Aschbach
Kunstschatz München

Kunstsammler Gurlitt hatte Kunst in Aschbach gelagert

Forscher Johann Fleischmann stieß auf Dokumente, wonach während des Kriegs auch Kunstgut des Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt im Aschbacher Schloss eingelagert war. Der Sammler ist mit dem Fund des "Münchner Kunstschatzes" bekannt geworden.
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Das Aschbacher Schloss gibt es auch als Fotokarte.
Das Aschbacher Schloss gibt es auch als Fotokarte.
Johann Fleischmann, der seit Jahrzehnten auf dem Gebiet des Landjudentums forscht und darüber bereits viele Bücher veröffentlicht hat, arbeitet an einem weiteren Buch. Das neue Werk in der langen Reihe der Mesusa-Bücher trägt den Titel "DP-Lager auf Schloss Aschbach von November 1945 bis Frühjahr 1948". DP steht für "Displaced Persons", worunter Entwurzelte, Menschen ohne Heimat, Überlebende der Schoah zu verstehen sind.
In Aschbach waren es jüdische Polen, die nach Ende des Zweiten Weltkriegs im Pölnitz-Schloss untergebracht waren. Dort erhielten sie in einer "Ackerbauschule", einer Art Trainingskibbuz, in Praxis und Theorie eine Ausbildung in Land- und Milchwirtschaft. Sie wurden so auf ihre künftigen Aufgaben in Palästina vorbereitet, lernten daneben Englisch und Hebräisch. Das Lager war eine Einrichtung der Militärregierung, der auch das Gut in Aschbach unterstand.

Gurlitts Schatz in Achbach

Bei seinen ausgiebigen Recherchen stieß Johann Fleischmann rein zufällig auf Dokumente, die im Zusammenhang mit dem spektakulären Münchener Kunstfund stehen und daher einen aktuellen Bezug haben. Anhand der von Fleischmann gesammelten Dokumente kann belegt werden, dass vor und während des Kriegs im Aschbacher Schloss Gemälde und Kunstgegenstände unter anderem aus Museen in Kassel und Bamberg eingelagert waren. Auch das "Kunstgut des Kunsthändlers Dr. Hildebrand Gurlitt aus Dresden" und das des Kunsthändlers Karl Haberstock werden aufgelistet.

Weshalb man gerade das Aschbacher Schloss dafür ausgesucht hat, ist für Fleischmann klar: Dort seien die Schätze ziemlich sicher gewesen. "Auf so ein kleines Landschloss hätte nie jemand eine Bombe abgeworfen."
Auch der Abtransport ist dokumentiert: Mit Genehmigung der Militärregierung vom 2. November 1945 wurde der Gurlitt-Kunstschatz durch die deutsche Kunstkommission nach Bamberg in die Neue Residenz gebracht. Die Kunstgegenstände aus dem Pölnitz-Besitz wurden ins Schloss nach Sugenheim bei Scheinfeld verlagert.

Überlebende heute in Israel?

Nach Kenntnis dieser Fakten setzte Fleischmann unverzüglich per E-Mail die mit dem Fall befasste Oberstaatsanwaltschaft Augsburg darüber in Kenntnis, dass eine Gurlitt-Spur in den Reichen-Ebrachgrund führt. "Ich dachte, ich wäre auf etwas Einmaliges gestoßen", sagt der Heimatforscher. Mittlerweile habe der Fall jedoch große Kreise gezogen und Aschbach wäre in vielen Medien aufgetaucht.
Doch zurück zu den Displaced Persons, die am 20. November 1945 ihr Camp im Aschbacher Schloss bezogen. Johann Fleischmann hält es für möglich, dass es noch Überlebende gibt. Wenn ja, müssten sie heute in Israel leben.
Ein Besucher, der in diesen Tagen Gast im Hause Fleischmann war, will den Heimatforscher bei seiner Suche nach Überlebenden oder Verwandten der Aschbacher DPs unterstützen. Es war der Sohn des aus Adelsdorf stammenden Baruch Ron, dessen Buch "Der Tag, an dem meine Schoah begann" durch Fleischmanns "Arbeitskreis Jüdische Landgemeinden" auf Deutsch herausgegeben wurde.
Anhand von Schriftverkehr und Dokumenten wird in Fleischmanns neuem Buch anschaulich über die angespannte Situation der Steigerwaldgemeinde in den ersten beiden Nachkriegsjahren berichtet. Vieles war dem Autor schon durch Jim G. Tobias bekannt, der ebenfalls über das Aschbacher Lager geschrieben hat. Einer der letzten Hinweise auf die jüdischen Schlossbewohner dürfte eine Beerdigung sein, die im Jahr 1947 stattgefunden hat. Da seit 1942 keine deutschen Juden mehr in Aschbach lebten, sei es wahrscheinlich, dass es sich um einen der jüdischen Schlossbewohner handelte, meint Tobias.

Schloss zurückgegeben

Im Januar 1948 waren noch 107 Personen jüdischen Glaubens auf Schloss Aschbach. Zwei Monate später wurde das Schulungslager geschlossen und die Familie von Pölnitz bekam das Schloss zurück. Die kurzzeitigen Bewohner hatten sich auf den Weg nach "Erez" (Israel) gemacht, das sie vermutlich zum ersten Mal sahen. Kurze Zeit später wurde der Staat Israel gegründet.


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