Höchstadt a. d. Aisch
Schule

Weg vom Bulimie-Lernen!

Acht Jahre Gymnasium oder doch wieder lieber neun? In einem Volksbegehren kann jetzt darüber abgestimmt werden, ob Schüler die Wahl haben sollten. Die Meinungen darüber gehen am Höchstadter Gymnasium auseinander.
Artikel drucken Artikel einbetten
Bild: imago
Bild: imago
Vollgepackter Stundenplan. Viel zu viel Stoff. Jede Menge Nachmittagsunterricht. Kaum Freizeit. Ungefähr so hat Lilly Wieland das achtjährige Gymnasium erlebt. Die 18-Jährige hat gerade ihr Abitur gemacht, schaffte einen Schnitt von 1,4. Doch obwohl sie mit dem System gut zurechtkam, sie würde eine Rückkehr zum G9 befürworten: "Man ist eigentlich ständig nur gestresst und unter Anspannung. Das ist schon eine große Belastung. Man bräuchte mehr Zeit für sich", findet Lilly.

Direkt nach dem Unterricht setzte sie sich gleich schon wieder an ihren Schreibtisch. Nicht selten bis in die Abendstunden. Selbst in den Ferien gab es keinen Weg am Lernen vorbei. Und das alles nur, um schneller auf den Arbeitsmarkt zu kommen: "Man braucht aber neun Jahre, um herauszufinden, was man beruflich machen möchte."

Und so scheint es vielen aus ihrem Abi-Jahrgang zu gehen.
Nicht wenige haben sich zunächst dazu entschieden, ins Ausland zu gehen, in Ruhe zu überlegen, wie es weitergehen soll. Auch Lilly reist zunächst durch Europa und will anschließend für ein paar Monate nach Lateinamerika. "Wir sind einfach noch zu jung."

Erst diskutieren, dann abstimmen

Das Volksbegehren der Freien Wähler, dass sich Schüler selbst aussuchen können, ob sie das Gymnasium in neun oder in acht Jahren schaffen wollen, findet Lilly gut. Genauso wie Thomas Zieger, Vorsitzender des Elternbeirats. Dennoch er ist auch skeptisch: "Es sollten erstmal einige Diskussion stattfinden, bevor blind abgestimmt wird. Das Volksbegehren polarisiert mir zu sehr." Zieger befürchtet, dass das Rad mit dem Volksbegehren wieder zurückgedreht werden könnte. "Es bringt unnötig Unruhe in die ganze Debatte. Ich hoffe, dass jetzt nicht alles umgekippt wird."

Komplett zurück zum ursprünglichen G9-System zu gehen, hält Zieger für den ganz falschen Weg. Er will das achtjährige Gymnasium beibehalten, hält es für sinnvoll, allerdings nur unter bestimmten Bedingungen. "Manche Kinder zünden erst später. Sie brauchen mehr Zeit zum Lernen und mehr Zeit zum Reifen. Sie sollten die Möglichkeit haben, ein Jahr länger zu machen", findet Zieger.

Alle anderen könnten - mit dem sogenannten Flexijahr - die 10. Klasse überspringen und ihre Zeit auf dem Gymnasium somit in acht Jahren hinter sich bringen. Ob das Parallelsystem, G8 und G9 auf einer Schule, auch im Gymnasium in Höchstadt realisierbar wäre? "Ich denke schon. Die Regierung muss eben die Mittel zur Verfügung stellen", sagt Zieger.

Zu viel Stoff, zu wenig Freizeit

Von Eltern bekommt er ein unterschiedliches Echo. Die einen stecken das G8 gut weg, die anderen weniger - "es kommt drauf an, wie leistungsstark das Kind ist. Das ist absolut heterogen", sagt Zieger. Nicht zuletzt deshalb, weil auch die Schülerschaft immer heterogener wird: "Heute gehen viel mehr aufs Gymnasium als noch vor ein paar Jahren."

Doch ohne Zweifel sitzen Schüler zuhause länger an ihren Büchern, verschlingt G8 mehr Zeit als davor: "Es ist teilweise ein Fulltime-Job. Schüler müssen härter arbeiten." Das liegt laut Zieger aber vor allem an einem großen Versäumnis: "Bei dem Versuch, die Stofffülle von neun auf acht Jahre zu komprimieren, hat man es nicht geschafft, den Lehrplan zu entmüllen. Das Resultat: noch mehr Nachmittagsunterricht." Dabei könnte vieles, das derzeit noch im Lehrplan steht, getrost weggelassen werden: "Da ist viel altes Zeug, das man heute nicht mehr braucht."

