Weisendorf
Landwirtschaft

Solidarische Landwirtschaft in Erlangen: die Schnittlauch-Revoluzzer

Ein Elektroniker aus der Kernkraftbranche wird Biobauer, und eine Gruppe engagierter Erlanger Bürger finanziert seinen Hof: So funktioniert Solawi.
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Solawi-Bauer Gerhard Rühl zeigt Ernteteilerin Michaela Mühmer, was er im Gewächshaus anbaut. Foto: Matthias Hoch
Solawi-Bauer Gerhard Rühl zeigt Ernteteilerin Michaela Mühmer, was er im Gewächshaus anbaut. Foto: Matthias Hoch
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Solidarische Landwirtschaft ist kein Mega-Trend. Eher eine Utopie: Es ist der Wunschtraum derer, die keine globale Agrarindustrie wollen, keine Lebensmittel aus immer größeren, effizienteren, billigeren Landwirtschaftsfabriken. Sondern vom Biobauern ums Eck. Bei der Solawi Erlangen ist dieser Bauer ein Mann, der ursprünglich aus der Kernkraftbranche kommt: Seit fast 20 Jahren arbeitet Gerhard Rühl als Öko-Landwirt in Weisendorf-Schmiedelberg (Landkreis Erlangen-Höchstadt).
In den Freiland-Beeten wachsen zum Beispiel Salat und Schnittlauch und Kohlrabi. Der 62-Jährige kniet jetzt im Gewächshaus. Er zeigt Michaela Mühmer, wie er Tomaten ausgeizt. "Im Gewächshaus ist alles 100 Prozent Handarbeit", erklärt der Bauer, und die Lehrerin betrachtet die Gemüsepflanzen eingehend. Solawi bringt Produzent und Verbraucher zusammen. "Es ist schön zu sehen, was wir bekommen, und wie es wächst", sagt Mühmer. "Die Produkte werden mehr wertgeschätzt. Woanders werden Lebensmittel oft aus Lust gekauft, weil sie so billig sind - und dann wird's weggeschmissen."


Das Leben nach der Kernkraft

Die Solawi-Erlangen gibt es seit zweieinhalb Jahren, gegründet wurde sie als Bürgerinitiative für regionale und ökologische Lebensmittel. Sie macht den Bauer unabhängig von den Zwängen des Weltmarktes, denn die Solawi-Mitglieder kaufen bei ihm kein Produkt. Sie finanzieren seinen Hof und teilen sich das, was dort geerntet wird. Die Erlanger haben zwei Solawi-Bauern: Alfred Schaller aus Steudach für den Winter, Gerhard Rühl aus Weisendorf für das Sommergemüse.
Rühl trägt braune Cordhose und braunen Fleece; alles an diesem Mann ist erdfarben, sonnengebräunt, natürlich. Dabei ist er eigentlich ein Großstädter, ein Erlanger, der als Kind nur auf dem Bauernhof des Onkels Landluft schnupperte. 25 Jahre hatte der Elektroniker bei der Siemens-Tochter Kraftwerk-Union KWU gearbeitet. Die Atomindustrie baute ab, Ende der 1990er Jahre verlor er seinen Job. Er bekam eine Abfindung, und er hatte Lust auf einen Neustart. "Die biologische Schiene war's für mich schon immer. Ich hab' gedacht, wenn ich mich in Höchstadt mit meinen Kartoffeln auf den Markt stelle, funktioniert das."
Vor fast 20 Jahren funktionierte das aber überhaupt nicht. Etwas besser war's dann schon auf dem Markt in Erlangen, aber immer wieder stellte Rühl fest, dass die Leute nur einen Blick auf sein Preisschild warfen und weitergingen. "Dann schleppten sie tütenweise Sachen aus dem gegenüberliegenden Discounter." Michaela Mühmer schüttelt den Kopf: "Es geht immer nur ums Geld. aber Monokulturen machen alles kaputt."
Das Prinzip der Solidarischen Landwirtschaft ist hierzulande noch relativ neu. In Japan entstand bereits vor 40 Jahren das Teikei ("Partnerschaft"): Mütter nahmen einem Landwirt die gesamte Ernte unter der Bedingung ab, dass er keine Pestizide spritzt. Heute ist das Ernteteilen in Japan weit verbreitet. In den USA entwickelte sich fast zeitgleich die Idee des "Community Supported Agriculture" CSA, Vorbild der Solawis.


Jede Woche eine Ernte

Seit er für die Solawi arbeitet, läuft's bei Gerhard Rühl. Den Marktstand hat er aufgegeben. Er expandiert stetig, arbeitet gerade an seinem vierten Gewächshaus. 120 Anteile nehmen die Mitglieder ihm derzeit ab. "Letztes Jahr waren's noch 73. Da kann man schon zufrieden sein mit der Entwicklung!" Neun Euro kostet ein Anteil pro Woche - bei anderen Solawis schwankt der Beitrag zwischen 5 und 20 Euro. Rühl berechnet die Wochenration: "250 Gramm Gurken, eine Rote Bete, ein Kohlrabi, eine Zucchini, Löwenahnsalat, Schnittlauch, Frühligszwiebeln, Basilikum." Mittwochs fährt er die Ernte ins so genannte Depot der Solawi in Erlangen. Dort holen die Mitglieder sich ihren Anteil ab.
"Die Solawi wächst sehr schnell. Damit muss man erst mal klarkommen." In seinem Ein-Mann-Betrieb hat Rühl eine Helferin aus der Verwandtschaft: Lore Lauterbach erntet gerade Schnittlauch. "mach diese Arbeit gern. Ich weiß auch nicht warum, aber", die 76-Jährige lächelt: "Ich lang' so gern nei die Erde." Das tun auch viele der Ernteteiler aus der Stadt. Wenn's dringend ist, helfen sie mit auf dem Feld. Das System basiert eben auf Solidarität.

Lesen Sie hier, welche Solawi-Projekte es in Franken außerdem gibt.

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