Adelsdorf
Interview

Oft an die Grenzen gegangen

Am 23. Juli hat Sieglinde Gröger ihren allerletzten Schultag. Die 63-jährige Rektorin der Grundschule Adelsdorf blickt auf ihre lange Lehrtätigkeit zurück.
Artikel drucken Artikel einbetten
Sieglinde Gröger verlässt die Grundschule Adelsdorf - bald für immer. Am 23. Juli hat sie ihren letzten Schultag. Auf ihren Ruhestand und die neue Freiheit freut sie sich. Foto: Johanna Blum
Sieglinde Gröger verlässt die Grundschule Adelsdorf - bald für immer. Am 23. Juli hat sie ihren letzten Schultag. Auf ihren Ruhestand und die neue Freiheit freut sie sich. Foto: Johanna Blum

Nur noch wenige Tage, dann starten die Sommerferien. Doch während die Schülerinnen und Schüler der Grundschule Adelsdorf im September wieder die Schulbank drücken müssen, bleibt ihre Schulleiterin Sieglinde Gröger in den Dauerferien: Die 63-Jährige geht die verdiente Pädagogin in den Ruhestand. Der FT traf sie zu einem Gespräch, in dem sie von ihrer Arbeit, dem Wandel der Schule, aus ihrem Leben, aber auch von ihren Wünschen für die Zukunft erzählt.

Warum haben Sie den Lehrberuf gewählt?

Sieglinde Gröger: Ich liebe die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Schon in meiner Jugendzeit betreute ich mit Begeisterung Freizeitgruppen. Die Möglichkeit, als Lehrerin junge Menschen in einem wichtigen Lebensabschnitt ein Stück zu begleiten, sie zu unterstützen und vielleicht auch ein wenig zu prägen, hat mich zu diesem Beruf hingezogen.

Wo haben Sie studiert und welche Stationen haben Sie vor dem Schulleiterposten in Adelsdorf durchlaufen?

Ich habe in Bamberg Lehramt an Volksschulen und Diplom-Pädagogik studiert. Meine ersten Jahre war ich in Oberfranken tätig, dann wurde ich wunschgemäß nach Höchstadt an die Hauptschule versetzt, an der ich elf Jahre eingesetzt war, bevor es mich dann an die Volksschule Lonnerstadt zog. Während dieser Zeit in Höchstadt und Lonnerstadt konnte ich aufgrund meiner Ausbildung zur Diplompädagogin das Amt einer Beratungslehrerin ausüben. Diese Arbeit hat mir auch viel Befriedigung gegeben. Einige Jahre war ich dann auch die Koordinatorin der Beratungslehrer in der Stadt Erlangen und dem Landkreis Erlangen-Höchstadt. Da ich den großen Wunsch hatte, selbst einmal eine Schule zu führen und damit zu gestalten, bewarb ich mich 2001 in Herzogenaurach und wurde schließlich nach sieben Jahren Konrektorentätigkeit 2008 Schulleiterin in Adelsdorf.

Was zog Sie an die Volksschule in Adelsdorf?

Ich fand gut, dass Adelsdorf eine Grund- und eine Hauptschule hatte, also Kinder von der 1. bis zur 10. Jahrgangsstufe. Das Miteinander von jüngeren und älteren Schülern habe ich immer als gegenseitige Bereicherung erlebt. Die Schule selbst kannte ich schon ein wenig aus meiner Zeit als Beratungslehrerin, in der auch Adelsdorf eine Zeit lang zu meinen betreuten Schulen gehörte.

Wie finden Sie es, dass es in Adelsdorf keine Mittelschule mehr gibt?

Das ist sehr bedauerlich. Den ganzen langen Prozess des "Sterbens" - von der Hoffnung am Anfang, dem Kampf und den intensiven Rettungsbemühungen (u.a.die Einführung einer Offenen Ganztagsschule) bis zum endgültigen Aus mit der letzten 9. Klasse - haben die Kollegen, die Schüler und ich als sehr belastend empfunden. Es beschäftigt mich auch heute noch manchmal.

Was gefällt Ihnen an Ihrer Schule besonders?

Mir gefällt besonders, dass hier so Vieles ganz vorzüglich ist: die sehr engagierten, für neue Ideen offenen Kolleginnen, die gerne und immer wieder, je nach persönlichem Schwerpunkt, selbst neue Ideen zur Unterrichts- und Schulentwicklung einbringen und verwirklichen; die begeisterungsfähigen Kinder, die uns oft spontan und herzlich ihre Zuneigung zeigen; das hervorragende, vielfältige Ganztagsbetreuungsangebot, das auch die Eltern sehr schätzen und zahlreich nutzen. Die Zusammenarbeit mit den Eltern, die sich sehr für ihre Kinder engagieren ist sehr konstruktiv und vertrauensvoll, ebenso wie die Kooperation mit der Gebundenen und der Offenen Ganztagsschule und dem Förderverein. Und das Schönste ist die herzliche Atmosphäre im Schulhaus, die uns alle mit Freude in die Schule gehen lässt.

Was wäre Ihrer Meinung nach in Adelsdorf verbesserungswürdig?

Die digitale Ausstattung ist sehr verbesserungswürdig. Gott sei Dank handelt es sich um ein älteres Schulhaus, das noch größere Klassenzimmer mit Gruppenräumen besitzt - das Schulhaus muss aber dringend weiter renoviert werden.

Wie steht es heute mit dem Unterrichten und Lehren im Gegensatz zu früher?