Dieser Meinung ist auch Schulleiter Bernd Lohneiß: "Der Lehrplan muss deutlich gestrafft und gekürzt werden." Und nicht nur das. Auch die zweite Fremdsprache sollte seiner Meinung nach erst wieder ab der 7. Klasse, nicht wie derzeit in der 6. Klasse, begonnen werden. "Kaum hat sich die englische Sprache bei den Schülern gesetzt, kommt schon die nächste Sprache. Das ist zu früh." Ihm zufolge sollte man auch überlegen, ob die Abiturprüfung in Deutsch oder Mathematik unbedingt schriftlich abgelegt werden muss.

Lohneiß bezeichnet sich selbst als "G9-Befürworter": "Die Schüler haben in neun Jahren mehr Zeit, sich zu entwickeln. Der Unterrichtsstoff ist entzerrt", erklärt er. Beim achtjährigen Gymnasium sei dagegen vieles gedrängt, Freizeit bleibt häufig auf der Strecke. Der Nachmittagsunterricht schluckt vor allem ab der Mittelstufe viel Zeit: "Die Kinder haben immer weniger die Möglichkeit, sich selbst zu beschäftigen", findet Lohneiß.

Das Volksbegehren der Freien Wähler befürwortet er, die Bevölkerung wird aufgeweckt, die Diskussion entfacht: "Ich hoffe, dass die Regierung auf den Zug aufspringt." Lohneiß geht davon aus, dass sich das G9 wieder durchsetzen wird. Das wäre auch sein Wunsch. Die Vorzüge vom G8, obwohl vieles gedrängter ist, möchte er dennoch nicht missen. Vor allem die für die Schüler verpflichtenden Intensivierungsstunden und Stunden zur individuellen Fördernung hält er für sinnvoll.

Wenige davon betroffen

Genauso wie Petra Arnold, Lehrerin und Mitglied im Schulforum am Höchstadter Gymnasiums: "Ideal wäre ein G9 mit den Vorzügen von G8." Bleiben müssten ihrer Meinung nach auch das W- und P-Seminar, "die wirklich sehr gute Einrichtungen sind". Die Diskussion um G8 oder G9 geht ihrer Meinung nach am Grundproblem vorbei: "Unser Schulsystem an sich passt nicht mehr zu den heutigen Jugendlichen. Ihre Welt hat sich durch die neuen Medien grundlegend geändert."

Das Volksbegehren an sich hält Arnold aber für eine gute Sache. Doch sie ist sich nicht ganz sicher, ob es am Ende nicht doch scheitern wird: "Ob sie Omas, Opas, Onkels und Tanten mobilisieren können, weiß ich nicht."

Eintragungen Das Volksbegehren "Ja zur Wahlfreiheit zwischen G9 und G8 in Bayern" läuft seit vergangenen Donnerstag. In Höchstadt hat es bisher 39 Eintragungen gegeben, in Herzogenaurach 55. Letzter Einschreibungstag ist Mittwoch, 16. Juli.

Höchstadt In Höchstadt können Sie sich im Bürgerbüro eintragen. Die Öffnungszeiten: Dienstag, 8. und 15. Juli, 7.30 bis 12 und 13 bis 16 Uhr; Mittwoch, 9. und 16. Juli, 7.30 bis 12 und 13 bis 16 Uhr, Donnerstag, 10. Juli, 7.30 bis 12 und 13 bis 20 Uhr; Freitag, 11. Juli, 7.30 bis 12.30 Uhr. Samstag und Sonntag, 12. und 13. Juli, 10 bis 12 Uhr; Montag, 14. Juli, 7.30 bis 12 und 13 bis 16 Uhr.

Herzogenaurach In Herzogenaurach sind die Eintragungen ebenfalls im Bürgerbüro möglich. Die Öffnungszeiten sind hier: Dienstag, 8. und 15. Juli, 7.30 bis 12.30 und 13 bis 16 Uhr; Mittwoch, 9. Juli, 8 bis 12.30 und 13 bis 16 Uhr; Donnerstag, 10. Juli, 8 bis 12.30 und 13 bis 20 Uhr; Freitag, 11. Juli, 8 bis 12.30 Uhr; Samstag und Sonntag, 12. und 13. Juli, 10 bis 12 Uhr; Montag, 14. Juli, 8 bis 12.30 und 13 bis 16 Uhr; Mittwoch, 16. Juli, 8.30 bis 16 Uhr.
Verwandte Artikel

Kommentare (0)

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren