Mehrere Umzugskisten stapeln sich in der Ecke. Seine CD-Regale neben dem Schreibtisch sind leer. Hackbrett und Gitarre stehen bereit zum Abtransport. In Eberhard Irlingers Büro stehen alle Zeichen auf Abschied. Zwölf Jahre lang war der 68-Jährige Landrat in Erlangen-Höchstadt. Jetzt stehen ihm die letzten drei Wochen bevor. Ein Gespräch über das Loslassen, einen neuen Lebensabschnitt und die Tür, die bei ihm immer offen bleibt.


Herr Irlinger, Sie haben offensichtlich schon begonnen, Ihr Büro auszuräumen. Fällt Ihnen das schwer?
Eberhard Irlinger: Natürlich! Aber ich musste aufgrund der Tatsache, dass ich bis zum 30. April kaum noch eine Stunde in meinem Terminkalender frei habe, endlich anfangen. Ich habe viele eigene Sachen hier gehabt.

Was denn so?
CDs, meine Instrumente, Bücher, Ordner, Akten, alles mögliche.

Das ist ja dann wie ein zweites Wohnzimmer, oder?
Ja, das hat sich so entwickelt. Im Grunde hab' ich alles hier gehabt. Man sitzt ja doch erstaunlich viel hier drin.

Welche Musik hören Sie denn so?
Klassik, Romantik, Barock. Aber auch Pop und Volksmusik. Von Eric Clapton bis Udo Jürgens. Von Joe Cocker bis zu Katie Melua. Ich bin ja auch jemand, der den Morgen mit einem Mozart-Klavierkonzert beginnt.

Und die Kisten kommen dann alle mit nach Hause?
In meiner kleinen Wohnung passt nicht so viel rein. Jetzt muss ich schauen, dass ich im Keller Platz finde.

Das ist auch noch ein logistisches Problem (lacht).

Ist es ein arg mulmiges Gefühl, jetzt nach zwölf Jahren zu gehen?
Ja, schon (hält inne und schaut auf den Boden). Es ging ja nicht anders. Ich bin zu alt für den Posten. Der Gesetzgeber will es so. Ich merke es auch daran, wie die Menschen um mich herum reagieren. Denen wird es mulmig, mir wird es mulmig. Da werden auch Tränen fließen. Es wäre auch schlimm, wenn nicht.

Was wird Ihnen am meisten fehlen?
Vielerlei. Man ist erstens sehr viel draußen bei den Menschen. Sie erkennen an, dass man sich um sie kümmert. Das tut einem gut. Das werde ich sicher vermissen, weil ich schon ein Mensch bin, der die Begegnung mit Menschen braucht.

Zweitens hatte man in der Chefrolle die Möglichkeit, etliche Dinge auf den Weg zu bringen und viel zu gestalten. Damit verbunden ist drittens die Arbeit, die man nach innen hat. Alles muss in Einzelgesprächen oder in der Gruppe besprochen werden. Das fordert, erfüllt aber auch mit Befriedigung.

Und was werden Sie gar nicht vermissen?
Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht (lacht und überlegt). Ich bin seit 40 Jahren hyperaktiv und war immer gefordert. Ich hoffe, mir wird der straffe Terminplan nicht fehlen, in dem jede Stunde etwas anderes steht.

Und, Hand aufs Herz, glauben Sie, das wird Ihnen gelingen?
Ich bin völlig überzeugt, dass ich das schaffe. Aber es kann keiner vorhersagen, wie die nächste Lebensphase ausschauen wird.

Ich möchte den richtigen Mix zwischen Nichtstun und meinen Lieblingsbeschäftigungen. Und ich möchte etwas finden, bei dem ich mich engagieren kann.

Vor zwei Jahren waren die Sektenkinder von Lonnerstadt in aller Munde. Ihnen wurde vorgeworfen, dass das Jugendamt unter Ihrer Aufsicht zu wenig für sie getan hatte. War das damals sehr aufwühlend für Sie?
Ich war mein Leben ein Mensch, der keine dicke Haut hatte und viel zu oft etwas in sich hineingefressen hat. Nach so vielen Jahren wurde ich ein bisschen gelassener. Aber dennoch verhehle ich nicht, dass das, was damals drumherum entstand, schon manchmal ärgerlich war. Uns wurde oft Versagen vorgeworfen. Letztlich hat es einem in dem Moment auch weh getan. Aber das muss man aushalten. Wir haben uns nichts vorzuwerfen. Das, was unsere Aufgabe war, haben wir getan. Im Interesse der Kinder.

Der große Seniorenfasching, der Landkreis singt, der Landkreis tanzt... Sie wollten mit diesen Veranstaltungen die Menschen im westlichen und östlichen Landkreis näher zusammenbringen. Hat das geklappt?
Der Landkreis spürte die künstliche Zusammensetzung durch die Gebietsreform 1972. Man hat gemerkt: Die einen wissen nichts über den anderen und umgekehrt. Kulturelle und gesellige Veranstaltungen waren der Versuch, dieses Problem anzugehen. Ganz gleich, welchen geographischen Umriss der Landkreis hat, ist es immer gut, wenn man den Menschen Gelegenheit gibt, sich zu treffen. Auch heute sagen sicherlich wenige: Ich bin ein Erlangen-Höchstadter. Aber es gibt ein Stückchen mehr Identität - ich meine, dass da etwas in Gang gekommen ist.


