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Wer mit 90 noch jugendlich schnurrt - Eine besondere Liebesgeschichte

Ein Oldtimer, Baujahr 1928, hat es Stephan Güthlein angetan. Sein Opel ist seit fast 80 Jahren im Familienbesitz und er tut seinen Job noch heute zuverlässig.
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Zwei 90-Jährige auf froher Fahrt durch Franken, Dritter im Bunde ist Stephan Güthlein am Steuer .  Foto: Bernhard Panzer
Zwei 90-Jährige auf froher Fahrt durch Franken, Dritter im Bunde ist Stephan Güthlein am Steuer . Foto: Bernhard Panzer
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Neunzig Jahre hat er schon auf dem Buckel, der alte Herr, der so jugendlich schnurren kann. Der grüne Opel Laubfrosch aus Erlangen, ein Oldtimer mit Baujahr 1928, ist in der ganzen Region ein Begriff bei den Freunden klassischer Fahrzeuge. Bei der großen Oldtimerparade im Weihersbach im Juni des vergangenen Jahres war das Automobil eines der ältesten und schönsten.

Was hat der Opel nicht alles schon erlebt! Erst im letzten Sommer traf er einen anderen betagten Herren, genauso alt, und beide genossen just an dessen Geburtstagsfeier eine gemeinsame Ausfahrt. Besitzer Stephan Güthlein tuckerte mit den beiden 90-Jährigen durch die fränkische Landschaft. Da funkelte ein jugendliches Leuchten in den Augen respektive Scheinwerfern.

Just zu dem Stephan, seinem stolzen Eigentümer, pflegt der Opel eine besondere Beziehung.

Kennen die Beiden sich doch schon seit vier Jahrzehnten, und er war es auch, der das Auto restauriert und zu seiner jetzigen jugendlicher Frische verholfen hat. Gemeinsam haben sie viel Schönes erlebt, den Porsche von James Dean und den Mercedes von Papst Pius haben sie kennen gelernt - doch das lassen wir die Beiden selbst erzählen. Denn Güthlein hat die Lebensgeschichte seines Schmuckstücks aufgeschrieben, aus Sicht seines kleinen alten Opel. Und so ist die Erzählung aus dem Leben des Oldtimers auch gleichsam eine ganz besondere Liebesgeschichte geworden.

Ein kleiner, alter Opel erzählt ein wenig aus seinem bewegten Leben

I ch erblickte das Licht der Welt 1928 in der Autoschmiede von Opel in Rüsselsheim. Meine Geburtsdaten: Typ 4/16 (4 Steuer-PS und 16 Brems-PS), 1016 ccm, 2 + 2 sitzig und ca. 70 km/h schnell. Meine zahlreichen Brüder und ich aus der sogenannten "4 PS-Serie" von Opel waren in den 20er Jahren die beliebtesten Kleinwagen in Deutschland. Meine älteren Brüder des Jahrgangs 1924 waren als "Opel-Laubfrosch" in aller Munde. Es war das erste Auto, das in Deutschland am laufenden Band produziert wurde.

Ältestes Erlanger Auto

Kaum am Leben, musste ich schon schuften wie ein Tier. 1940 kaufte mich der Großvater meines jetzigen Besitzers, ein Gastwirt und Metzgermeister aus Büchenbach von seinem Bruder ab. Dieser war Kfz-Meister in Erlangen und besaß mich mindestens seit 1931. Eine Versicherungsurkunde von 1939 und ein Brief an den damaligen OB von Erlangen von Hans Güthlein mögen dies belegen. So gesehen bis ich höchstwahrscheinlich das älteste Auto aus Erlangen!

Ab den 40-er Jahren musste ich richtig hart arbeiten. Schnell war ein Viehanhänger gebaut. Den musste ich dann - oft schwer beladen - durch die fränkischen Lande ziehen. Einen Vorteil hatte diese Schufterei doch. Den fürchterlichen Krieg überlebte ich als "Behelfslieferwagen" im Kreise meiner Familie.

Nach kurzer Pause unter Heu und Reisig sollte ich die neue Freudenwelle nach der harten Zeit unterstützen. Gelb und rot gestrichen, war ich in den 50er Jahren ab und zu bei Vatertagsausflügen im Einsatz. Es folgten dann einige langweilige Jahre als Ausstellungsfahrzeug mit wenig Laufarbeit.

Nach diesem längeren Siechtum hat mich 1977 mein jetziger Besitzer - der Enkel des Büchenbacher Gastwirts - unter seine Fittiche genommen. Ich zog von Büchenbach nach Alterlangen, wo ich seitdem wieder richtig aufleben konnte. Insgesamt elf Jahre lang hat er mich wieder in alten Glanz zurück versetzen lassen. Ich behielt meine alte Substanz in großen Umfang. Jedoch ist mein optisches Erscheinungsbild in neuem, aber altersgerechten Glanz versetzt worden.

Im Jahr 1988 schlug mein Herz wieder wie neu und es begann meine bisher schönste Zeit. Als vitaler Veteran kann ich die große weite Welt nach Herzenslust genießen. Dabei habe ich schon sehr viel Schönes erlebt und kennengelernt. Oh mei - ist Deutschland und Europa schön. Jährliche Reisen im Kreise meiner vielen Alt-Opel-Freunde ließen mich fast alle Bundesländer sowie Holland, Luxembourg, Italien und die Schweiz unter die Räder nehmen. Erlebnisreich und einfach nur toll, die Vielfalt unserer landschaftlichen Schönheiten. Ansonsten genieße ich unsere traumhaftes Frankenland mit einem Freund aus den Haßbergen, ebenfalls ein Vier-PS-Opel. Es gibt auch ein paar außergewöhnliche Erlebnisse in meinem automobilen Leben. Anbei einige Episoden.

Im Musikantenstadl

1990 durfte ich zum Musikantenstadl von Karl Moik in die Nürnberger Frankenhalle. Dort chauffierte ich den Hias. Sie wissen vielleicht noch, es war der "komische" Typ. Aber wir beide waren eine Hauptnummer der Eurovisions-Sendung. Die Blumen aus dem Publikum bekam aber nicht er, sondern mein Herrchen und Fahrer, der Stephan. Es war ein schönes Erlebnis in meiner Laufbahn.

Noch schöner war es in Berlin auf der "Allgemeinen-Automobil-Ausstellung 1992". Im Messezentrum. In der Sonderschau "Prominenz auf Rädern" konnte ich mich im elitären Kreis vieler attraktiver und berühmter Oldtimer von großen Museen, Automobilherstellern und viele anderen sonnen. Es hat sich nämlich herausgestellt, dass einer meiner Brüder das erste eigene Cabriolet der damals noch jungen und unbekannten Schauspielerin Marlene Dietrich war. Aber ich lebe ja noch und freue mich wie stolzer Oldie.

Der Mercedes vom Papst

Es waren viele berühmte Kollegen dabei: der Papst-Mercedes 600 von Papst Pius XII, der "James-Dean-Porsche, der ZIS 115 C von Stalin, die "Rote Fahne" von Mao Tse Tun, die Easyrider-Harley von Peter Fonda und viele andere mehr. Nach den zehn Tagen Ausstellungsdauer war ich der einzige, der sofort ansprang und die Halle aus eigener Kraft verließ. Alle anderen mussten geschoben oder geschleppt werden.

Es war ein Labsal für mein Ego! Wenn sie meinen Besitzer, den Stephan, erwischen sollten,

sehen Sie heute noch seine leuchtenden Augen.

In den letzten Jahren geht es in meinem fast 90 jährigen Autoleben etwas gemütlicher zu. Es kommen aber immer wieder besondere Erlebnisse dazu. So zum Beispiel die "Blaue Nacht" in Nürnberg. Dort bin ich seit einigen Jahren das älteste Vehikel bei den Publikumsfahrten im Programmpunkt "Mobile Zeiten". Noch eine Kleinigkeit gibt es zu berichten: Auch auf seine Arbeit musste ich mein Herrchen manchmal fahren. Der Faulpelz hätte auch das Fahrrad nehmen können. Na ja - ich bin halt ein Fahrzeug und kein Stehzeug!

Natürlich habe ich auch meine Eigenheiten. So sind zu Beispiel das Gaspedal bei mir in der Mitte und die Fußbremse rechts. Sie habe richtig gelesen - aber meinem Stephan macht das nichts mehr aus.

Mein EKG (die Kompression, der Öldruck und so weiter) sind bestens in Ordnung. Seit jeher brauche ich nur bleifreie Nahrung.

Ich freue mich jetzt schon auf neue Erlebnisse, denn ich halte wahrscheinlich länger durch als mein 69-jähriger Eigentümer und Fahrer. Er behandelt mich aber immer gut. Ein kleiner Frosch - das älteste Auto aus Erlangen - hat sich über ihr Interesse sehr gefreut.

                    aufgeschrieben von                         Stephan Güthlein

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