Höchstadt
Aggression

Schiedsrichter: 90 Minuten ohne einen Freund

Ein jüngst tot geprügelter Linienrichter in Holland sollte Warnung genug sein: Dass Fußball nur ein Spiel ist, wird auf den Sportplätzen zu oft vergessen. Das Ganze ähnelt manchmal einer Treibjagd, wie der Höchstadter Albin Bauer selbst erfahren musste.
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Der Schiedsrichter Albin Bauer (hinten) hat trotz zunehmender Aggression auf manchen Plätzen seine Freude am Fußball nicht verloren.  Foto: Archiv
Der Schiedsrichter Albin Bauer (hinten) hat trotz zunehmender Aggression auf manchen Plätzen seine Freude am Fußball nicht verloren. Foto: Archiv
Wie oft er als "Arschloch" bezeichnet wurde, daran kann sich Albin Bauer längst nicht mehr erinnern. Doch eine Situation ist dem Fußball-Schiedsrichter vom TSV Höchstadt noch genau im Kopf geblieben. Der 58-Jährige pfiff ein Spiel in der Frankenhöhe. Im Austausch war er dort, um eine Partie der unteren Ligen zu leiten: die damalige C-Klasse. Ein belangloses Spiel an einem Freitagabend also, das für Albin Bauer allerdings mit einem beängstigenden Erlebnis endete: Er wurde von einem Fremden auf seinem Heimweg mit dem Auto verfolgt. Wollte der Verfolger ihm an den Kragen?

Pöbeleien sind Alltag für die Fußball-Schiedsrichter in den Amateurligen. Schmach und Beschimpfungen, "damit müssen wir Leben", sagt Christian Klein, Kollege von Albin Bauer und Schiedsrichter-Obmann des hiesigen Spielkreises Erlangen/Pegnitzgrund. Schlimm genug, dass die Schiedsrichter das so sehen.
Doch, alles ist besser, als körperlich angegriffen zu werden. Wenn Schiedsrichter Angst um ihr Leben haben müssen, geht das deutlich zu weit.

"Es war ein Nachholspiel an einem Freitagabend, die Heimmannschaft hat 1:0 verloren", erzählt Albin Bauer von diesem Abend in der Frankenhöhe. Er wollte in die Kabine zum Duschen, dabei wurde er von einem Mann aufgehalten, der ihn als "Arschloch" bezeichnete und heftig anging. Sein Kontrahent war offensichtlich so unzufrieden mit der Leistung des Referees, dass er ihn nicht nur übel beschimpfte, sondern eben auch meinte, ihn mit dem Auto verfolgen zu müssen.


"Zuschauer" wurde zum Treibjäger

Albin Bauer drückte aufs Gas und versuchte den hartnäckigen Verfolger abzuhängen. Es gelang ihm nicht. Also fuhr er nicht nach Hause - wer weiß, was der Unbekannte dort machen würde? Bauer steuerte das Sportheim des TSV Höchstadt an. Und blieb da, bis der "Zuschauer", aus dem ein Treibjäger wurde, endlich von ihm abließ.

Ein Mensch, der einen anderen Menschen wegen einem einfachen Spiel verfolgt und ihm Angst einjagt? Das hat längst nichts mehr mit Sport zu tun. Auch wenn Albin Bauer das mit der Gelassenheit einer über 30-jährigen Schiedsrichter-Karriere sieht: "Man ist auf sich alleine gestellt, man hat 90 Minuten keinen Freund, oder eben wenige Freunde." Er hat bereits mehr als einmal das Spiel vorzeitig abbrechen müssen, weil unter anderem einmal ein Spielleiter - einer, der in einem Verein eine Funktion erfüllt - auf ihn losgehen wollte.

Funktionsträger sollten Vorbilder sein, sind sie aber oft nicht. Das Schizophrene daran: "Jeder Schiri kommt aus einem Verein", sagt Christian Klein. Deshalb ist es aus seiner Sicht auch nicht nachvollziehbar, dass die Schiedsrichter eines anderen Vereins als die Buhmänner gelten. Klein fordert deshalb: "Mehr Respekt vor den Schiedsrichtern!"

Das Positive überwiege dennoch, sagt Albin Bauer - sonst wäre er ja nicht so lange dabei geblieben. "Es ist ein Sport, wo man was mit anderen Leuten zu tun hat." Seit 1981 pfeift er jedes Jahr über 100 Spiele oder winkt als Linienrichter in der Bezirksliga. "Hinterher kann man sich oft normal unterhalten. Die haben sich schließlich 90 Minuten abreagieren können draußen." Und Bauer ergänzt: "Es müsste mit dem Teufel zugehen, dass ich nicht ins Vereinsheim gehe." Dort diskutiert er dann auch gerne weiter. Bei allem anderen gilt: "Wenn man selbst angegangen wird, muss man das Spiel abbrechen", sagt Albin Bauer.


Schiedsrichter körperlich angegriffen

Der Schutz der Schiedsrichter sei laut dem stellvertretenden Schiedsrichter-Obmann Bauer gerade in den Amateurligen enorm wichtig: "In Bundesliga-Stadien ist alles abgeschottet, ganz unten ist man alleine unterwegs." Aus dem Grund müssten die Sportgerichte bei ihren Entscheidungen, wenn denn etwas vorgefallen ist, härter durchgreifen, sagt Obmann Klein: "Wir sind mit vielen Entscheidungen der Sportgerichte nicht zufrieden."

Der letzte Vorfall bei dem ein Schiedsrichter im Spielkreis körperlich angegriffen wurde, ereignete sich Mitte Oktober in der Fußball-Bezirksliga Mittelfranken 1. Hier spielte der Baiersdorfer SV bei Cagri Spor Nürnberg. Ein normales Fußballspiel - bis zur 87. Minute. Dann wurde die Partie beim Stand von 2:2 abgebrochen, weil ein Nürnberger den Referee körperlich attackierte. "Als Schiedsrichter macht man sich dann schon Gedanken", sagt Christian Klein. Er weiß, wovon er spricht. Im letzten Jahr wurde er selbst von einem Spieler über den halben Platz gejagt.

Im Fall des Nürnberger Spielers verhängte das Sportgericht eine Strafe bis April 2013 - in der Winterpause.
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