Höchstadt a. d. Aisch
Zeitzeugen (1)

"Reden hat man halt nicht dürfen"

In einer kleinen FT-Serie schildern Zeitzeugen aus dem Raum Höchstadt ihre Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg.
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Luise Mader hat den Zweiten Weltkrieg in Höchstadt verbracht.    Foto: Britta Schnake
Luise Mader hat den Zweiten Weltkrieg in Höchstadt verbracht. Foto: Britta Schnake
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Im Juni 1929 wurde Luise Mader als Luise Scheidel in Höchstadt als ältestes von drei Kindern geboren. Sie ist in der Stadt auch aufgewachsen und hat sowohl die Zeit vor dem Krieg als auch den Krieg selbst sowie die Zeit danach wissentlich erlebt. An einem trüben Samstagnachmittag nimmt sie sich bei einer Tasse Kaffee die Zeit, ein wenig über damals zu erzählen.

Den Blumenladen Mader kennt ja wohl jeder in Höchstadt, was aber waren Ihre Eltern genau von Beruf?

Luise Mader: Mein Vater war Gärtner und Landwirt, meine Mutter war Schneiderin. Die begehrteste in Höchstadt. Wir hatten Ackerland, zehn Tagwerk, zwei Kühe, Schweine, Hühner. Wir haben uns damals selbst versorgt und konnten gut leben. Das Haus, in dem der Blumenladen drin war, das ist mein Geburtshaus. Mein Zimmer war das hinter dem obersten Balkon.

Sie haben die Jahre vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs als Kind erlebt. Wie war die Zeit vor 1939 und wie war das mit Hitler?

Das war kein großer Unterschied zum Krieg. Das ging ja nicht erst 1939 los. Da, wo jetzt das Pfarrheim ist, da war unsere Schule, oben zwei Klassen, unten eine. Wir hatten normale Lehrer, aber einige auch schon dem Regime verpflichtet. Da war überall Propaganda. In den Klassenzimmern hing ein Bild von Hitler. An seinem Geburtstag mussten wir einen Kranz malen. Der Hitlergruß war gang und gäbe in der Schule.

In den älteren Klassen, da gab es ein paar Nazis, da wurde aber nicht drüber gesprochen. Wenn die aber einen Lehrer nicht mochten, dann haben die dem was untergeschoben, was nicht gestimmt hat. Der größte Unterschied war dann, dass es nicht mehr alles gab, für alles hatte man Marken. Für Kleidung, für Lebensmittel. Nur nicht für Fleisch, weil wir ja Tiere hatten. Wir durften aber nur einmal im Jahr schlachten, ein Schwein. Die Tiere wurden von der Wehrmacht gezählt. Es gab sonst nur Räucherfleisch. Und jeden Sonntag wurden drei Brote gebacken.

Wurde auch mal schwarz geschlachtet?

Wir haben nicht schwarz geschlachtet, da wären wir ja verraten worden.

War das Denunzieren ein Problem? Wie ist man damit umgegangen?

Man hat schon zusammengehalten, auch wenn man einander nicht vertraut hat. Die sind alle in die Kirche gegangen. Das waren alles letztendlich christliche Menschen. Man hat halt auf sich selbst geschaut. Man hatte seine Arbeit und war abends müde.

War Ihr Vater in der Partei und wurde Ihr Vater eingezogen?

Weder noch.

Nach 1939, wie war das für Sie? Was haben Sie mitbekommen vom Krieg?

Wir haben wenig mitgekriegt. Wir hatten ja kein Radio. Es gab immer viel zu tun mit den Tieren und auf dem Feld. Aber ich weiß noch, dass mein Vater immer mit der Feuerwehr nach Nürnberg musste zum Löschen. Und reden hat man halt nicht dürfen. Man musste vorsichtig sein. Wenn man ein Geschäft hat, dann kommen die Leute. Da hat man schon vorsichtig sein müssen.

Hatten Sie und Ihre Eltern denn Angst?

Nein, bei uns war ja nicht viel vom Krieg zu spüren. In den Städten muss das schlimmer gewesen sein. Auf dem Land, das waren ja alles Selbstversorger.

Haben Sie was mitgekriegt von Kriegsgefangenen? Oder Flüchtlingen?

Da waren Russen. Die waren am Kellerberg untergebracht und wurden von Höchstadtern gepflegt. Franzosen waren in der Landwirtschaft eingesetzt, aber nicht bei uns, sondern auf den großen Höfen. Flüchtlinge kamen erst später, 1946. Die sind durch den Ort durch. In unserer Klasse waren nur wenige, da gab es keine Schwierigkeiten. Sonst haben wir nichts mitgekriegt, die waren ja bei den Bauern untergebracht.

Gab es jüdische Familien in Höchstadt?

In Höchstadt nicht. Die waren in Uehlfeld und in Adelsdorf. Und in Gremsdorf. Am Anfang des Krieges, da hat in Adelsdorf die Synagoge gebrannt. Und als die Juden in Gremsdorf wegkamen, das haben wir mitgekriegt. Darüber wurde aber nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen, den Kindern hat man wohlweislich nichts gesagt.

Gab es hier in Höchstadt auch Bombenangriffe?

Ja, 1943/44 bei der Greienmühle und bei uns in der Nähe. Wir hatten unsere Landwirtschaft zwischen Höchstadt und Lonnerstadt, da sind fünf Bomben gefallen. Am Anfang vom Staatswald hatte die Wehrmacht einen Scheinflugplatz errichtet, damit die Flieger von Nürnberg abgelenkt worden sind. Ein ganzes Stück Wald war als Scheinhalle überdacht. Wenn die Flieger kamen, wurde Licht gemacht als Ablenkung. Die Amis sind aber nur einmal drauf reingefallen und haben Bomben geschmissen. In den Wald. Und im Wiesengrund an der Straße nach Lonnerstadt, da waren im Acker drei große Bombentrichter.

