Laden...
Röttenbach
Querläufer (126)

Mission Impossible in Kemmern

Wer bei Läufen in der Region startet, der erlebt einiges - auch abseits der Strecke. Jochen Brosig erzählt davon in seiner FT-Kolumne. Diesmal erklärt er, weshalb die Platzierung nicht immer das Wichtigste ist.
Artikel drucken Artikel einbetten
Querläufer Jochen Brosig
Querläufer Jochen Brosig
Wenn ich von einem Wettkampf heimkomme, fragt die Läuferfrau: "Und, wie war's?" Sie erwartet dann eine Beschreibung, wie ich die Grenzen in meinem Innern überwunden habe, wie der Moment war, als sich der Kopf frei machte, ob die Anfeuerungsrufe der Zuschauer heute geholfen haben oder wie mein Gefühl war durchs Ziel zu laufen. Oft ist die Antwort ein Grummeln: "Hm. War schon o.k." Sie versteht das nicht. Ging es dir schlecht? Bist du umgeknickt? Hast du den Weg nicht gefunden? Hat dir im Ziel jemand das letzte alkoholfreie Weizen weggetrunken? Oder was? Nichts von alledem. Noch ein Grummeln von mir: "Eine Minute zu langsam."

Wie wird es wohl heute sein? Bayerische Meisterschaften im Zehn-Kilometer-Straßenlauf. Eine flache Asphaltstrecke. Keine Ecken und Kanten. Ein starkes Teilnehmerfeld. Stimmungsvolle Zuschauer. Das sind die besten Voraussetzungen für schnelle Zeiten.
Die Läuferfrau peilt die Unter-50 an, der Querläufer will die 40-Minuten-Schallmauer durchbrechen. Zehn Kilometer durch das oberfränkische Kemmern. Wie immer vom gastgebenden SC Kemmern perfekt organisiert. Um 14.30 Uhr geht es los. Warmlaufen, Dehnen, fertig machen. Ich habe ein gutes Gefühl. Ein Küsschen von meiner Liebsten am Start, dann drücke ich meine Polar-Uhr ab. Von da an laufen die Sekunden unerbittlich.

Meistens sind es nur ein paar Zahlen. Sie entscheiden über Sieg oder Niederlage. Eine Minute zum Beispiel. 60 Sekunden. Je nach Strecke sind das umgerechnet auf den Kilometer zwischen 1,5 und drei Sekunden. Ich stoße auf Unverständnis. "Ich laufe heute einmal nach Gefühl." Die Läuferfrau versteht mich nicht. Wie auch? Denn sonst könnte sie unterscheiden zwischen halb eins und zehn vor eins, zwischen zwölf Uhr und zwölf Uhr zwanzig. Die Zeiger ihrer Uhr interpretiert sie fantasievoll. Unser gemeinsames Leben verbringe ich meist mit warten. Vor dem Schuhgeschäft, vor dem Friseur, vor ihrer Lieblingsboutique. Deshalb ist es für sie unverständlich, dass es bei einer Minute um Lichtjahre, Äonen, Fantastilliarden geht.

Optimales Laufwetter. Meine ganz schnellen Konkurrenten sind nicht lange in Sichtweite. Klaus sehe ich im Gedränge erst gar nicht. An Jörg bin ich nur bis zur Kilometermarke dran. Danach entschwindet er. Der Querläufer irgendwo im Mittelfeld. Die Beine sind schwer, es läuft nicht rund. Bin ich zu schnell, frage ich mich. Eigentlich nicht, bisher alles im Plan. Ich schleppe mich dahin.

Zahlen waren ein Mysterium für mich. Bis zu dem Tag, als die Zahlen plötzlich lebendig wurden, als sie förmlich an mir hochsprangen und sich an meinem Funktionsshirt festkrallten. Ich war elektrisiert. Sieg oder Niederlage, Sehnen oder Leiden, Leidenschaft und Tränen. Der erste Marathon. Das erste Mal unter drei Stunden. Der erste Rennsteiglauf. Mein erster Lauf über 100 Kilometer. Monatelanger Fleiß, literweise vergossener Schweiß, Gewichtsverlust, konsequente Ernährung, ausgedrückt in ein paar Zahlen.

Die erste Runde liegt längst hinter mir. Die Uhr läuft unerbittlich. Der Querläufer kämpft mittlerweile allein gegen die Zeit. Ich musste abreißen lassen. Heute ist einfach kein Tag für eine gute Platzierung. Die Zielzeit muss stimmen. Aber die Uhr läuft unerbittlich.

Der Läuferfrau bleibt bis heute das Strecke-Zeit-Kontinuum verborgen: Die gestoppte Zeit ist eines der vielen Dinge, die Laufen zum wunderbarsten Sport der Welt machen. Kein Schiedsrichter, der pfeift, wie er will. Kein Linienrichter, der das Abseits nicht sieht. Keine Jury, die Haltungsnoten bewertet. Es gibt nur die unbestechlichen Zahlen, die im Ziel alles sagen. Die kann mir keiner nehmen. Hier gibt es nichts zu diskutieren. Deshalb ist es auch so hart. Sind heute die Zahlen auf meiner Seite? Kilometer 9 - Ein Blick auf meine Uhr verrät mir: Vorbei, es klappt nicht. Mein Urschrei zündet die letzten Adrenalinreserven für den Zielspurt.

Ein wundervoller Lauftag, die Sonne schmunzelt durch ein paar Wolken, der Kuckuck ruft. Läuferherbst! Vier popelige Zahlen hängen in der Luft, getrennt durch einen Doppelpunkt. Die Platzierung ist heute nebensächlich. Die Zeit ist wichtig. 40:49.

Und, wie war's?", fragt die Läuferfrau im Ziel. "Na ja, knapp vorbei ist auch daneben", antworte ich. "Wie bei mir. Aber die Stimmung war toll." Das Strecke-Zeit-Kontinuum bleibt ihr verborgen, aber sie hat immer ein paar motivierende Worte für mich auf Lager: "Dann musst Du es eben am Freitag beim ERH-Vitallauf probieren."

Run happy and smile!
Euer Querläufer

Verwandte Artikel

Kommentare (0)

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren