Höchstadt a. d. Aisch
Sicherheit

Viele haben keinen Respekt mehr

Immer wieder kommt es zu Handgreiflichkeiten gegen Sanitäter. So ging es jetzt auch den Helfern des Bayerischen Roten Kreuzes Höchstadt. Das sei aber selten der Fall und nicht die einzige belastende Herausforderung.
Artikel drucken Artikel einbetten
Rettungssanitäter wie Sven Borstner haben mit vielen Herausforderungen zu kämpfen. Körperliche Gewalt ist dabei zum Glück nicht auf der Tagesordnung - und daher noch das geringste Problem. Belastender sind Beleidigungen, zu hohe Ansprüche und Bagatell-Einsätze. Foto: Theresa Schiffl
Rettungssanitäter wie Sven Borstner haben mit vielen Herausforderungen zu kämpfen. Körperliche Gewalt ist dabei zum Glück nicht auf der Tagesordnung - und daher noch das geringste Problem. Belastender sind Beleidigungen, zu hohe Ansprüche und Bagatell-Einsätze. Foto: Theresa Schiffl

Die meisten Rettungshelfer könnten über ihre Erlebnisse, über schöne und weniger schöne Momente und kuriose Einsätze sicherlich ein Buch schreiben. Auch die Einsatzkräfte des Bayerischen Roten Kreuzes in Höchstadt. Bei einem routinemäßigen Einsatz in der Großen Bauerngasse hatten die Sanitäter kürzlich mit einer sehr besorgten und stark alkoholisierten 17-Jährigen zu kämpfen, die ihren 18-jährigen Freund partout nicht alleine lassen wollte.

Unangenehme Situationen

Der junge Mann hatte sich eine Alkoholvergiftung zugezogen. Um ihn zu behandeln, brachten ihn die Sanitäter in den Krankenwagen. Seine Freundin verschaffte sich Zugang in den Rettungswagen und legte sich auf ihren Freund. Die BRK-Sanitäter wurden in ihrer Arbeit behindert und riefen schließlich die Polizei. Nach weiterem Widerstand und Schlägen sowie Tritten gegen die Polizisten wurde das junge Mädchen schließlich gefesselt und zur Ausnüchterung wie ihr Freund ins Krankenhaus gebracht. Die Sanitäter wurden nicht verletzt, wobei sie sich von der 17-Jährigen beleidigen lassen mussten.

"Solche Fälle sind für uns am schlimmsten und unangenehmsten. Natürlich geht es diesen Patienten schlecht, aber das haben sie ja auch selbst herbeigeführt", meint Jörg Raber, Leiter der Rettungswache Höchstadt. Mittlerweile werden er und seine Kollegen auch in Höchstadt immer öfter zu solchen Einsätzen gerufen.

Der "typische" Patient, der körperlich oder verbal aggressiv werde, sei meistens alkoholisiert oder stehe unter Drogeneinfluss, kann Raber aus seiner 25-jährigen Erfahrung erzählen. "Die Polizei darf in solchen Situationen eingreifen. Wir dürfen und machen das nicht, weil das wichtig für das Vertrauen in uns ist."

Falsche Darstellung im Fernsehen

Neben der Enthemmung durch Alkohol vermutet Raber, dass sich Scripted-Reality-Sendungen, in denen Einsätze von Polizei und Rettungskräften nachgestellt werden, auf das Verhalten der Patienten auswirken. "Das was da im Fernsehen gezeigt wird, hat mit der Realität rein gar nichts zu tun."

Er erzählt, dass die Rettungswache Höchstadt selbst schon einmal bei der Sendung "Notruf" mitgemacht hat. In der Sendung berichten Rettungshelfer von ihren Einsätzen, die dann durch Schauspieler möglichst realitätsnah dargestellt wurden.