Sind Sie direkt mit einem Fliegerangriff konfrontiert worden?

Ja, in der letzten Kriegswoche, da sind wir von der Schule heim. Ich war in der Berufsschule in Forchheim. Es ist kein Zug mehr gefahren und wir sind auf den Bahngleisen heimgelaufen. Die Tiefflieger sind über uns hinweg geflogen, haben aber nichts gemacht.

Wie war das zum Ende des Krieges hin? Als die Amerikaner kamen ...

Das weiß ich noch genau. Das war der 14. April 1945, ein Samstag. Ein wunderschöner sonniger Frühlingstag. Ich war ganz allein in der Gärtnerei. Da waren die Amis schon in der halben Badgasse und haben sich untergestellt. Schon Tage vorher hatte man die Panzer der Amis rollen hören, aus Richtung Bamberg. Tagsüber rollten die Panzer, nachts kamen die Deutschen durch den Ort. Bevor die Amis kamen, hat die Wehrmacht alles kontrolliert. Die wollten sogar die Aischbrücke sprengen, aber der Böckl, der Fischmeister, hat das verhindert. Da war auch dieser eine Soldat in Höchstadt, ein Fanatiker. Als die Amis kamen, wollte er nach Berlin, um Hitler zu retten. Er ist dann aber gefallen.

Was haben Sie und Ihre Familie getan? Wie haben Sie sich verhalten?

Meine Eltern haben an dem Tag alles gepackt und sind um 11 Uhr weg. Wir sind über den Häfnersberg, wegen der Panzersperren. Ein paar meiner Schul-kameraden sind uns begegnet, in voller Montur als Volkssturm. Um 14 Uhr kamen dann die Amis. Die haben auf den Kirchturm der St.Georg-Kirche geschossen, der war ganz schwarz und kaputt.

Zwei bis drei Salven haben die Amis gegen den Volkssturm abgefeuert. Alles war schwarz vom Rauch. Drei Häuser haben sie mit Granaten beschossen, weil da die deutschen Soldaten waren und rausgeschossen haben. Zwei in der Steinwegstraße, eines in der Bamberger Straße. Da waren noch ziemlich viele deutsche Soldaten, die haben sich dann alle aus dem Staub gemacht. Die waren vorher versteckt, sind von Etzelskirchen hergekommen und von der Schwedenschanze. Meine Schulfreundin Marie ist ganz allein mit mir mit, sie hatte ihren Puppenwagen dabei. Ihre Eltern hatten da ein Brot reingesteckt.

Wo waren denn die Eltern des Mädchens?

Die waren zuhause. Am Heldenfriedhof und am Engelgarten waren Panzersperren. Die haben neben einer Sperre gewohnt und haben die Marie mit mir weggeschickt. Unter dem Gefecht sind Leute rübergelaufen, am Sonnenstuhl mit weißen Tüchern. Die Deutschen haben auf sie geschossen. Um 16 Uhr sind wir dann wieder zurück, weil nicht mehr geschossen wurde, es war ganz ruhig. Da war das Gefecht zu Ende. Da waren die Amis dann da. Stahlhelme flogen über die Straße und Gewehre lagen in den Ecken.

Hatten Sie denn gar keine Angst? Vor den Amis oder eventuellen Heckenschützen?

Nein. Die Amis waren ja unsere Befreier. Wir waren froh, dass es nicht die Russen waren. Aber die waren ja weit weg in Berlin. Die Marie und ich, wir hatten jede ein Ende von einem weißen Kopfkissen in der Hand. Vor den Amis hat es gar nix gegeben, und wenn was, dann nur mit Marken. Danach war alles da.

Wo waren die Amerikaner damals?

Drei Amis waren am Wachenrother Weg mit Geschützen. Die standen am offenen Fenster. Auch in der alten Schule, da haben Amis gewohnt und gekocht, die waren aber immer freundlich. Die waren auch am Krankenhaus, beim Heldenfriedhof und in der Holtmanns-Villa. Und im Beamtengebäude am Kellerberg. Sie wollten auch bei uns ein Quartier, aber wir hatten keinen Platz. So hatten wir unsere Ruhe.

Wie war das Leben mit den Amerikanern im Ort?

Acht Tage lang war erstmal Ausgangssperre. Wir durften nur für zwei Stunden am Tag raus. Wir hatten einen Keller am Kellerberg, die "Jägerruh". Wir waren ja Hausbrauer, hatten das gute Kellerbier. Die Amis kamen immer und wollten Bier. Ich musste um 16 Uhr immer runtersteigen und Bier holen. Einer ging mit einer Kerze zum Leuchten mit. Die wollten auch immer Eier. Ham and eggs. Aber wir hatten keine Eier. Ich weiß noch ... neben der Aischbrücke wurde dann auch noch eine Holzbrücke gebaut. Die "Amerikaner-Brücke".

Wie funktionierte die Verständigung?

Mit Händen und Füßen.

Wie ging es weiter? Und wie lange blieben die Amerikaner?

Das weiß ich gar nicht mehr so genau, aber die waren schon eine Weile da. Nachdem die Amis weg waren, ging es eigentlich weiter wie vorher. Wir hatten die Landwirtschaft, die Gärtnerei. Wir waren dauernd beschäftigt.

Haben Ihre Kinder jemals gefragt, wie das damals war?

Nein. Davon wollte man nix wissen. Und wir hatten ja unseren Betrieb und haben viel arbeiten müssen. Das Gespräch führte Britta Schnake.

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