Kersbach
Querläufer 178

Gefangen in der Zeitschleife von Kersbach

Diesmal erzählt Jochen Brosig in seiner FT-Kolumne, warum ihn ein Hund beim Dreikönigslauf in Kersbach an Phil das Murmeltier erinnert.
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Querläufer Jochen Brosig (li.) und die Sternsinger von Kersbach  Foto: privat
Querläufer Jochen Brosig (li.) und die Sternsinger von Kersbach Foto: privat
D er Wecker klingelt. An Dreikönig? Ja, Dreikönig ist Lauftag. Auf geht's nach Kersbach. Noch lässt sich nichts Böses erahnen. Ein Zipperlein hier, ein Zipperlein da, daran hat sich der Querläufer schon gewöhnt. Aber ein seltsames Déjà-vu erfasst meine Gedanken. Dreikönig, Kersbach, Jahresauftakt, ist es schon wieder so weit? Mir kommt es vor, als wäre es erst gestern gewesen. Dem TV-Reporter aus "Und täglich grüßt das Murmeltier" erging es ähnlich. Ja, so muss es sein: Ich sitze fest in einer Zeitschleife.

I m Film fährt der TV-Reporter zum Murmeltiertag nach Punxsutawney, Pennsylvania. Dort trifft ein Waldmurmeltier die Vorhersage über das Fortdauern des Winters. Das Ganze funktioniert nach der Art der Bauernregeln. Ausgerechnet dort beginnt sein Tag nun immer wieder neu mit den gleichen Ereignissen: Jeden Morgen um 6 Uhr erwacht er, es ist immer wieder der 2. Februar. Was dem Reporter sein 2. Februar ist dem Querläufer der 6. Januar.

D unkle Regenwolken bedecken den Himmel. Wie immer am 6. Januar. Es wird wohl ein Schlechtwetterlauf. Ich denke an die alte Läuferweisheit, wonach die Sieger des Sommers im Winter gemacht werden. Gab es einen Sommer? Wann war der letzte Sommer? Wie viele Zeitschleifen habe ich schon durchlaufen? Endlose Trainingskilometer bei Nieselregen, Schneefall, Eiseskälte und im Dunkeln. Lange Hosen, Winterjacke, Mütze und Handschuhe. Los, raus aus dieser Tristesse. Abwechslung suchen. Die Form testen. Wieder nach Kersbach. Immer wieder Kersbach. Und dann das. Mich verfolgt der gleiche Tag immer und immer wieder.

S tartschuss, 12 Uhr. Die Menge setzt sich in Bewegung. Der Wind pfeift um die Ohren. Es ist ungemütlich. Ich würde mich am liebsten in das Loch vom Murmeltier Phil verkriechen. In der ersten Runde kann ich mich noch verstecken. Doch Anfang der zweiten Runde stellt sich der Querläufer die Frage: "Warum musste es wieder Kersbach sein?" Ob sich das der TV-Reporter auch gefragt hat? Einsam trabe ich vor mich hin. Keiner kann mir Windschutz geben. Das alles habe ich doch schon einmal erlebt.

K urze Zeit später. Ein Hund sitzt am Straßenrand. Für einen kurzen Augenblick sieht er für mich wie Phil das Murmeltier aus. Dann bin ich vorbei. Wieder allein auf weiter Flur. Doch statt Ruhe höre ich kurze, schnelle Schritte. Ein Typ hat sich an mich drangehängt. Er läuft dicht auf, ohne zu überholen. Das kann nicht sein, oder? Ich forciere nochmals das Tempo, die Schritte bleiben da. "Warum nicht?", sage ich mir. Soll er sich doch in meinen Windschatten hängen. So laufen wir einträchtig hintereinander. Ich mache das Tempo, er klebt an mir.

W ir kommen dem Ziel immer näher. Ganz cool schaue ich auf meinen ,Garmin', um zu demonstrieren, wie locker das Tempo für mich ist. Der Trick ist alt, aber gut. Kein Blick für den Gegner, bei mir ist alles im grünen Bereich. Doch kurz vor dem Anstieg ist bei mir nichts mehr im grünen Bereich. Der Puls ist zu hoch. Wo ist die Höhle vom Murmeltier? Ich brauche Erholung.

Z ielsprint. Ist der Abstand nicht schon größer geworden? Die letzte Kurve, ich lege nochmals nach. Auf die Zielgerade und ins Finish. Alles wie immer. Am Teeausschank die gleichen Läufer. Reinhold wird mir gleich auf die Schulter klopfen: "Hallo Jochen!" Neben dem Teekessel wird jeden Augenblick ein Pappbecher umfallen. Platsch!
Ja, ich bin in einer Zeitschleife gefangen!

Run happy and smile!
Euer Querläufer

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