Wüstenbuch
Datenautobahn

Schnelles Internet: oberfränkisches Dorf nach sechs Jahren am Ziel

Weil die Stadt Schlüsselfeld ihnen 2012 keine Leerrohre für Glasfaseranschlüsse legen wollte, haben die Ortsteilbewohner in Eigenregie gehandelt.
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An neun Wochenenden im Herbst 2012 verlegten die Wüstenbucher die Leerrohre selbst. Foto: privat
An neun Wochenenden im Herbst 2012 verlegten die Wüstenbucher die Leerrohre selbst. Foto: privat
Dass Deutschland in Sachen Digitalausbau im Vergleich der Industrienationen hinterher hinkt, wird von vielen Fachleuchten betont. Ein Dorf im Steigerwald hat das erkannt und für sich gehandelt. Bereits 2012 gründete sich der Breitbandverein Wüstenbuch, um den Ort auf der Datenautobahn reif für die Zukunft zu machen. Und das komplett in Eigenregie. Wie es in einem Pressebericht heißt, hat der Verein nun sein Ziel erreicht.

Rund 100 Einwohner zählt der Stadtteil von Schlüsselfeld. Jetzt haben es die Dorfbewohner von Wüstenbuch ganz alleine geschafft, einen Glasfaser-Anschluss für jeden einzelnen Haushalt im Dorf bereitzustellen.

Im Sommer 2012 standen für einen der letzten Ortsteile des Stadtgebietes Schlüsselfeld die Erneuerung und der zentrale Anschluss des Trink- und Abwassersystems an. In diesem Zusammenhang wurde von der Stadt Schlüsselfeld ein Vollausbau der Dorfstraßen favorisiert, da diese nicht dem erforderlichen Standard entsprachen. Dass aber hier ein Leerrohrsystem für den zukünftigen Breitbandausbau, wie von Wolfgang Seuling nach einer Ortsversammlung bei der Stadt Schlüsselfeld beantragt, mit verlegt werden sollte, sei dem damaligen Bürgermeister nicht zu vermitteln gewesen, heißt es in dem Bericht der Vereins weiter. Das Stadtoberhaupt sei von dieser Idee nicht begeistert gewesen, habe von einem Luxusproblem in Wüstenbuch gesprochen und es den Wüstenbuchern auch nicht zugetraut, diese Leistung ohne Hilfe der Stadt zu erbringen. Davon ließen sich die Dorfbewohner aber nicht abschrecken und handelten.


Eine einmalige Chance

Den Wüstenbuchern war von Anfang an die einmalige Chance klar, ein Leerrohrsystem für Glasfaser-Anschlüsse bis ins eigene Gebäude mit zu verlegen. Der 12. September 2012 war die Geburtsstunde des Breitbandvereins Wüstenbuch. Da von der Stadt Schlüsselfeld zum damaligen Zeitpunkt keine Unterstützung zu erwarten war, musste die Finanzierung aus eigener Kraft gestemmt werden. Nach einer Vorplanung mit Kostenschätzung aller benötigten Materialien sollten 300 Euro Einlage pro Glasfaser-Anschluss ausreichen. Zudem durfte ein Zuschuss von einer örtlichen Gruppierung erwartet werden.

An neun Wochenenden im Herbst 2012 haben die Wüstenbucher dann mit eigener Kraft und einem bereitgestellten Bagger fast 1200 Meter eines 24-poligen Speed-Pipe-Rohrsystems verlegt. Drei Stichleitungen vom Ortseingang ausgehend durch die gesamte Ortschaft im eigens ausgehobenen Kabelgraben wurden fachgerecht unter der Bauleitung von Josef Burger verlegt. Es entstand keinerlei Behinderung der Baufirma für die Straßenbauarbeiten - die großen Bedenken der Stadt Schlüsselfeld damals. Ganz im Gegenteil, sie wurde durch den fachkundigen Ortsbewohner Josef Burger auf jedes vorhandene Kabel und Abwasserrohr aufmerksam gemacht, um Schäden und Bauverzögerungen zu vermeiden.


Telekom hatte es leicht

"39 Speed-Pipe-Hausanschlüsse gibt es jetzt, und weitere Anschlüsse an den Orts-Enden sind möglich. Die Kostenschätzung der Vorplanung wurde eingehalten, ja sogar unterschritten", belegt der Vereinsvorstand.

Im Februar 2016 schloss die Stadt Schlüsselfeld nach einer öffentlichen Ausschreibung den Vertrag mit dem heutigen Provider Telekom, den Breitbandausbau im Stadtgebiet umzusetzen. Jetzt schlug die Stunde von Wüstenbuch, denn man war vorbereitet. Eine Glasfaserleitung musste von der Telekom bis Ortseingang verlegt werden und dann wurde einfach über einen FTTH (Fiber to the home)-Verteiler auf das bestehende Speed-Pipe-Rohrsystem am Ortseingang aufgesetzt. Die Glasfasern wurden von der Telekom ohne Probleme in die einzelnen Hausanschlüsse der Ortsbewohner in Wüstenbuch eingeblasen. Hier zeigte sich die gewissenhafte Installation und Dokumentation der gesamten Arbeiten im Jahr 2012.

Die Stadt Schlüsselfeld hat der Telekom nun ein kostenfreies Nutzungsrecht mit Instandhaltung für das Glasfasernetz in Wüstenbuch für 30 Jahre eingeräumt. Geschwindigkeiten von bis zu 200 Mbit/s im Download und 100 Mbit/s im Upload sind möglich. Aber damit ist das Potenzial der Glasfaser längst nicht ausgeschöpft, 1000 Mbit/s (1 Gbit/s), also das Fünffache des jetzigen Tempos, sind mittelfristig möglich. Damit ist Wüstenbuch auch für die Zukunft gerüstet.

Das Ziel "Schnelles Internet für Wüstenbuch" wurde innerhalb von nur sechs Jahren erreicht. Nun hat sich der Breitbandverein Wüstenbuch aufgelöst. Von den übrigen Finanzmitteln wurde nach der letzten Vereinsabstimmung ein Dorffest organisiert.
Alle Ortsbewohner kamen und freuten sich über so manche Überraschung. Nach kurzer Ehrung einiger verdienter Mitstreiter wurde dann ausgiebig gefeiert.
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