Herzogenaurach

Von der Querflöte zum Trommelstock

Eigentlich begann Mareike Wiening als Kind ganz klassisch mit Klavier und Flöte, doch mit 14 Jahren entdeckte sie das Schlagzeug. Heute ist sie mit 32 Jahren eine gefragte Jazz-Musikerin.
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Mareike Wiening aus Herzogenaurach  Foto: Lukas Diller
Mareike Wiening aus Herzogenaurach Foto: Lukas Diller
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"Schuld" war ein junger Franzose, dass die zarte 14-jährige Gymnasiastin die Querflöte mit Trommelstöcken tauschte und Schlagzeug lernte. Florent war damals ihr Austauschschüler, sagt Mareike Wiening, und beim Aufenthalt in Sainte Luce hat die Siebtklässlerin ihr Talent für das "Männer-Instrument" entdeckt. "Er wohnte abgelegen auf dem Dorf draußen und wir konnten den ganzen Tag Schlagzeug spielen", erinnert sie sich.

Heute ist die 32-jährige Herzogenauracherin eine international anerkannte Schlagzeugerin, lebte und musizierte zuletzt sechs Jahre in New York und kehrt jetzt mit ihrer Band aus der Hauptstadt des Jazz zurück nach Deutschland. Am kommenden Montag gastiert das Mareike Wiening Quintett in der Tafelhalle in Nürnberg - der vierte Auftritt einer langen Tournee mit mehr als 40 Konzerten in fünf Ländern.

"Schuld" waren aber auch ihre Eltern, dass die junge Frau heute in der ganzen Welt zuhause ist. In ihren vielen Bands spielen Musiker aus allen möglichen Nationen - in einem Quartett sind beispielsweise drei Instrumente, aber vier Länder vereint - und Mareike pendelt viel umher, jettet schon mal zu einem Konzert nach Kanada.

Als sie sechs Jahre war, zog die Familie Wiening von Franken nach Norwegen, wo der Vater als Ingenieur arbeitete. Die ersten beiden Grundschulklassen verbrachte sie dort, spricht heute noch fließend norwegisch. Seither ist sie immer offen für andere Länder und Kulturen.

Dabei begann die zweifache Kulturförderpreisträgerin ganz klassisch, wie sie sich erinnert. Zurück in Deutschland, Mareike besuchte die Grundschule am Burgstaller Weg, hat sie Klavier gelernt, bei Thomas Fink an der Musikschule. Mit zehn Jahren wurde das Mädchen an der gleichen Schule bei Gabriele Haberberger in Querflöte unterrichtet. Und dann kam das Gymnasium, und der Schlagzeuger Florent.

Zurück aus Sainte Luce, spielte der Zufall eine Rolle. "Ein Freund meines Bruders verkaufte damals ein Schlagzeug", erinnert sich Mareike. Und schon war's geschehen. "Ich hab noch beim Toni im Chor gesungen", sagt sie. Und ihre bisherigen Instrumente lernte sie weiterhin. Also hat's die Familie erlaubt. Als 15-Jährige begann sie den Unterricht bei Tillmann Uhl, ebenfalls an der Musikschule. Am Gymnasium trommelte sie dann in der Big Band und in den Musicals von Matthias Zell.

Der Kontakt zu Thomas Fink hat die junge Mareike in die Welt des Jazz gebracht. "Ich bin da ziemlich schnell reingerutscht", sagt sie, dazu trug auch einer der legendären Oster-Workshops bei Rainer Glas in Erlangen bei. Bei Werner Treiber an der Städtischen Musikschule in Nürnberg hat die Herzogenauracherin dann ein Stipendium erhalten. Zweimal die Woche sei sie gependelt, zwischen Kollegstufe und Nürnberg. Nach dem Abi studierte Mareike Wiening zwei Jahre lang Schlagzeug an der renommierten Musikhochschule in Mannheim, bevor es sie erneut hinaus zog, für zwei Semester zum Auslandsstudium nach Kopenhagen. Zurück in Mannheim "habe ich den Bachelor gemacht". Und dann kam, was kommen musste - New York.

