Gleichberechtigung

Nicht alle Barrieren sind sichtbar

Der Umgang mit behinderten Menschen verändert auch die Denkweisen derer ohne Behinderung. Interview mit dem Behindertenbeauftragten von Erlangen-Höchstadt.
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In seinem Büro empfängt Ganzmann (links) immer wieder Menschen mit Behinderung.  Foto: privat
In seinem Büro empfängt Ganzmann (links) immer wieder Menschen mit Behinderung. Foto: privat
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Jürgen Ganzmann feiert in diesem Jahr sein Jubiläum: Seit zehn Jahren ist er Behindertenbeauftragter des Landkreises Erlangen-Höchstadt. Seit Juni 2018 ist er auch Geschäftsführer des Zentrums für selbstbestimmtes Leben Behinderter e.V. (ZSL). Im Gespräch mit dem FT geht er auf die Probleme behinderter Menschen im Landkreis ein. Werden sie gleichberechtigt behandelt, oder benachteiligt?

FT: Das Bundesteilhabegesetz soll behinderte Menschen unterstützen. Bis 2023 soll es schrittweise eingeführt, Bayern barrierefrei werden. Merken Sie jetzt schon etwas davon?

Jürgen Ganzmann: Bayern soll bis 2023 barrierefrei sein. Man weiß aber, dass das Gesetz eigentlich eine Worthülse ist, weil die finanziellen Mittel und das Engagement, das man dafür braucht, nicht vorhanden sind.

Das heißt?

Das heißt, konkret ist 2023 ein Plan, der nicht erfüllbar ist.

Wie viele behindertengerechte Wohnungen gibt es denn im Landkreis?

Nicht bekannt. Man muss immer unterscheiden zwischen den öffentlichen und den privaten Wohnbauten. Die privaten Wohnbauten sind so, dass die Hoheit bei demjenigen liegt, der investiert, und die Planungshoheit bei den Kommunen. Beispiel: Wenn man ein Baugebiet entwirft. Den Bürgermeistern empfehle ich dringend, dass das Baugebiet auch mit einer Anzahl von barrierefreien Wohnungen ausgestattet wird.

Eine Ausstattung oder ein Bau von einer barrierefreien Wohnung kostet im Durschnitt 0,3 Prozent mehr als eine nicht barrierefreie Wohnung. Was bedeutet aber 0,3 Prozent mehr? Im Erdgeschoss mache ich die barrierefreie Wohnung. Ich verzichte auf die Treppen, habe schon wieder Geld gespart. Ich verzichte auf Flure, habe ich schon wieder Geld gespart. Ich nutze den Wohnraum viel intelligenter. Das bedeutet aber dann, wenn man es sozialpolitisch sieht, dass die Frau oder der Mann, der die Wohnung hat, eine Wertsteigerung erfährt, weil die Wohnungen gefragt sind. Zudem ist es so, dass sie lange zu Hause bleiben und nicht ins Altersheim müssen, weil sie zu Hause noch ambulant betreut und gepflegt werden können. Der Sozialetat wird wesentlich entlastet und der Druck auf Altenheime ist nicht so groß. Wenn jetzt so eine Situation eintritt, wo man pflegebedürftig wird und keine barrierefreie Wohnung hat, muss man sich eben anderweitig umsehen. Aber da gibt es nichts.

Wie schätzen Sie die Situation der behinderten Menschen im Landkreis also ein? Würden Sie sagen, sie werden hier gerecht behandelt?

Gerecht ist eine Aussage, die man so nicht greifen kann. Gerechtigkeit ist für jeden individuell zu sehen. Wichtig ist, dass die Menschen mit Behinderung eine ganz andere Sichtweise auf die Teilhabe haben als wir. Beispielsweise wenn wir Mittagspause haben und essen gehen. Da gehe ich von Haus aus nicht in die Gaststätte, die für Behinderte nicht erreichbar ist. Einmal war ich essen, da wollte mich Kollege sprechen. Er konnte aber nicht mit dem Rollstuhl in die Wirtschaft fahren, also mussten wir uns draußen auf dem Gehweg besprechen. Das war peinlich.

Wenn Sie im Freundeskreis einen Menschen mit Behinderung haben, wird die Denkweise anders. Sie wollen ins Kino, aber da kommt der Behinderte gar nicht rein. Was machen Sie dann? Sie sagen ihm lieber nichts und gehen alleine.

Der Mensch mit Behinderung meint dann, er ist selbst eine Belastung und zieht sich immer weiter zurück. Das ist ein Rädchen, das in einen Bereich geht, der sich immer mehr verschlimmert.

Bei Ihnen hört man raus, dass Sie entbürokratisieren wollen. Der CSU-Landtagsabgeordnete Walter Nussel kommt aus unserem Landkreis und ist für Bürokratieabbau zuständig. Wenn Sie eines von ihm fordern würden, was wäre das?

Die Entbürokratisierung in vielen Bereichen: Pflege, öffentlicher Nahverkehr. Wenn der Chef der Arbeitsagentur sagt, er bittet drum, dass man den Wahnsinn abstellt, 62 Prozent des Etats für Verwaltungskosten auszugeben, ist das doch ein Alarmsignal, ein Hilfeschrei. Das muss weniger werden. Und das geht.

Wir haben Fachkräftemangel, wo investieren wir? Handwerker und Gastronomie wissen nicht mehr, wie sie zurechtkommen. Über die Pflege brauchen wir erst gar nicht zu reden. Wo sollen denn die Leute herkommen? Wie erklärt die Politik, dass der Heizungshandwerker nicht kommt, obwohl die Heizung auf Störung läuft. Das Problem verschärft sich massiv.

Erkennen Sie auch positive Veränderungen im Landkreis in den letzten Jahren?

In der Bevölkerung ist das Bewusstsein schon gestiegen. Man könnte noch mehr machen. Man braucht dringend Begegnungsstätten, wo Menschen mit Behinderung einen normalen Arbeitsplatz haben. Man braucht auch einen Treffpunkt, wo sich Jung und Alt, behindert und nicht behindert, treffen können. Da gibt es wenig.

Deswegen ist mein Unverständnis groß, dass ein solcher Treffpunkt in Höchstadt nicht verwirklicht werden konnte. (Anm. der Redaktion: Jürgen Ganzmann hatte als Geschäftsführer der WAB Kosbach ein solches Projekt in Höchstadt geplant und schon eine Immobilie erworben. Mit der Übernahme der WAB Kosbach durch die Lebenshilfe wurde es aber nicht weiter verfolgt.) Denn die Vorteile lagen auf der Hand. Man hätte mit verhältnismäßig wenig Mittel einen solchen Treffpunkt in Höchstadt schaffen können. Eine Einrichtung, in der behinderte Menschen auch arbeiten können, würde dagegen viel mehr kosten. Glauben Sie, ein ähnliches Projekt könnte im Landkreis nochmal realisiert werden?

Tatsache ist, dass ich dieses Projekt auf jeden Fall verwirklichen werde. Aber ob das im Landkreis sein wird, da habe ich nicht den Einfluss drauf. Da kann ich die Leute nur beraten. Aber in der Stadt Erlangen will ich das auf jeden Fall machen. Erstens arbeite ich hier, zweitens gibt es das Projekt Kommune Inklusiv und drittens weiß ich, dass es politisch und in der Folge dann auch wirklich umgesetzt wird.

Was ist Ihnen sonst noch wichtig im Umgang mit behinderten Menschen?

Barrieren sind für viele Menschen nicht sichtbar. Eine gehörlose Frau zum Beispiel läuft auf der Straße, Sie grüßen sie. Aber sie hört Sie nicht und grüßt nicht zurück. Das zweite Mal grüßt sie wieder nicht, beim dritten Mal machen Sie es schon nicht mehr. Dann schauen Sie die Frau nicht mehr an. Diese fragt sich, was sie wohl getan hat.

Weil man diese Barriere nicht sieht, ziehen sich Menschen zurück. Man sollte einfach Verständnis haben für Menschen die schwerhörig, gehörlos, blind, arm sind. Auch Altersarmut ist eine Barriere. Eine Gesellschaft, die aus unterschiedlichen Stärken und Schwächen besteht, die bunt ist, ist eine lebenswerte Gesellschaft. Das andere ist eine konforme Gesellschaft, in der nur noch Gesunde, Reiche und Erwachsene leben. Das ist eine arme Gesellschaft. Eine Gesellschaft muss ein Blumenstrauß sein: bunt, vielfältig, mit verschiedenen Blüten und Grünzeug. Dann ist es lebenswert und schön.

Das Gespräch führte Yannick Hupfer.



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