"Am Anfang waren wir da selbst sehr skeptisch, aber dann dachten wir uns, dass es besser ist, wenn wir dabei sind, weil wir wissen wie es war", sagt Raber. Jedoch sei der Fall dann doch sehr überspitzt dargestellt worden und die Rettungssanitäter forderten eine Korrektur der Darstellung.

Seit fünf bis sechs Jahren dokumentiert die Höchstadter Rettungswache zusammen mit ihren Kollegen in Erlangen Fälle von Gewalt bei ihrer Arbeit. "Wir haben zwar festgestellt, dass das öfters vorkommt, aber es gibt keine signifikanten Häufungen. In Städten wie Nürnberg oder München haben die Kollegen viele solche Einsätze", so Raber. Das komme häufig an Brennpunkten wie Bahnhöfen oder Sozialeinrichtungen wie Wohnheimen vor.

Verbale Gewalt häufiger

Körperlicher Gewalt sind die Rettungssanitäter eher selten ausgesetzt. "Die verbale Gewalt hat jedoch eindeutig zugenommen und der Respektverlust vor uns ist spürbar", sagt Raber nachdenklich. Vor 25 Jahren sei das völlig anders gewesen, erinnert er sich zurück. Da hätten die Menschen noch bei Festen Platz gemacht, wenn sie kamen. Oder die Schlägerei wurde beendet und die Helfer konnten sich um Verletzte kümmern.

"Wir bilden unsere Mitarbeiter aber zum Thema Deeskalation regelmäßig weiter und sensibilisieren sie auch für solche Situationen. In unserer neuen Ausbildung zum Rettungssanitäter nimmt das auch einen sehr großen Bereich im Unterricht ein." Durch die guten Schulungen und die jahrelangen Erfahrungen könnten er und seine Kollegen ziemlich gut mit solchen Situationen umgehen. Auch der Zusammenhalt im Team und das Reden über solche Vorfälle helfen. "Trotzdem sind diese Momente prägend."

Viel belastender sei für die Rettungshelfer jedoch mittlerweile das hohe Anspruchsdenken der Patienten, die geringe Wertschätzung ihrer Arbeit und Einsätze wegen Bagatellfällen. Viele Patienten stellten bei der Behandlung oder auch der Auswahl der Krankenhäuser Forderungen. "Was das Krankenhaus betrifft sind wir dazu verpflichtet, das nächstgelegene und vor allem freie anzufahren. Mittlerweile haben wir dafür das Programm ,Ivena-Mittelfranken', wo jeder einsehen kann, wie Krankenhäuser belegt sind", sagt Raber. Neben Beleidigungen ist gerade so unangebrachtes Verhalten einiger Patienten eine Belastung. Zudem gebe es Anwohner, die sich über das Martinshorn aufregen.

Oft kämen die Sanitäter auch zu Patienten, die von ihrem Hausarzt behandelt werden könnten, so Raber. "Zu lebensbedrohlichen Situationen zählen bei uns Herzinfarkte, Schlaganfälle, Atemnot, Brustschmerzen oder Vergiftungen." Aber auch wegen einer roten Nase und Schnupfen oder einem Hautausschlag seien sie schon oft gerufen worden. Im Zweifel könne man bei ihnen immer anrufen, aber wenn es sich um keine Akut-Fälle handle, solle man zunächst den Hausarzt aufsuchen oder den Bereitschaftsdienst anrufen.

Notruf oder Bereitschaft?

112: Beispiele für Beschwerden, die in den Notaufnahmen der Krankenhäuser versorgt werden: lebensbedrohliche Erkrankungen wie Herzinfarkt oder Schlaganfall (Notrufnummer 112 wählen!), Schnitt- und Platzwunden, Knochenbrüche oder Verbrennungen.

116 117: Bereitschaftsdienste kümmern sich um die leichteren Fälle und entlasten so die Notärzte der Krankenhäuser. Bei Bedarf leiten sie Patienten selbstverständlich in die Notaufnahme weiter. www.116117.de

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren