Ailsbach
Zuzug

Landflucht? In ERH kein Thema!

Dank der vielen großen Arbeitgeber in der Region erfreuen sich in Erlangen-Höchstadt auch viele kleinere Dörfer steigender Einwohnerzahlen.
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Integration beginnt schon bei den Kleinsten: Sascha Link (vorne Mitte), Torsten Albrecht (hinten rechts) und dessen Sohn Marvin (links daneben) helfen im Ferienprogramm beim Nistkästenbau.     Foto: Yannick Hupfer
Integration beginnt schon bei den Kleinsten: Sascha Link (vorne Mitte), Torsten Albrecht (hinten rechts) und dessen Sohn Marvin (links daneben) helfen im Ferienprogramm beim Nistkästenbau. Foto: Yannick Hupfer
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Es ist drei Jahre her, als Torsten Albrecht mit seiner Familie job-bedingt in den Aischgrund ziehen musste. Doch wohin sollte es genau gehen? Entlang der A3 sind die Grundstückspreise teuer, in der Nähe des Arbeitsplatzes in Hemhofen wollte die Familie aber schon sein, da war sie sich sicher. Durch Zufall entdeckte man dann das kleine Dorf Ailsbach, knapp über 300 Einwohner. In Dresden, wo die Albrechts herkommen, leben auf einem Quadratkilometer mit 1666 Menschen mehr als fünfmal so viele wie in ihrem gesamten neuen Wohnort. Und dennoch sagt der Familienvater heute: "Wir sind ein klassisches Beispiel für viele hier."

Einer, der sich über den Zuwachs freut, ist Sascha Link. Er ist Vorsitzender der Dorfgemeinschaft Hirtenhaus: "Im Dorf fand ein Umbruch statt", sagt er. Nach dem Tod einiger Bewohner wurden die alten Häuser neu bezogen - von neuen Familien mit Kindern. Dabei kommen die "Zugereisten" oftmals von weit her: aus Rostock, Kassel oder eben aus Dresden. Außerdem gibt es zurzeit zwei kleine Baugebiete, die zusätzlich junge Familien anziehen.

So kommt es, dass von den 155 Mitgliedern des Vereins 55 Jugendliche sind, während viele andere Vereine ähnlicher Größe über Nachwuchsmangel klagen. Sucht man nach Gründen für die hohe Anzahl an Jugendlichen, die sich im Verein engagieren, muss man zuerst auch bei deren Eltern ansetzen.

Betrachtet man den Wirtschaftsstandort Nürnberg-Fürth-Erlangen und vor allem den Landkreis Erlangen Höchstadt, fällt auf, dass dort viele große Arbeitgeber angesiedelt sind: Schaeffler, Siemens, Adidas, Puma, die Datev. Alleine bei Siemens arbeiten 37 000 Menschen - nur in Mittelfranken. Das Unternehmen ist damit Arbeitgeber Nummer Eins in der Region.

Immer wieder fällt in diesem Zusammenhang der Begriff "Landflucht": Menschen "fliehen" vom Land hin in die Stadt. Doch Erlangen-Höchstadt scheint anders zu sein. Während in den städtischen Ballungsgebieten - auch in Erlangen - die Mieten explodieren, werden die Grundstückspreise auf dem Land zwar auch teurer, aber sie sind dort noch erschwinglich. Der Begriff "Landflucht" stammt dabei aus dem 19. Jahrhundert, aus dem Zeitalter der industriellen Revolution. Neue Herstellungsverfahren ermöglichten erstmals eine Massenproduktion, dafür aber brauchte man zahlreiche Arbeitskräfte. Die ehemaligen Knechte und Mägde vom Land erhofften sich, in der Stadt ein besseres Leben führen zu können, zogen in die Ballungsgebiete, zu den großen Firmen.

Die Arbeit kommt nach Hause

Das Blatt hat sich gewendet, vielmehr die Infrastruktur: Während es vor noch 100 Jahren unmöglich war, tagtäglich 70 oder 80 Kilometer zu pendeln, lassen uns das Auto und der gute Straßenausbau heute eine neue Form der Mobilität erfahren. Und so geschieht es, dass Menschen fernab von Großstädten aufs Land ziehen - und ihre Arbeit mitnehmen. Denn nicht nur Pendeln spiegelt eine neue Form der Arbeit wider, sondern auch Home-Office. Der schrittweise Internetausbau auf dem Land trägt dazu bei.

Es ist ein Geben und Nehmen

Kommt man wie Torsten Albrecht aus einer Großstadt in ein 300-Einwohner-Dorf, steht man vor großen Umstellungen, denn Anonymität gibt es dort nicht. Jeder kennt jeden. Doch Albrecht und seine Familie sehen das als Vorteil: "Wir sind sehr dankbar, dass wir hier so gut aufgenommen wurden." Es war die Offenheit, die ihnen bei einem ersten Besuch auf dem Dorffest vor drei Jahren sofort positiv auffiel. Man kam ins Gespräch mit denen, die schon wenig später ihre Freunde werden sollten. "Es ist mir wichtig, offen auf die Menschen zuzugehen", sagt Vorsitzender Link. So sei es ja auch ein gegenseitiger Nutzen, denn man hilft und unterstützt sich.

Wichtig bei der Integration seien natürlich die Jugendlichen. Sie wählen regelmäßig Jugendvertreter. Aktuell sind das Marvin und Lea. Sie stellen die ständigen Ansprechpartner für die Heranwachsenden dar und sind gleichzeitig Bindeglied zu den Erwachsenen. Gemeinsam treffen sich die Jugendlichen nach der Schule, um Fußball zu spielen, zu "chillen" oder in ihren Jugendraum zu gehen. Denn der befindet sich ebenfalls im Hirtenhaus: Ob Billard, Kicker oder Darts, die Heranwachsenden haben hier die Möglichkeit, sich auszutoben und gleichzeitig einen Rückzugsort.

Was Marvin stört: "Die Busverbindung ist extrem." Extrem, weil in den Ferien der Bus nur auf Anfrage und auch sonst nur sehr selten fährt. Denn ab und zu locken die Jugendlichen doch die Stadt und ihre Geschäfte. Ansonsten gefällt es aber dem 15-Jährigen in Ailsbach - vor allem wegen seiner neuen Freunde und des Zusammenhalts.

Vielleicht ist das der Schlüssel, wie Vereine dem Mitgliederschwund entgegenwirken können: dem demografischen Wandel ins Auge blicken, ihn ernst nehmen und folglich offen auf die Menschen zugehen, mit ihnen in Kontakt treten. Denn wer gut integriert wird, der engagiert sich.

Das zeigt sich wohl am besten am Beispiel der Familie Albrecht. Man sieht es an Vater Torsten, der nur drei Jahre nach seinem Umzug im Vorstand des Dorfvereins ist und an seinem Sohn Marvin, dem Jugendvertreter des Dorfes.



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