Höchstadt a. d. Aisch
Mauerfall

Sie blicken zurück auf die Wende

Der Beitritt der DDR zur Bundesrepublik steht heute im Fokus unserer Serie. Drei ehemalige Bürger der neuen Bundesländer sprechen über ihre Sicht.
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Als 1989 die Berliner Mauer fällt, leben unsere Interviewpartner noch in der ehemaligen DDR.   Foto: dpa
Als 1989 die Berliner Mauer fällt, leben unsere Interviewpartner noch in der ehemaligen DDR. Foto: dpa
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Als im Herbst 1989 die Mauer fällt, hört Anja Hübschmann zuerst davon im Radio. Am nächsten Tag geht die 17-Jährige wie immer in die Schule. In der ersten Stunde steht Geschichte an. "Die Lehrerin wollte einfach nach Plan weiterarbeiten", sagt sie. Doch ein Klassensprecher meldet sich und so kommt es doch noch zum Gespräch darüber, was in der Nacht zuvor passiert ist. Der Fall der Mauer und der Beitritt der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) zur Bundesrepublik Deutschland bleiben auch in den kommenden Wochen die Gesprächsthemen auf dem Schulhof.

Jeden Tag habe es neue "spannende" Nachrichten, gegeben. Vieles sei erst nach dem Mauerfall klar geworden, etwa mit welchen Methoden die Stasi wirklich gearbeitet hat, sagt Hübschmann. In der Schule werden einige Lehrbücher ausgetauscht, die neuen Bücher kommen aus dem Westen. "Von einem Tag auf den anderen war der Lehrplan einfach hingeschmissen", sagt sie.

Das Jahr der Wende war für Hübschmann auch persönlich ein Jahr der Veränderungen. Zu dieser Zeit ist sie in ihr Elternhaus zurückgekommen, davor war sie an einer Sportschule in Jena. "Ich wollte selbst gerne etwas werden", sagt sie. Aus gesundheitlichen Gründen muss sie mit 16 Jahren ihre Leichtathletik-Karriere aufgeben - davor hatte sie sich klar gegen das Staatsdoping der DDR positioniert. Über einen möglichen Zusammenhang lasse sich heute nur spekulieren.

An Flucht habe sie nie gedacht, sagt Hübschmann. "Jeder ist mit seiner Heimat verbunden, egal, wo er aufwächst." Außerdem sei es ihrer Familie nicht schlecht gegangen, die Eltern hatten Arbeit, der Bruder konnte studieren. Wegen der beruflichen Stellung des Vaters hatte die Familie ein Telefon, ein Auto. "Ich bin dankbar, dass ich vernünftig aufgewachsen bin. Ich habe gelernt, dass man mit wenig glücklich sein kann", sagt sie.

1991 geht Hübschmann in den Westen nach Höchstadt, weil sie hier eine Ausbildung bei der Sparkasse bekommen hat. "Das erste Gefühl war komplett mulmig. Man geht von einem Staat in einen anderen Staat." Die Unsicherheit sei groß gewesen. Ihre Kollegen hätten es ihr dann aber leicht gemacht, sich einzuleben, die Gemeinschaft sei sehr gut gewesen. Schiefe Blicke habe es aber auch gegeben.

Die Arbeit lockt in den Westen

Auch für Michael Zeh war der Arbeitsmarkt der Grund, nach der Wende in den Westen zu kommen. Geboren wurde er 1969 im Landkreis Greiz in Ostthüringen. Als 1989 die Mauer fällt, ist Zeh gerade bei der Nationalen Volksarmee (NVA), er wurde zum Grundwehrdienst eingezogen. "Ich habe den Mauerfall noch während des Dienstes an der Waffe mitbekommen" sagt er. Danach geht es für ihn erst einmal wie gewohnt weiter. Siebeneinhalb Monate dient er in der NVA, den Rest der zwölf Monate ist er im Zivildienst tätig. Danach studiert Zeh Maschinenbau. Als er Mitte der 90er-Jahre keinen Beruf bekommt, seine Frau aber am Uniklinikum Erlangen eine Ausbildung zur Krankenschwester macht, zieht die Familie 1997 nach Höchstadt, lebt heute in Baudenbach.

Nach der Wiedervereinigung habe man erst einmal die Reisefreiheit genutzt, sagt Zeh. In Hof/Naila habe er das Begrüßungsgeld abgeholt, dort eine Bratwurst gegessen. "Der Senf im Westen schmeckt anders", sagt er und lacht.

Im DDR-Regime engagiert

Einen anderen Blick auf die DDR und die Wende wirft der Höchstadter Dieter Gropp (geboren 1937 in Chemnitz). Der Weg seiner Familie in der DDR war vorgegeben: Nach Gründung der DDR kommt Gropps Vater 1949 aus der Kriegsgefangenschaft zurück und wird schließlich stellvertretender Oberbürgermeister von Chemnitz. "Das hat natürlich auch mich geprägt. Es war für uns klar, dass wir uns da mit engagieren." Der Chemnitzer tritt der Gesellschaft für Sport und Technik bei (eine paramilitärische Massenorganisation der DDR), sowie der Freien Deutschen Jugend (kommunistischer Jugendverband). "Das verlangte das Familienklima zuhause", sagt er. 1955 kommt Gropp zur Nationalen Volksarmee (NVA), wo er eine Funkausbildung absolviert und 20 Jahre als Funker arbeitet. Schon während seiner Tätigkeit als Funker interessiert er sich für die kulturelle Arbeit in der DDR, was vom Aufkommen der Singebewegung beflügelt wird.

Auftragswesen politisch gesteuert

Doch schon da werden für Gropp die Probleme des DDR-Regimes sichtbar: Das Auftragswesen für Künstler ist politisch gesteuert. Aufträge bekommen jene Künstler, "die in das politische Bild passen". Bürger, die sich zur Kirche bekannten, durften nicht studieren. Auch wenn er stets regimetreu gewesen sei, sieht er die Schattenseiten der DDR: "Dinge, die nicht menschenfreundlich waren" und viele Dinge, die "viel zu unkritisch verarbeitet wurden". Gropp betont: Er gehöre nicht zu den Menschen, die die DDR so zurückhaben möchten.

Die Grenzöffnung erlebt Gropp mit seiner Frau im Urlaub auf Jalta, auf der heutigen Halbinsel Krim. Im russischen Fernsehen verfolgen sie die Szenen mit, die bis heute die Geschichte prägen. In die Urlaubsstimmung mischt sich bei den Gropps vor allem Ungewissheit: Wie wird es jetzt weitergehen? "Wir gehörten zu den Leuten, die in der DDR ihre Ideale verwirklichen konnten", sagt er. Lange nach dem Mauerfall, im Jahr 2005, zieht Dieter Gropp mit seiner Familie nach Höchstadt, weil der Sohn bei Siemens eine Arbeit gefunden hat. Heute ist Gropp froh, hier zu leben, kann es sich nicht mehr anders vorstellen. "Ich fühle mich in Höchstadt sauwohl und möchte hier nicht mehr weg."

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