"Ich war da einmal zu Besuch", berichtet Mareike. Und schon da hat sie ihre Liebe zu dieser Metropole entdeckt. "Das ist die Hauptstadt des Jazz. Einen besseren Ort gibt es auf der Welt nicht", schwärmt sie. Und: "Ich wollte da unbedingt hin". Freilich hat auch das geklappt, wie vieles (oder gar alles?), was sich die junge Frau in ihrem Leben vorgenommen hat. Ihr Mannheimer Professor Michael Küttner (den sie dieses Semester an der Musikhochschule Köln vertritt) hat sie unterstützt und Mareike erhielt ein DAAD-Stipendium (Deutsch Akademischer Austauschdienst, finanziert von Bundesmitteln und der EU) auf zwei Jahre. Das war 2012.

In New York hat sie dann ihren Master gemacht, den sie in Mannheim wiederholte, nach dem Motto "wenn schon, denn schon", wie sie augenzwinkernd berichtet. Zurück in Big Apple hat sie ein Künstlervisum bekommen, als Voraussetzung, arbeiten zu dürfen. So lebte und liebte sie bis zum Herbst 2018 in New York. Für immer zu bleiben, sei aber nicht beabsichtigt gewesen, sagt sie. Ihr Freund, denn sie kennengelernt hatte, blieb dort.

Jetzt lebt Mareike Wiening in Köln, besucht regelmäßig ihre Eltern in Herzogenaurach. Auch wenn sie in Nürnberg ist. Denn dort ist die junge Frau an der Musikschule Schlagzeuglehrerin. In Nürnberg leben wollte sie nicht, "da wäre mir die Decke auf den Kopf gefallen", lacht sie. Es sei schon ein krasser Unterschied zwischen New York und Nürnberg.

Und was ist an Köln besser? "Köln ist eine der beiden Zentren des Jazz in Deutschland, neben Berlin". Das habe sie gereizt, das Bundesjugendjazzorchester hat unweit in Bonn seinen Sitz, der WDR ist in Köln, "und in drei Stunden bin ich in Paris". Dort hat sie eine Band, die mit den Musikern aus vier Ländern. Nach Berlin wollte sie auf keinen Fall. "In New York saß ich zwei Stunden am Tag in der Subway", berichtet sie. "Das wollte ich nicht mehr".

Am Freitag kamen die Musiker ihrer New Yorker Band (Mareike: "Mein großes Projekt für 2019 und 2020") in Deutschland an. Jetzt geht's mit dem Tourbus auf die Reise. Der vierte Auftritt führt sie am Montag bereits nach Nürnberg, rund vierzig weitere in fünf Ländern folgen. Sie bleibt rastlos, stets unterwegs, dauernd in Bewegung. Woher nimmt sie nur die ganze Kraft? "Ich muss ja irgendwie meine Energie loswerden", lacht sie. Energie, die sie in den USA täglich brauchte, "New York ist unfassbar anstrengend", sagt Mareike. Deutschland hingegen sei ruhig, "da schaff ich doppelt so viel."

Und wie ist es mit ihrem "früheren" Leben? Ihre Familie ist ihr sehr wichtig, und Norwegen. "Ich bin jeden Sommer dort." Und Florent, der junge Franzose? Den hat sie nicht vergessen. Nach über zehn Jahren hat sie ihn jüngst in Paris wieder getroffen.

Termin Das Mareike Wiening Quintett gastiert am Montag, 7. Oktober, um 20 Uhr in der Tafelhalle Nürnberg. Präsentiert wird das Album "Metropolis Paradise", das die Band im berühmten Brooklyner Studio "Systems two" eingespielt hat.

Band Namhafte Persönlichkeiten aus der Jazz-Community. Die handverlesenen Mitstreiter sind sonst im Maria Schneider Orchestra oder beim Saxofonisten Ravi Coltrane kreativ.

Namen Rich Perry (USA): Tenor Saxophon, Glenn Zaleski (USA): Klavier, Alex Goodman (Kanada): Gitarre, Johannes Felscher (Deutschland): Kontrabass, Mareike Wiening (Deutschland): Schlagzeug

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