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Erlangen
Samenspende

Samenspende: Die geheimen Väter

Rebecca, 29, weiß bis heute nicht, wer ihr biologischer Vater ist: Das Thema Samenspende wirft diese und andere Fragen auf. Darüber wollen die Spenderkinder beim "1. Erlanger Symposium zur Familienbildung mit Spendersamen" mit Ärzten, Juristen, Spendern und Eltern reden.
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Eine "normale" Familie? Der unbekannte Vater ist immer irgendwie dabei. Foto;: Archiv
Eine "normale" Familie? Der unbekannte Vater ist immer irgendwie dabei. Foto;: Archiv
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Du hast noch einen zweiten Vater, weil Papa keine Kinder zeugen kann: Das haben ihr die Eltern gesagt, als Rebecca zehn Jahre alt war. Seitdem lebt sie mit dem Wissen um den anderen, den unsichtbaren Dritten. Rebecca, 29, ist das Kind eines Samenspenders.

Eine ärztlich vermittelte Samenspende zur Erfüllung des Kinderwunsches kann für manche Paare die einzige, die letzte Möglichkeit sein, auf natürlichem Weg ein Baby zu bekommen. Die Methode wird in Deutschland seit 100 Jahren angewandt. Bis 1970 war die ärztlich vermittelte Samenspende in Deutschland standeswidrig. Der 73. Deutsche Ärztetag hob diese Einschätzung 1970 auf, betonte aber, dass er die Behandlung nicht empfehlen könne, da sie mit zahlreichen Problemen und insbesondere mit offenen rechtlichen Fragen belastet sei. Dazu erklärte der damalige Justitiar der Bundesärztekammer, Dr. Arnold Hess, dass der Arzt, der die Samenspende vorgenommen habe, die Identität des Spenders nicht verschweigen könne, wenn er nicht schadensersatzpflichtig werden wolle.

Eine Erfolgsgeschichte?

Mehr als 100 000 Menschen wurden bis heute nach donogener Insemination - das direkte Einbringen von Samenzellen eines Spenders in die Gebärmutter einer Frau mit dem Ziel, eine Schwangerschaft zu erreichen - in ihre Familien geboren. Allein über 500 Kinder sind der vor zehn Jahren gegründeten Erlanger Samenbank "entwachsen", der einzigen im nordbayerischen Raum und einer der zehn größten Praxen Deutschlands.

Das klingt nach einer Erfolgsgeschichte - und glücklichen Beteiligten. Die einen helfen, den anderen wird geholfen: Darin waren sich Dr. Andreas Hammel, Leiter der Erlanger Samenbank, ein anonymer Samenspender sowie die Eltern eines Spenderkindes in Interviews mit dieser Zeitung vor gut einem Jahr einig. Gleichwohl ist allen bewusst, dass eine Samenspende auch Probleme mit sich bringen kann.

Allen voran: Die Samenspende ist immer noch ein Tabu und oft mit Ängsten auf Seiten der Eltern, besonders der ,sozialen Väter‘ verbunden. Rebecca sagt: "Die Eltern wollten ein Kind, keinen Spender in ihr Familienmodell integrieren. Deshalb werden viele Kinder immernoch nicht aufgeklärt, weil die Eltern, insbesondere die sozialen Väter, Angst haben, dadurch Konkurrenz von einem Unbekannten zu bekommen und von ihrem Kind nicht mehr als Vater akzeptiert zu werden."

Aufklärung: spät oder nie

Schätzungen zufolge wissen nur fünf bis zehn Prozent von ihrer Zeugungsweise. Rebecca hatte Glück, weil sie von der Existenz ihres biologischen Erzeugers so früh erfahren hat. Andere, sagt die 29-Jährige, bekommen es zufällig und unter unglücklichen Umständen mit, etwa bei einer Scheidung der Eltern oder weil die Blutgruppen nicht passen. "Diese Angst der Eltern führt zur Entstehung von Familiengeheimnissen, die über Jahre hinweg die gesamte Familie stark belasten können", kritisiert Rebecca. Sie spricht von Angst, weil ihr der Begriff Tabu in diesem Zusammenhang zu abstrakt ist. "Ich finde es wichtig, diese Ängste auch als solche zu benennen", sagt sie. "Die Eltern schieben die Verantwortung nämlich gern ab zum Beispiel auf ,die Gesellschaft‘, die die Samenspende nicht akzeptieren würde."

Verein macht sich für Rechte der Spenderkinder stark

2009 hat sie deshalb den Verein "Spenderkinder" mitgegründet. Dort engagieren sich 50 Mitglieder zwischen 18 und 48 Jahren und machen auf ihrer ausführlichen Internetseite auf das Thema Samenspende aus ihrer Sicht aufmerksam. Eine bisher vernachlässigte Sicht: Es gibt einiges, was die Spenderkinder fordern, was sie kritisieren. "Vor allem die von einigen Medizinern geäußerte Meinung, auch Familien mit Spenderkindern seien ,ganz normal‘, wird der Verantwortung nicht gerecht und hat sich in unseren eigenen Erfahrungen als schädlich erwiesen", sagt Rebecca.

Normal ist so eine Familie nicht

Auch wenn es mittlerweile viele verschiedene Familienkonstellationen gebe, die wertfrei nebeneinander stünden, sei es trotzdem noch nicht "normal", wenn eine Frau mit dem Samen eines Unbekannten ein Kind bekommt. Viele Ärzte geben immernoch den Rat, diese Tatsache zu normalisieren, zu bagatellisieren - als sei das Problem der Unfruchtbarkeit des Mannes durch die Geburt des Kindes gelöst. "Tatsächlich bleibt es aber eine große Herausforderung für die ganze Familie, sich immer wieder mit diesem ungewöhnlichen Familiengefüge auseinanderzusetzen", sagt Rebecca und ergänzt: "Samenspende ist Familiengründung zu dritt."

Und dieser "Dritte im Bunde" bleibe immer da, auch wenn er ignoriert wird. Viele Eltern, insbesondere die Männer hätten deshalb Angst, ihre Kinder aufzuklären, weil sie befürchten, die Beziehung zu den Kindern könnte darunter leiden und möglicherweise entwickelt das Kind auch noch Interesse an der Person des Spenders. Dann könnte das vermeintlich heile, "normale" Familienbild nicht aufrecht erhalten werden. "All das sind Gedanken, die für die Eltern nicht besonders angenehm sind und die die Samenspendepraxis auch für die Ärzte umständlicher machen", sagt Rebecca.

Erstes Symposium dieser Art in Deutschland

Deshalb wollen sie und ihr Verein darüber reden: Beim "1. Erlanger Symposium zur Familienbildung mit Spendersamen." Vom 22. bis 23. November treffen sich erstmals in Deutschland die Vertreter aller beteiligten Gruppen, um im im gemeinsamen Austausch lösungsorientierte Ansätze zu diskutieren.

Ärzte, Juristen, Spender, Familien, Spenderkinder - jeder hat eigene Vorstellungen von der Thematik. Rebecca sagt: "Bisher ist die Lobby der Ärzte und Eltern stärker als die der Kinder. Für uns Spenderkinder steht die Förderung der Durchsetzbarkeit unserer Rechte und die Bitte um Anerkennung unserer Bedürfnisse im Vordergrund."

Forderung: psychosoziale Beratung

Die Spenderkinder haben ein Positionspapier aufgesetzt, in dem sie unter anderem fordern: Eltern sollen eine psychosoziale Beratung bekommen, bevor sie sich für eine Samenspende entscheiden. "Hier geht es nicht um eine Behandlung der Unfruchtbarkeit", sagt Rebecca. "Durch die Samenspende wird ein unbekannter Dritter in das Familienkonstrukt einbezogen und ist fortan Teil des Systems." Das sei eine Herausforderung, auf die Eltern ebenso gut vorbereitet sein müssten wie auf den Tag X, an dem sie ihrem Kind seine Herkunft verraten. Reproduktionsmediziner seien Spezialisten in der "Herstellung" von Kindern, aber nicht für den psychosozialen und rechtlichen Bereich, in dem die in den letzten Jahren deutlich gewordenen Probleme liegen.

Erlanger Notarmodell

Der Gynäkologe Andreas Hammel, Gründer und Leiter der Erlanger Samenbank, unterstützt die Forderung nach einem besseren Beratungsangebot. Eine "Zwangsberatung" lehnt er allerdings ab: "Es wäre nicht gesichert, dass jeder psychosoziale Berater auch zur Offenheit rät." Rebecca mag dieses Argument nicht gelten lassen. "Unser Verein steuert die Leitlinien für eine Beratung gerne bei", sagt sie. "Es rät auch nicht jeder Arzt zu Offenheit und darf trotzdem praktizieren. Deshalb fordern wir eine qualifizierte, vom Arzt unabhängige psychosoziale Beratung im Sinne einer Aufklärung und Information, keine ,Zwangsberatung‘."

Dass Spenderkinder ihren biologischen Vater kennen lernen wollen, komme häufiger vor. Deshalb haben Hammel und seine Kollegen das "Erlanger Notarmodell" entwickelt: Auf einer Urkunde werden Namen des Kindes, der Eltern und die Codierung des Spenders festgehalten und 100 Jahre bei einem Erlanger Notariat aufbewahrt. "So kann jedes Kind zu jedem Zeitpunkt seines Lebens die Identität seines Erzeugers erfahren", sagt Hammel.

15 Kinder pro Spender?

Apropos Erzeuger: Wenn Familien den Weg über die Samenbank erneut wählen, weil sie noch ein Kind möchten, können sie in der Regel auf den selben Spender zurückgreifen. Die Männer werden erst aus der Erlanger Datenbank gestrichen, wenn ihre Proben verbraucht sind oder ihr Kontingent erreicht ist. Mehr als 15 Kinder soll ein Spender nicht zeugen, sagt Hammel.

Auch diesen Aspekt betrachtet der Verein Spenderkinder kritisch. "So lange die Spender nicht zentral registriert werden, kann allenfalls eine grobe Abschätzung erfolgen", sagt Rebecca. "Vorausgesetzt, der Spender hält sich an sein Wort, nur bei einer Samenbank zu spenden." Die Spenden werden eingefroren und gelagert. Proben werden an andere Praxen ohne Samenbank geschickt und dort weiter gelagert, bis sie irgendwann eingesetzt werden. "Ob ein Kind daraus entsteht oder nicht, wird nicht registriert", kritisiert Rebecca. "Es ist also ein absoluter Witz, irgend eine Zahl festzulegen, die man nicht überprüfen kann."

Rebecca fragt sich seit 19 Jahren: Wie ist mein biologischer Vater so? Was mag er? Hat er auch Kinder? Sie hat die Antworten auf diese Fragen aufgeschoben, bis sie erwachsen war. Sie musste, sie wollte mündig sein. Und sie wollte ihren sozialen Vater nicht zu sehr mit dem Thema belasten. "Wir können zwar darüber reden", sagt die Tochter, "aber ich weiß, dass es nicht leicht für ihn ist."

Das Recht ist auf der Seite der Spenderkinder

Rebecca ist in einer Essener Samenbank "entstanden". Entstanden, das klingt eigenartig. Aber es entspricht der Wahrheit. Deshalb hat Rebecca die Praxis in Essen angeschrieben und um die Herausgabe der Spenderdaten gebeten. Doch der Arzt verweigert sich. Dabei ist das Recht auf Rebeccas Seite: Kinder von Samenspendern dürfen den Namen ihres leiblichen Vaters erfahren. Das bestätigte heuer im Februar das Oberlandesgericht Hamm. Geklagt hatte eine 21-jährige Frau, deren Mutter sich 1990 mit Spendersamen befruchten ließ - in derselben Praxis, in der Rebeccas Mutter behandelt wurde.

Hier finden Sie Infos zum Verein Spenderkinder.

Hier finden Sie Infos zum 1. Erlanger Symposium zur Familienbildung mit Spendersamen.









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