bastelt ständig an neuen Kostümen. Für den Druiden gibt es mit den Erweiterungen des Computerspiels neue Ausrüstungen und ein verändertes Äußeres, und Svetlana hat gleich mehrere Versionen im Schrank hängen. "Ja", sagt sie und lacht diesmal etwas verschämt. "Ich habe für die Kostüme einen Extra-Schrank." Der steht im Schlafzimmer. Svetlana öffnet ihn langsam wie eine Schatzkammer - und macht ihn gleich wieder zu, als die neugierigen Blicke sich zu tief zwischen Gewänder, Perücken und Helme graben. Oben lugen vom Schrank ein paar Flügelspitzen herunter, neben dem Bett ist ein Teil von Kamuis Waffensammlung an der Wand befestigt: Ein Stab, der "Intensität" heißt, daneben der "Großstab des zornerfüllten Gladiators". Gegenüber ist ein Regal voller Kisten mit Pinseln, Farben, Bastelmaterial. Auf dem Tisch liegen angefangene Rüstungsteile. "Das wird ein Barbar aus Diablo 3."

"Cosplay ist mehr, als sich zu kostümieren. Für mich ist es sehr wichtig, alles selbst herzustellen." Die Kostüme zu tragen, sei gar nicht so toll. "Das ist furchtbar anstrengend. Du kannst nicht sitzen, laufen, aufs Klo gehen." Mit dem ersten Druiden-Outfit war sie ein halbes Jahr beschäftigt. Als sie zum ersten Mal mit ei ner Freundin bei einer Meisterschaft antrat, war das Kostüm morgens um 5 fer tig geworden. "Ich bin sooo rumgelaufen, weil ich mich nicht bewegen konnte." Svetlana bläht die Backen und stapft wie ein ungelenkes Michelin-Männchen durchs Schlafzimmer. Auf der Bühne machten sie einen Sketch daraus. Die 26-Jährige grinst schief: "Bei der Jury kam das nicht an."

Heute ist sie selbst Jurorin und braucht für ein Kostüm zwei bis drei Wochen. Das ist dann sogar halbwegs bequem. Sie gibt ihr Wissen auf ihrer Homepage weiter und bekommt dafür Dankes-Emails von verzweifelten Druiden aus al ler Welt. Kamui gilt derzeit als beste World-of-Warcraft-Cosplayerin Deutschlands und hat im Internet einige Berühmtheit erlangt.

Sie arbeitet nebenbei für die Firma Cryptozoic. Das Unternehmen veranstaltet Turniere mit seinem Wow-Kartenspiel. In der Kluft von Vanessa Van Cleef, der rachdürstigen Anführerin der Defias-Bruderschaft, macht Svetlana dann die anderen Spieler fertig. Kürzlich wurde sie für ein Event in Japan gebucht. "Da kriegst du gut Geld", sagt sie.

Viele Cosplayer würden ihr Hobby geheim halten. "Aber ich gehe offensiv damit um." Dadurch bekommt sie immer wieder Aufträge. Sie gibt auch Workshops zum Rüstungsbau. Leben kann die Nürnbergerin von ihrem Hobby trotzdem nicht, aber für die Studentin ist es ein guter Nebenjob. Und sie kommt viel herum: "Letztes Jahr war ich in acht verschiedenen Ländern." Würde sie ihre Kostüme verkaufen, könnte sie damit deutlich mehr Geld verdienen - aber Kamui gibt ihre Rüstungen nicht her.

Links zum Thema


www.comic-salon.de
www.connichi.de (größte deutsche Convention)
www.japan-expo.com (größte europäische Convention)
www.animexx.de (deutsche Manga/Anime-Community)
www.cosplay.com (internationale Cosplay-Community)
www.dcm-cosplay.de (größter deutscher Wettbewerb)
www.tv-aichi.co.jp/wcs/e (größter internationaler Wettbewerb)