Höchstadt a. d. Aisch
Zeitzeugenberichte (3)

Prägende Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg

Es gibt auch in Erlangen-Höchstadt immer weniger Menschen, die den Zweiten Weltkrieg noch erlebt haben. Hedwig Wengler gehört dazu.
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Für Hedwig Wengler waren im Zweiten Weltkrieg die Geheimnistuerei und die Tatsache, dass man niemandem vertrauen konnte, die schlimmsten Erfahrungen.     Foto: Britta Schnake
Für Hedwig Wengler waren im Zweiten Weltkrieg die Geheimnistuerei und die Tatsache, dass man niemandem vertrauen konnte, die schlimmsten Erfahrungen. Foto: Britta Schnake

Man spricht immer von der "guten alten Zeit", doch die 1940er Jahre können damit nicht wirklich gemeint sein. Denn diese Zeit mag zwar alt sein, aber gut war sie keineswegs, wie Hedwig Wengler aus Höchstadt zu berichten weiß. 1937 als jüngstes Kind von zwei in Lauterbach, einem kleinen Dorf im Kreis Rothenburg o. d.Tauber geboren und aufgewachsen, ist ihr so manches im Gedächtnis geblieben. Und ... wirklich gut war nicht viel zur Zeit des Zweiten Weltkriegs.

Wie groß war Lauterbach?

Hedwig Wengler: Lauterbach, das waren so 15 Bauernhöfe. Wir hatte einen kleinen Hof mit Ackerbau und Viehzucht.

War ihr Vater Soldat?

Nein, dafür war er zur alt. Aber Ende 1944 kam er zum Volkssturm in die Nähe von Rothenburg.

Wie haben Sie Ihre Schulzeit in Erinnerung?

Ich bin in Buch am Wald in die Schule gegangen, das waren so zwei Kilometer Weg. Ich weiß noch, dass wir in der Schule immer zu zweit den Hitlergruß üben mussten. Wir mussten auf und ab laufen und wenn wir uns begegnet sind, die Hand heben und "Heil Hitler" rufen. Das musste ich mit einer Mitschülerin 20 Mal üben, weil wir immer zu spät mit dem Grüßen dran waren. Ab Februar '45 war dann keine Schule mehr.

Was ist Ihnen aus der Zeit des Krieges am stärksten in Erinnerung geblieben?

Wir hatten im Ort so ein bis zwei überzeugte Nazis. Wir hatten kein Radio, also ist unser Vater immer zur Nachbarin rüber, weil die ein Radio hatte. Mich hat er mitgenommen. Die haben da BBC gehört und das war verboten.

Ich konnte damals nicht verstehen, dass ich davon nichts erzählen durfte. Das hat mich sehr geprägt damals. Und unser Vater hatte auch einen Freund in München, der war ein über-zeugter Nazi, hat gesagt, dass er Hitler persönlich kennt. Dann hat er plötzlich umgeschwenkt. Aber mir wurde eingeschärft, nicht darüber zu sprechen. Ich konnte das nicht begreifen. Dass man praktisch niemandem trauen konnte, nicht mal den Nachbarn. Das war richtig schlimm für mich.

Haben Sie selbst etwas mitbekommen vom Krieg in Form von Bomben oder Angriffen?

Ja, im Februar '45 haben die Amis Rothenburg bombardiert. Wir haben es brennen sehen vom Dorf aus. Und als sie "Christbäume" abgeworfen haben auf Nürnberg, da hat unser Vater uns geweckt.

Was meinen Sie mit "Christbäume?

"Christbäume" nannte man die Leuchtkörper, die als Markierung abgeworfen wurden für die nachfolgenden Bomber. Vater hat gesagt: "Jetzt wird Nürnberg bombardiert." Ebenfalls im Frühjahr flogen Fliegerverbände über uns hinweg nach Würzburg, am helllichten Tag. 30 Minuten später haben wir den Rauch gesehen.

Wurden bei Ihnen zu Hause Vorbeugungsmaßnamen ergriffen, bezüglich möglicher Bombenangriffe?

Mein Vater hat mit meinem Bruder hinter der Scheune einen Bunker gegraben, aber gebraucht haben wir den nicht.

Wie war das mit der Versorgung damals?

Wir hatten eigentlich genug zu essen. Aber die Wehrmacht kam und hat viel mitgenommen und uns nur das Nötigste gelassen. Das Vieh wurde gezählt und musste bei der Kontrolle da sein, damit ja keiner schwarzschlachtet. Meine Mutter hat trotzdem immer noch die Bettler versorgt. Die kamen aus Ansbach und Nürnberg 20 bis 30 Kilometer hergelaufen und haben um Eier gebettelt.

Gab es in Ihrem Einzugsgebiet jüdische Mitbürger und wenn ja, wie wurde mit diesen verfahren?

Bei uns nicht. Aber mein Vater ging als Kind in Colmberg zur Schule. Dort hatten sie drei jüdische Familien, und er hat mal erzählt, dass er die ganze Schulzeit neben Juden gesessen hätte. Ich weiß noch, dass mein Vater 1944 nach Hause kam und schockiert erzählte, sie hätten diese Juden jetzt auch abtransportiert. "Die haben keinem was getan", hat er gesagt.

Kamen auch Flüchtlinge bei Ihnen vorbei?

Es kamen welche aus Köln, aber die wurden von den Soldaten einkassiert und mussten wieder zurück. Meine beste Freundin kam 1945 als Flüchtling aus Schlesien. Da ging die Wehrmacht durch das Dorf und hat nach freien Zimmern gesucht. Dort wurden sie dann einquartiert und bekamen Lebensmittelmarken. Auf dem Rückzug wurde ein Deutscher aus Danzig/Ostpreußen bei uns einquartiert. Dann haben die Russen Danzig angegriffen. Da hat er gesagt, dass das seine Heimat sei und dass er, wenn er könnte, am liebsten heimmarschieren würde.

Wie war es mit Kriegsgefangenen? War das ein Thema in Lauterbach?

Ja, da waren Franzosen, die mussten bei den Bauern arbeiten. Ich weiß noch ... Wir hatten für unser Dorf eine gemeinschaftliche Dreschmaschine. Als Kinder waren wir neugierig und haben zugeschaut. Da war einer, der wollte mich immer auf den Arm nehmen und ich hatte solche Angst. Wir hatten überhaupt so richtig Angst vor den Leuten, weil wir nicht wussten, wem wir trauen können. Dann hat er übersetzen lassen, dass er drei Kinder in Frankreich hat und eines so alt sei wie ich. Ich habe ihn an sein eigenes Kind erinnert.

Wie ging es mit den Kriegsgefangenen weiter?

Die wurden von den Deutschen weitergetrieben. Auch die Russen wurden durch unser Dorf getrieben. So vier bis sechs konnten nicht mehr laufen und wurden im Gemeindehaus untergebracht. Die Bauern wurden verpflichtet, sie zu verpflegen. Die Russen wurden später bei Nacht und Nebel befreit. Noch später wurden die Deutschen von den Amis aus dem Dorf getrieben.

Hatten Sie Angst vor den Russen?

Ja, wir hatten vor allem Angst. Aber mein Onkel, der war in russischer Kriegsgefangenschaft weit hinter Sibirien. Dort hat er seinen 16-jährigen Sohn im selben Lager entdeckt. Die Russen haben erlaubt, dass Vater und Sohn zusammenbleiben durften. Mein Onkel war Maurer und hatte zuvor seinen Gesellenbrief weggeworfen und behauptet, er sei Bauer.

Denn Maurer wurden für den Wiederaufbau behalten, Bauern wollten die schnell loswerden. 1946 sind die beiden dann frei gelassen worden.

Haben Sie mitbekommen, was so außerhalb von Lauterbach passierte?

Da war etwas, das war Tagesgespräch und in aller Munde. In Brettheim/Baden Württemberg sind die Einheimischen mit dem Bürgermeister den Amis mit weißer Fahne entgegen, damit das Dorf nicht beschossen wird. Da waren noch ein paar Soldaten im Ort. Die haben vier der Männer in Gewahrsam genommen und sie am anderen Ende des Dorfes aufgehängt. Die Angehörigen durften die Leichen nicht abnehmen. Dabei haben die Amis schon vom anderen Ende in den Ort reingeschossen.

Mai 1945 war der Krieg zu Ende. War die Angst damit auch vorbei?

Nein. Es gab ab und an noch Tiefflieger von den Amis. Die waren gefährlich. Die haben auf die Kinder geschossen. Einmal auch auf meinen Bruder und seinen Freund. Die haben sich ganz schnell versteckt.

Und nach Kriegsende, wie ging es da weiter? Gingen Sie zur Schule? Und was hat sich für Sie geändert?

Ab Juli 1945 gingen wir wieder zur Schule. Die alten Lehrer waren alle weg, teilweise im Gefängnis. Wir durften plötzlich wieder alles sagen und mussten nicht mehr aufpassen, was man mit wem redet. Nur über Hitler durfte nicht geredet werden.

Haben Sie auch Amerikaner gesehen? Waren welche in Lauterbach?

Die waren im Nachbarort einquartiert. Dann kamen sie mit dem Jeep und haben mit uns Kindern Eier gegen Schokolade getauscht. Ich weiß noch ... einmal kam ich nach Hause und da lag einer bei uns auf dem Sofa. Meine Mutter hat gesagt, dass er so arg müd war und gefragt hat, ob er reinkommen dürfe um zu schlafen. Ich war so erschrocken, denn da habe ich meinen ersten Schwarzen gesehen.

Später dann ... hing Ihnen die Zeit des Krieges da noch nach?

Ja. Ich war ja in der Landwirtschaft tätig. 1956 war ich in Dänemark im Jugendaustausch für sechs Monate. Wenn wir frei hatten, fuhren wir zu dritt nach Kopenhagen. Einmal haben wir den falschen Zug erwischt. Und ich sage: "Wir sind nicht im Zug nach Thastrub."

Das hat ein Mann gehört und uns auf Deutsch angesprochen und uns weitergeholfen. Als ich ihn fragte, woher er so gut Deutsch kann, sagte er, er wäre als Däne im KZ Buchenwald gewesen. Wir wurden ganz still und haben nichts mehr gesagt. Er sagte dann, dass wir nix dafürkönnten. Wir wären da ja noch ganz lille, also klein gewesen.

Ihr Mann kam ja als Flüchtling aus Niederschlesien. Wie haben Sie sich eigentlich kennengelernt?

Ich war 1956 in Walkershofen als Stift in der Landwirtschaft und Fritz war dort Praktikant. Mädchen und Jungen wurden streng getrennt, aber er hat mich ankommen sehen. Ich habe ihn nicht gleich gesehen. Er hat gesagt, für ihn war es Liebe auf den ersten Blick. Jetzt sind wir seit 1959 verheiratet.

Wie hat die Zeit des zweiten Weltkriegs sie geprägt?

Ich bin auf gewisse Weise kritischer und toleranter zugleich geworden, im Bezug auf üble Nachrede und Vorurteile. Ich habe meinen Kindern beigebracht, dass sie über alles sprechen dürfen, alles sagen dürften, solange es nicht unter die Gürtellinie geht. Das war für mich das Schlimmste damals, diese Geheimnistuerei. Dass man niemandem vertrauen konnte. Das wollte ich nicht für meine Kinder. Das Gespräch führte Britta Schnake.

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