Gremsdorf
Musik

"Musik ist so viel mehr als Noten"

Pianistin Katrin Heinz-Karg und und der blinde Violinist David Günther laden ein zu nicht ganz alltäglichen Beethoven-Stunden.
Artikel drucken Artikel einbetten

Pop ist eher sein Ding, aber ja, Beethoven hat er auch schon gespielt. David Günther lacht. "Ich hab aber nur zugesagt, weil Katrin mir versprochen hat, dass wir nicht nur den klassischen Beethoven aufführen." Aber das hatte Katrin Heinz-Karg auch gar nicht vor. Die Chemie zwischen der Musikpädagogin, die in Gremsdorf die inklusive Musikschule Mina leitet, und dem 28-jährigen gehandicapten Musiklehrer aus Nürnberg habe sofort gestimmt.

Heinz-Karg war auf Günther über eine Facebook-Anzeige aufmerksam geworden: "Er inserierte sinngemäß ,Blinder Musiklehrer sucht Arbeit'. Das hat mich neugierig gemacht." Sie wollte wissen, wie das funktioniert: Musik machen und Musik unterrichten, ohne sehen zu können. "Wir trafen uns zum jammen - und es war gleich ein guter Draht da", erzählt Günther. Da entstand die Idee, bei "Beethoven bei uns" mitzumachen, einem deutschlandweiten Hauskonzerte-Event zum Start ins Beethoven-Jahr 2020 (s. Infos am Ende des Textes)

Verstärkung für Musikschule

"Wir sind beide sehr aufgeschlossen, ein bisschen verrückt und haben viele Ideen für eigene Interpretationen", erzählt Heinz-Karg weiter. Darum ist das Konzert erst der Anfang: David Günther wird ab Januar stundenweise in ihrer Musikschule unterrichten. Ein paar sehr erfolgreiche Probeläufe gab es schon. "Die Kinder waren anfangs schüchtern und zurückhaltend." Hinterher hätten sie aber geradezu von der Unterrichtseinheit mit dem neuen Lehrer geschwärmt.

Festanstellung wäre der Traum

Eigentlich sucht Günther, der seit vier Jahren auch auf einen Rollstuhl angewiesen ist, eine Festanstellung. Als ausgebildeter Musikschullehrer darf er an Musik-, Grund- und Mittelschulen unterrichten. Bislang hat sich jedoch noch nicht die richtige Stelle gefunden. "Ich habe auch vier Semester Lehramt studiert. Aber das war mir zu theoretisch. Die machen das wahnsinnig kompliziert - und der Kontakt zu den Schülern kommt erst sehr spät."

Während seiner Ausbildung hingegen habe er von Anfang an in Unterrichtsstunden mitwirken dürfen. Und genau das macht dem 28-Jährigen Spaß: Das individuelle Eingehen auf jeden Schüler, egal ob mit oder ohne Handicap. Ohne Scheuklappen. Ohne Schema F. "Jeder lernt anders - ich zum Beispiel arbeite nur über das Gehör." Einerseits gehe es nicht anders, andererseits falle ihm das mit seinem absoluten Gehör auch leicht. Er achte bei seinen Schülern eben mehr auf den Ausdruck - auch wenn die Noten noch nicht hundertprozentig laufen. "Musik soll doch nicht nur Arbeit sein! Es soll Spaß machen! Ich zeige den Schülern, wo sie hinkommen können, wenn sie dranbleiben."

Alle Genres bedienen

Günther ist "Unterricht auf Augenhöhe" wichtig, wie der blinde Lehrer schmunzelnd betont. Außerdem soll es abwechslungsreich sein, genreübergreifend. "Klassik ist wichtig, gerade auch für die Technik. Aber das schließt Pop oder Impro ja nicht aus." Ansonsten mache er nicht viel anders als andere Lehrer: Verbessern, anleiten, Vorschläge machen, Ratschläge geben.

Behinderung ist kein Hindernis

Heinz-Karg nennt Günthers Herangehensweise "inspirierend". "Ich habe durch die Zusammenarbeit gemerkt, dass ich oft zu sehr auf die Noten achte oder den genauen Fingersatz und zu wenig einfach mal richtig zuhöre." Von der Kooperation mit dem 28-Jährigen erhofft sie sich zudem, die Grenzen in den Köpfen weiter zu öffnen. "Musik kann so viel - und jeder kann Musik! Der eine besser, der andere schlechter, aber jeder kann sich damit ausdrücken." Man müsse sich nur trauen, eine Behinderung egal welcher Art sei dabei jedenfalls kein Hindernis.

Beethoven bei uns - in Gremsdorf

Die Idee: Anlässlich des 250. Geburtstages von Ludwig van Beethoven im Jahr 2020 startet die Beethoven-Jubiläumsgesellschaft eine große Hauskonzertinitiative - und zwar deutschlandweit am 14. und 15. Dezember 2019. In privaten Wohnzimmern, Ladenlokalen, Vereinsräumen, Clubs und Kirchen in ganz Deutschland feiern Konzerte, Lesungen, Vorträge und Performances den Komponisten. Mehr unter www.beethovenbeiuns.de Zur Person: David Alessandro Jean-Marie Günther wurde in Hannover geboren und lebt inzwischen in Nürnberg. Der 28-Jährige ist von Geburt an blind und sitzt zudem seit vier Jahren im Rollstuhl - ausgelöst durch das Zusammenspiel einer Krankheit und eines Unfalls. Mit fünf Jahren begann er, Geige zu üben, ein Jahr später kam noch Klavier hinzu. Derzeit nimmt er zudem (wieder) Gesangsunterricht. Nach dem Abi absolvierte er unter anderem ein Frühstudium an der Musikhochschule in Hannover und am BBS (Bildungszentrum für Blinde und Sehbehinderte) in Nürnberg die Grundausbildung zum Musikschullehrer.

Das Konzert

Was: Beethoven und andere Leckerbissen - für Piano (Katrin Heinz-Karg) und Violine (David Günther).

Wann: Samstag, 14. Dezember, 19.30 bis 21 Uhr, und Sonntag, 15. Dezember, 10 bis 11.30 Uhr.

Wo: Mina Musikschule, Mühlenweg 3, 91350 Gremsdorf, Erdgeschoss. Der Zugang ist barrierefrei.

Wie: Platzreservierungen sind unter folgendem Link möglich: https://www.beethovenbeiuns.de/veranstaltung/beethoven-und-andere-leckerbissen/

Wieviel: Der Eintritt ist frei. Es werden jedoch Spenden gesammelt, die an "Toy Run - Träume für kranke Kinder Erlangen e. V." gehen. Wer mehr über die Initiative wissen will, findet Infos im Internet unter www.toyrun.de

 

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren