Herzogenaurach
Erinnerung

Opfer haben Namen und Würde

In Herzogenaurach wurde das Mahnmal für die Herzogenauracher Opfer der NS-Euthanasie enthüllt.
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Der Historiker Mark Deavin benetzt das Mahnmal mit Wasser. Die Symbolik des "Taufwassers" auf diesem Stein konnte von allen Besuchern vollzogen werden.  Fotos: Michael Busch
Der Historiker Mark Deavin benetzt das Mahnmal mit Wasser. Die Symbolik des "Taufwassers" auf diesem Stein konnte von allen Besuchern vollzogen werden. Fotos: Michael Busch
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Es war eine bedrückende Stille, die am Herzogenauracher Kirchenplatz die Zuhörer von Dr. Mark Deavin umgab. Der Historiker hatte soeben erklärt: "Ich habe herausgefunden, dass es mehr als die zehn Opfer, die auf dem Mahnmal verewigt sind, gibt." Weitere fünf Namen zählte er auf und gab den Hinweis: "Es werden wohl noch mehr gewesen sein."

Das sei wichtig, betonte Deavin. "Denn wenn es in Herzogenaurach schon so viel mehr werden als angenommen, dürfte die Gesamtzahl von 200 000 Euthanasie-Opfern auch nicht mehr haltbar sein."

Er betonte, dass es wichtig sei diese Arbeit und auch die Erinnerung aufrecht zu erhalten. Der Forderung der AfD diese Vergangenheit endlich ruhen zu lassen, widersprach er deutlich. "Jetzt sind wir in der Lage den Opfern wieder Namen zu geben, damit auch Persönlichkeiten." Er unterstrich: "Sie haben ihre Identität zurück bekommen!"

Verhöhnung der Opfer

Es ist ein Mahnmal, das zur richtigen Zeit enthüllt wird. Das unterstreicht Herzogenaurachs Bürgermeister German Hacker ganz deutlich. "Wenn heute Neonazis demonstrieren, verfassungsfeindliche Inhalte verbreiten, sich mit strafbarer Symbolik umgeben, so ist das auch eine Verhöhnung der Opfer, derer wir heute gedenken."

Der Blick der Teilnehmer bei der Enthüllung und Segnung des Mahnmals für die Opfer der NS-"Euthanasie" ruhte auf dem Stein bei diesen Worten. Der Schrecken verliert auch fast 80 Jahre nach den Untaten nicht seine Wirkung.

"Wir erinnern uns an die Herzogenauracher Opfer des nationalsozialistischen Euthanasie-Tötungsprogramms T4" erklärte Hacker. Ein Programm bei dem 1940 und 1941 mehr als 70 000 Menschen, Wehrlose, mit geistigen oder körperlichen Behinderungen oder psychischen Erkrankungen, durch Ärzte in sechs dafür eingerichteten Anstalten auf dem Gebiet des Deutschen Reiches getötet wurden.

Das war allerdings erst der Anfang. "Nach Ende der Aktion ging das Morden dezentral weiter", erinnerte Hacker. Dies passierte in Pflege-/Heilanstalten durch Medikamente, Nahrungsentzug oder Vernachlässigung. Die Täter waren Wissenschaftler, Ärzte, Pfleger, Angehörige der Justiz/Polizei, Gesundheits- u. Arbeitsverwaltung. Hacker ergänzte, dass die Lebensgeschichten der Opfer im Vortrag von Mark Deavin sichtbar gemacht wurden.

Aufstehen statt Schweigen

Der ehemalige UN-Generalsekretär Kofi Annan hat gesagt: "Alles was das Böse braucht, um zu gewinnen, ist das Schweigen der Mehrheit." Dem müsse man entgegentreten, unterstrich der Bürgermeister. Er rief auf: "Nicht schweigen! Alle bisher Schweigenden müssen sich erheben. Demokratie und Freiheit sind nicht selbstverständlich, sondern müssen immer wieder verteidigt werden."

Das Denkmal wurde nach der Enthüllung durch Pfarrerin Nina-Dorothee Mützlitz und Pfarrer Helmut Hetzel gesegnet. Die beiden wiesen auch nochmals auf die wichtige Bedeutung des Namens hin. Aber auch die damit verbundene Würde jedes Einzelnen, die unter anderem durch die Namensgebung diese Einzigartigkeit unterstreiche.

Die Tötung unter dem Begriff Euthanasie war in dieser Region nicht auf Herzogenaurach beschränkt. In der Nachbarstadt weist ein Denkmal seit dem April 2018 auf die dortigen Opfer hi. Ein Denkmal direkt vor dem Eingang der Kinderklinik erinnert an 20 Jungen und Mädchen, die zwischen 1942 und 1945 als Patienten der Uniklinik in der sogenannten Kinderfachabteilung Ansbach verstarben.

Bei elf Mädchen und Jungen gilt es als sicher: Sie wurden von NS-Ärzten mit dem Medikament Phenobarbital getötet. Das was von den Nazis als "Schöner Tod" bezeichnet wurde, war allerdings alles andere als schön. Er war grausam und qualvoll.



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