Erlangen
Obdachlosenhilfe

Arm, alt, einsam: Wie rührend sich das "Willi" in Erlangen um Menschen in Not kümmert

Armut, Sucht, Einsamkeit, Ausgrenzung: Obdachlosigkeit kann jeden treffen. Auch wenn theoretisch keiner auf der Straße schlafen muss, sind Kümmerer wie der Diakon Klaus Hiltner unabdingbar. Ein Besuch in der Tagesstätte "Willi" der Erlanger Obdachlosenhilfe.
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Dieter und Berta sind Stammgäste in der Tagesstätte "Willi" der Obdachlosenhilfe Erlangen. Mittlerweile haben alle Gäste zwar  Wohnungen.  Manche Probleme bleiben aber bestehen. Matthias Hoch
Dieter und Berta sind Stammgäste in der Tagesstätte "Willi" der Obdachlosenhilfe Erlangen. Mittlerweile haben alle Gäste zwar Wohnungen. Manche Probleme bleiben aber bestehen. Matthias Hoch
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12.30 Uhr gibt es Mittagessen. Der Duft frischer Kartoffeln zieht durch die Räume des "Willi", die Gäste in der Tagesstätte der Erlanger Obdachlosenhilfe klappern schon mit den Tellern. Es kommt Bewegung in den Aufenthaltsraum, wo sich vorher etwa 20 Menschen an Kaffee oder Tee klammerten und die Stille mit ihren angeregten Gesprächen belebten. Durch die Flure flitzt Enja, der hauseigen Therapie-Chihuahua. An einem der wachstuchbedeckten Tische sitzen Berta und Dieter. Die beiden Rentner schauen von ihrer Mensch-ärgere-nicht-Partie auf, erheben sich mühsam und schlendern zur Essensausgabe.

Die 70-Jährige und ihr 63-jähriger Ehemann gehören zu den Stammgästen in der Erlanger Wilhelmstraße. Seit zehn Jahren kommen sie her. Berta und Dieter finden Gesellschaft, Essen und wärmende Worte, wenn es mal zwickt. Viel haben die Rentner durchgemacht. Ein paar Stunden im Willi zu verbringen, baut sie wieder auf. Zwar sind die beiden nicht obdachlos, sie leben in einer kleinen Wohnung im Nachbarlandkreis. Aber auf ihr "Wohnzimmer" können und wollen sie nicht verzichten.

9 bis 14 Obdachlose kommen jedes Jahr hinzu

Entstanden ist die Einrichtung vor etwa 18 Jahren, ins Leben gerufen von kirchlichen Initiativen sowie Sozialamt und anderen Wohlfahrtsverbänden. Im Moment ist niemand im "Willi" ohne Obdach. Darauf ist Diakon Klaus Hiltner sehr stolz. Denn das war und ist nicht immer so gewesen. "Pro Jahr kümmern wir uns um neun bis 14 neue Obdachlose", sagt der Leiter des Treffpunkts. Mit Erfolg. In den vier Jahren, seit er die Einrichtung von seinem Vorgänger Klaus Ostermeier übernommen hatte, konnte Hiltner jedem seiner Gäste wieder ein Dach über dem Kopf besorgen. "Es muss niemand auf der Straße schlafen, Angebote sind da." Wer es trotzdem tue, entscheide sich bewusst dafür, Hilfen abzulehnen.

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Es liegen einige Zeitungen bereit. Abgegriffen sind vor allem die Seiten mit den Wohnungs- und Jobanzeigen. "Auch Obdachlose sind wertvolle Menschen, die durchs System gerutscht sind", meint er. Und nur dass zumindest in Erlangen aktuell kaum jemand ohne Obdach ist, bedeute nicht, dass das Problem nicht existiere. "Kinder und ältere Menschen sind immer stärker von Armut bedroht", so Hiltner. Sie könne es immer treffen. Auch weil der Wohnungsmarkt vor allem in den Städten hart umkämpft sei.

Trotz Wohnung kommen sie weiter ins "Willi"

Daher kämen viele "seiner" ehemaligen Obdachlosen weiterhin ins "Willi". Man kennt sich, fühlt sich verstanden. Man kann sich in der Kleiderkammer angemessen anziehen, ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen und sich psychosozial beraten lassen. Auch theologischer Beistand darf natürlich nicht fehlen. "Es ist wichtig, am Ball zu bleiben", sagt Hiltner, "denn es läuft längst nicht alles glatt, nur weil sie auf einmal wieder eine Wohnung haben."

Durchschnittlich suchen täglich etwa 40 Menschen den Treffpunkt im Erlanger Nordosten auf. Sie alle sind eingebunden in den Tagesablauf, räumen auf, helfen in der Küche, packen mit an. Finanziert wird das Angebot zu einem großen Teil über Spenden, einzige Vollzeitkraft ist der der evangelische Diakon Hiltner.

Gäste werden selbst zu Fachleuten

Viele der Besucher im "Willi" sind arbeitslos oder kämpfen mit der Sucht. Im Haus selbst sind jegliche Stoffe verboten, den erhobenen Zeigefinger aber sparen sich Hiltner und seine ehrenamtlichen Helfer. Therapeutisch wertvoll ist die Gruppendynamik, die bei Gesprächen untereinander - auf Augenhöhe - entstehen. "Wenn ein Hilfsbedürftiger selbst zum Experten werden kann und die anderen ihm zuhören, bringt das allen viel mehr", so Hiltner.

Kommentar vom Autor Stephan Großmann

Klingt echt wunderbar. Ein Besuch in der Tagesstätte der Erlanger Obdachlosenhilfe macht Mut. Keiner der dort anwesenden Gäste sei momentan obdachlos, sagt der Leiter. Mit dieser Info wäre leicht, es sich in seiner persönlichen Komfortzone gemütlich zu machen und zu meinen, "Siehste, Obdachlosigkeit geht mich doch nichts an". Falsch.

Sozialverbände und Wohlfahrtsorganisationen warnen seit Jahren davor, dass die oft beklagte Schere zwischen Arm und Reich auseinanderdriftet. Vor allem in größeren Städten explodieren die Mieten, immer mehr ältere Menschen, Kinder und Alleinerziehende überschreiten die Armutsgrenze. Von dort ist es nur noch ein kleiner Schritt in die Obdachlosigkeit. Wer diesen Tiefpunkt erreicht hat, darf auf vielfältige Hilfsangebote bauen oder zumindest hoffen. Hört man den Helfern zu, liegen die wahren Probleme an den Randzonen: Viele Menschen - auch in unserer Region - sind zu arm zum leben, aber nicht arm genug für echte Hilfe.

Niederschwellige Angebote an der Basis fangen lediglich einzelne Tropfen des allmählich überlaufenden Fasses auf. Den Knackpunkt bildet bezahlbarer Wohnraum. Tausende solcher Immobilien will der Freistaat in den kommenden Jahren schaffen. Aber selbst falls das reichen sollte: Die Bauträger müssen alles daran setzen, profitgierigen Spekulanten nicht das Feld zu überlassen.



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