Welcher Job hat Ihnen am besten gefallen? Lehrer, Landtagsabgeordneter oder Landrat?
Mir hat jeder sehr gut gefallen. Ich war wahnsinnig gerne Lehrer, da habe ich die tollsten Erinnerungen. Im Landtag habe ich im Bildungsausschuss gearbeitet, und das war für mich die geborene Aufgabe. Dann wurde ich Landrat, und das wollte ich auch so. 100-Stunden-Wochen in den ersten acht Jahren waren die Regel. In den letzten Jahren waren es auch noch 80-Stunden-Wochen.

Worauf freuen Sie sich in Ihrer neugewonnen Freizeit am meisten? Dass ich den Wecker nicht stellen muss. Und dass ich mich nochmal hinlegen kann, wenn ich das Frühstück für die Freundin gemacht habe (schmunzelt). Außerdem kann ich in aller Ruhe ein Buch lesen oder mich ans Hackbrett oder an die Zither setzen. Das sind alles Dinge, die bisher zu wenig dran kamen.

 

Ihre Freundin freut sich sicher auch, dass Sie jetzt mehr Zeit haben?
Ja, weil ich dann viel zuhause tun kann (lacht). Sie sagt auch, ich müsste kochen lernen. Da bin ich gespannt, ob ich das schaffe. Ich bin ein Mensch, der alles perfekt machen will. Was ich besonders gut hinbekomme, ist Miracoli (lacht).

Werden Sie Alexander Tritthart als Ansprechpartner zur Verfügung stehen oder machen Sie Ihre Tür zu?
Ich hab' sie nie zugemacht. Und das werde ich auch künftig nicht. Wer mich sprechen möchte, kann sich jederzeit an mich wenden. Auch ich hatte damals ein ausführliches Gespräch mit Herrn Krug.

Hatten Sie auch schon eins mit Herrn Tritthart?
Nein.

Steht das noch an?
Weiß ich nicht.

 

Das muss Herr Tritthart wünschen.

Haben Sie einen Ratschlag für ihn?
Mit Ratschlägen ist das immer ein Problem (überlegt). Ich gebe keinen. Er ist jetzt Landrat. Er weiß selbst, was er zu tun hat. Aufgabe des Politikers ist es, dass es den Menschen nach sechs Jahren besser gehen muss als vorher. Das verlangt viel Bemühen.

Geht es den Menschen im Landkreis jetzt auch besser als vor sechs Jahren?
Ja (entschlossen).

Was war das schönste Erlebnis?
(überlegt lange) Es gibt hundert oder tausend schöne Erlebnisse, wenn man zu den Menschen rausgeht.

Vor zwei Wochen hat mir die schlesische Landsmannschaft eines der höchsten Abzeichen der Schlesier gegeben, mit der Begründung, dass ich den Schlesiern im Landkreis wieder ein Gesicht gegeben habe. Das hätte ich nicht tun brauchen, aber ich habe es als meine Aufgabe gesehen, diese Erinnerungskultur aufrechtzuerhalten. Wenn so eine nette Anerkennung kommt, freut mich das.

Was war das schrecklichste Erlebnis?
Einmal die Hochwasser-Katastrophe in Baiersdorf 2007. Man wusste nicht, ob es Menschenleben kosten würde. Aber man wusste: Jetzt kommt es auf dich und die Rettungskräfte an. Die zweite schlimme Geschichte war in der Entenmästerei Wichmann in Warmersdorf, wo es darum ging, 200 000 junge Enten zu töten, damit sich die Vogelgrippe nicht ausbreitet.

Zum Abschluss: Sie sind ja bekannt als absoluter Karpfenliebhaber.

Wieviele Karpfen haben Sie maximal in einer Saison geschafft?
113 (wie aus der Pistole geschossen). Das war 2006 oder 2007. Dieses Jahr waren es dagegen relativ wenig. Aber in den nächsten Tagen und Wochen kommen ja noch viele Gelegenheiten, weil man sich mit verschiedenen Gruppen nochmal zum Abschied trifft (lacht).


Das Interview führte Sabine Herteux

Zur Person:
Eberhard Irlinger, geboren in Regensburg, studierte Lehramt für Volksschulen und war ab 1967 an mehreren Schulen tätig, zuletzt in Höchstadt. Seit 1978 war er bis zuletzt im Kreistag. 1978 bis 1988 saß er zudem im Höchstadter Stadtrat. 1990 wurde er in den Landtag gewählt. 2002 wurde Irlinger im zweiten Wahlgang - nachdem er sechs Jahre zuvor gescheitert war - zum Landrat gewählt. 2001 erhielt er den bayerischen Verdienstorden. Irlinger hat drei Kinder.