LKR Erlangen-Höchstadt
Seniorenbetreuung

Kreis Erlangen-Höchstadt droht Überalterung

Aktuell ist die Versorgung des Landkreises mit Pflegeplätzen noch gut. Forscher prognostiziert aber stark steigenden Bedarf. Es mangelt an Personal.
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Ob auch künftig die Bewohner von Altenheimen immer noch von einer  Pflegekraft begleitet werden können?  Foto: Oliver Berg, dpa
Ob auch künftig die Bewohner von Altenheimen immer noch von einer Pflegekraft begleitet werden können? Foto: Oliver Berg, dpa
Der Landkreis Erlangen-Höchstadt boomt. Er zählt zu den wirtschaftlich stärksten in Deutschland, Arbeitslosigkeit ist kein Thema. Das spürte Landrat Alexander Tritthart (CSU) erst wieder bei der Ausbildungsbörse am Wochenende, wo die "Top-Firmen mit Top-Angeboten" für junge Leute vertreten waren. Die Stände dieser Aushängeschilder waren dann auch dicht umlagert, ganz im Gegensatz zu denen, die Nachwuchs in der Alten- und Krankenpflege suchten.

Was das für Folgen haben könnte, wurde den Mitgliedern des Sozialhilfeausschusses am Mittwoch in einer dreistündigen Sitzung eindrucksvoll geschildert. Noch sei die Versorgungssituation sowohl in der ambulanten, als auch in der stationären Altenpflege im Kreis gut, stellte Manfred Zehe vom Bamberger Wirtschafts- und Sozialforschungsinstitut Modus fest, das am Seniorenpolitischen Gesamtkonzept für den Kreis Erlangen-Höchstadt arbeitet.

Aber in dem von der Bevölkerungsstruktur her einst jungen Landkreis "schlägt in den nächsten Jahren die Überalterung durch", stellte der Sozialwissenschaftler fest. Was betagte und pflegebedürftige Senioren betrifft, müsse man von starken Anstiegsquoten ausgehen. Zehe erforscht Bestand und Bedarf an ambulanten und stationären Pflegeplätzen. 1996 war Erlangen-Höchstadt der erste Landkreis in Mittelfranken, der eine Bedarfsermittlung machen ließ. Jetzt überprüfe man, was daraus geworden ist, sagte der Wissenschaftler.

Die Zahl der Pflegekräfte im Kreis habe sich in den vergangenen 20 Jahren ebenso verdoppelt wie die Zahl der betreuten Pflegebedürftigen. Weil es immer mehr Hochbetagte gibt, habe eine gelernte Pflegekraft heute aber mehr Menschen zu versorgen. Zehe teilt den Kreis in drei Regionen ein. So sei der Raum Höchstadt und Erlangen-Land bei der ambulanten Pflege gut versorgt, in Herzogenaurach gebe es nur den Mindeststandard, der aber schon bald durch einen neuen Dienst besser werde. Um den heutigen Bestand zu halten, müssten jedes Jahr in der ambulanten Pflege 2,5 bis drei Kräfte mehr eingestellt werden, rechnete Zehe hoch.

Im Aufwind sei die Tagespflege, deren Bedarf weiter ansteigen wird. Nicht ganz so stark steigen werde der Bedarf an Kurzzeitpflege. Hier sei aber das Problem, dass der Mindestbedarf in den Heimen nicht mit Ganzjahresplätzen abgedeckt wird, sondern Kurzzeitpflege häufig dann angeboten wird, wenn die Häuser nicht voll sind.

Im stationären Bereich war der Kreis 1996 mit 369 Pflegeplätzen noch schlecht versorgt. Inzwischen sind es mehr als doppelt so viele. Nach Zehes Erhebungen sind 124 oder zehn Prozent der Pflegeplätze im Landkreis nicht belegt. Dies liege daran, dass das Personal fehlt. In Höchstadt ist die stationäre Versorgung noch gut, in Herzogenaurach und Erlangen-Land müssten noch Plätze geschaffen werden.

Dass fehlendes Personal keine hundertprozentige Auslastung möglich mache, bestätigte Sigrid Tremel von der im Gesundheitsamt des Landkreises angesiedelten Heimaufsicht. Zudem gebe es Einrichtungen, "die selbst nicht ausbilden, aber Pflegekräfte abgrasen", sagte sie bei der Vorstellung ihres Arbeitsberichts. Der Pflegeberuf gebe ein negatives Bild nach außen.

Am Image des Pflegeberufs müsse dringend gearbeitet werden, betonten auch Landrat Tritthart und Rosi Schmitt (SPD). Die Kreisrätin und Gerontotherapeutin hält den auch darauf zurückzuführenden Mangel an Kurzzeitpflegeplätzen für eine Katastrophe. Schmitt: "Nicht einmal die akute Versorgung kann gewährleistet werden." Um Auszubildende anzulocken, sollten die Träger der Einrichtungen mit guten Ideen vorangehen, forderte Sigrid Tremel. Sie gestand aber auch ein, dass es schwierig sei, eine Mutter mit Kindern im Dreischichtbetrieb einzusetzen.

Die im Gesundheitsamt angesiedelte Heimaufsicht betreut im Kreis Erlangen-Höchstadt 27 Einrichtungen mit 1903 Pflegeplätzen. Tremel berichtete von 317 Beschwerden, die 2017 eingegangen sind. Mit 181 betrafen die meisten den Bereich Pflege. 31 unangemeldete Überprüfungen in Einrichtungen wurden durchgeführt und 351 abstellpflichtige Mängel festgestellt. Hauptgründe für fünf Anordnungen und einen Aufnahmestopp 2017 waren unzureichende Pflege und die Nichteinhaltung von Fachkraft- und Nachtwachenquote.

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