G: Das Prinzip der frühen Auslese in den bayrischen Grundschulen hat meiner Meinung nach negative Auswirkungen auf die Grundschule. Während zu Beginn meiner Berufstätigkeit der Wechsel an die Realschule nach der 6. Jahrgangsstufe vorgesehen war, werden die Kinder jetzt alle schon nach der 4. Klasse eingruppiert und aussortiert. Das bringt vor allem in der dritten und vierten Klasse viel Stress und Leid für die Eltern und die Lehrer, aber vor allem für die Kinder. Weinende Kinder wegen einer 3 oder sogar einer 2 in einer Probearbeit sollte es in einer Grundschule nicht geben! Ich kann dies hier nicht weiter ausführen, bin aber für eine gemeinsame Schulzeit mindestens bis einschließlich 6. Klasse, lieber noch bis zur 9. Klasse.

Die neuen digitalen Medien sind - verantwortungsvoll gehandhabt - eine wichtige Ergänzung und Bereicherung des Unterrichts und ihr unterstützender Einsatz im Unterricht ist als Vorbereitung auf das Leben als Erwachsener unerlässlich. Gegen negative Begleiterscheinungen wie z.B. brutales Mobbing über soziale Netzwerke müssen wir als Pädagogen und die Eltern gemeinsam unnachgiebig vorgehen.

Was waren die Höhepunkte in Ihrem Schulleben?

Ein Höhepunkt war natürlich für mich, als ich Schulleiterin wurde. In dieser Zeit gab es viele größere und kleinere Ereignisse und Projekte, an die ich mich sehr gerne erinnere. Ein wesentliches Projekt war für mich die Einführung der Gebundenen Ganztagsschule. Nachdem das Kultusministerium zu meiner großen Freude die gesetzlichen Grundlagen dafür geschaffen hatte, war es eine ganz wunderbare Erfahrung, dass das Projekt in Adelsdorf sehr gut aufgenommen und tatkräftig unterstützt wurde: von der großzügigen Gemeinde, den sehr interessierten Eltern und nicht zuletzt von den äußerst engagierten Kolleginnen.

Ich erinnere mich auch sehr gerne daran, dass wir in Adelsdorf - zusammen mit dem Bürgermeister, engagierten Eltern und dem Schulamt - mehrmals Klassen, die eigentlich wegfallen sollten, erhalten konnten.

Ein schönes Erlebnis ist auch immer die regelmäßig stattfindende Zirkusprojektwoche, bei der Schüler, Lehrer und Eltern eine ganze Woche lang begeistert zusammenarbeiten und ganz neue Erfahrungen im sozialen Miteinander machen. Darüber hinaus gab es viele Projekte, bei denen sich Lehrkräfte mit ihren Schülern engagiert haben, oft unterstützt von tatkräftigen Eltern. Sie alle aufzuzählen, würde hier den Rahmen sprengen.

Wie war die Arbeit als Schulleiterin?

Die Leitung der Schule habe ich als sehr befriedigend erlebt, sie hat mir viel Freude bereitet. Eine Schule im Team nach unseren Vorstellungen zu gestalten, war toll. Besonders die produktive, kreative und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den Kolleginnen und Kollegen und den Eltern sowie der tägliche Umgang mit den Schülern haben mir sehr gut gefallen.

Es gibt aber auch hier Schattenseiten: die immense Arbeitsbelastung. Ein Grund- oder Mittelschulrektor muss je nach Größe der Schule zusätzlich zu den Leitungsaufgaben noch Unterricht halten, was grundsätzlich richtig ist, aber der Anteil der Unterrichtszeit im Verhältnis zu der Leitungszeit ist zu hoch. Das führt dann leider oft zu Frustrationen und Arbeitsüberlastung und ist auch mit ein Grund, dass sich nicht genügend Bewerber für Schulleitungen finden. Erschwerend kommt hinzu, dass auch die Schulsekretärinnen mit viel zu wenig Stunden von der Regierung ausgestattet sind und bei einem Ausfall wegen Krankheit keine Springer eingeplant sind.

Freut sich die Familie, dass Sie nun mehr Zeit für Sie haben?

Ja, die Familie freut sich sehr, dass ich nun mehr Zeit für sie und auch für mich habe. Sohn und Schwiegertochter wohnen mit den drei wunderbaren Enkeln in Nordrhein-Westfalen. Ich habe die weite Entfernung und die nicht zeitgleichen Ferien schon öfter bedauert. Jetzt habe ich mehr Zeit und kann auch flexibler auf familiäre Notsituationen reagieren. Nicht jeder hat schließlich so ein gutes Betreuungsangebot wie Adelsdorf.

Wie geht es nun weiter?

Das ist eine richtig tolle Frage, weil sie das für mich wichtigste, ungemein positive Merkmal der Zeit nach dem Berufsleben aufgreift: das Spannende, das Neue. Ich bin offen für Vieles, sehr neugierig, möchte Neues ausprobieren, vielleicht neue Seiten an mir kennenlernen und bin gespannt, was alles noch in mir steckt. Erfreulicherweise bin ich körperlich fit, sodass ich mich uneingeschränkt auf die dritte Lebensphase freuen und mich darauf einlassen kann.

Am 23. Juli wird Sieglinde Gröger von ihren Schülern und Lehrern in einer Feier verabschiedet. Sie alle wünschen ihr eine gesunde, zufriedene und ausgefüllte dritte Lebensphase.

Verwandte Artikel

Kommentare (0)

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren