Bedächtig und voller Sorgfalt lässt er die Farbrolle über das unbehandelte Holz gleiten. Dabei ist der Mann mit dem schütteren Haar und dem freundlichen Gesicht so verloren in seine Arbeit, dass er die Gespräche um sich herum nicht mehr wahrnimmt. Seine ganze Aufmerksamkeit gilt dem einen Stück Holz, dem er in diesem Moment einen kräftigen roten Anstrich verleiht. Es gibt keine Tropfnasen, keine Spritzer. Das ist es, was Jürgen Meister mehr liebt als alles andere. Es ist seine Arbeit, der er sich seit mehr als zehn Jahren mit einer schier unermesslichen Hingabe widmet. Und er macht sie gut. So gut, dass man ihm seine geistige Einschränkung nicht anmerkt.

150 neue Kickertische pro Jahr


Es sind Menschen wie Jürgen Meister, die für den Erfolg der Behindertenwerkstätten in Gremsdorf stehen. Bei den "Barmherzigen Brüdern" werden mittlerweile jährlich über 150 Kickertische hergestellt. Sie werden nach China und Südamerika geliefert - die meisten Modelle bleiben hier in Deutschland. Das Einzigartige an den Tischen aus Mittelfranken ist ihre solide Bauweise. "Diese Tische können Sie an Ihre Enkel vererben", verspricht Werkstattleiter Detlev Troll. Zum Beweis zeigt er einen Kickertisch, der ein Jahrzehnt lang täglich bespielt wurde. Bis auf zwei, drei Kratzer sieht er aus, als sei er gerade erst ausgepackt worden. Zwar dauert die Herstellung aufgrund der verschiedenen Behinderungsgrade der Mitarbeiter manchmal länger. Dafür werden die Einzelteile mit größter Sorgfalt handgefertigt. Wenn man die Liebe beziffern würde, die in jedem einzelnen Tisch schlummert - sie wären unbezahlbar.

Besonders stolz ist man in Gremsdorf auf die jüngste Entwicklung: den barrierefreien Kickertisch. Das Langmodell können gleich vier Rollstuhlfahrer bespielen - eine Idee, die eher aus integrativen als aus wirtschaftlichen Überlegungen entstand. "Für uns war es ein logischer Schritt, dass wir hier in einer Einrichtung, die Menschen mit verschiedenen Einschränkungen betreut, barrierefreie Produkte herstellen", sagt Troll. "An diesem Tisch können Menschen im Rollstuhl mit Menschen ohne Gehbehinderung spielen. Das trägt zur Integration im Alltag bei." Anhand eines Prototyps war das Modell immer weiter verbessert worden, bis es schließlich die Marktreife erreichte. Auf Messen wurde der Spezialtisch, erkennbar an den runden Ausfräsungen für eine bessere Sicht, präsentiert. Völlig unerwartet für alle Beteiligten entwickelte sich auch aus diesem ersten Ideenfunken eines barrierefreien Tischfußballs ein wahres Feuer der Begeisterung.

Sogar die Nationalmannschaft begeistert


Ohnehin stand die Kicker-Produktion dank der Gremsdorfer Innovationsfreude seit jeher unter einem guten Stern. Zunächst als "normaler" Kickertisch vertrieben, fand er immer mehr Abnehmer. Schließlich entstand die Idee, die Modelle individueller zu gestalten. Es folgten Sondereditionen zu Großereignissen wie der Fußball-Weltmeisterschaft, von denen sich sogar Oliver Bierhoff, Miroslav Klose und die gesamte deutschen Nationalmannschaft begeistern ließen. Auch Gorbatschow und Putin verewigten sich mit ihrer Unterschrift auf einem Gremsdorfer Kicker. 2006 dann der absolute Höhepunkt: Mit dem Bau eines über 12 Meter langen Kickertisches für 40 Spieler schaffte das Werkstatt-Team den Sprung ins Guinness-Buch der Rekorde. Und auch die reguläre Produktion entwickelte sich fort. So können sich Firmen seit einiger Zeit ihren Tisch in Unternehmensfarben und mit Logo bestellen. Es gibt kaum einen Wunsch, der nicht erfüllbar wäre. Diese Philosophie ist der Garant dafür, dass die Nachfrage auch nach über einem Jahrzehnt ungebrochen ist.

Abseits des Erfolgs gab es aber auch schwerere Zeiten: Wie viele andere Unternehmen aus dem produzierenden Gewerbe bekam die Werkstatt in Gremsdorf die Auswirkungen der Wirtschaftskrise zu spüren. Die Einnahmen aus den Verkäufen - zur Bezahlung der Mitarbeiter unerlässlich - schrumpften; Fremdunternehmen, die in Gremsdorf einfachere Arbeiten erledigen lassen, zogen ihre Aufträge zurück. Doch just in dieser Phase zeigte sich, dass die Nachfrage nach Kickertischen so solide blieb wie ihre Bauweise. Und sie stieg sogar. So war es der Werkstattleitung möglich, auf einer Welle der Kicker-Begeisterung die Einrichtung sicher durch den Sturm der Krise zu steuern. Die 215 Beschäftigten dankten es auf ihre Weise. Sie arbeiteten so zuverlässig denn je. Unter ihnen: Jürgen Meister.

Jeder Tisch wird einmal bespielt


Wenn die Tischfußballmodelle aus Gremsdorf überhaupt noch Reklame bedürften - der 49-jährige Nürnberger wäre für sie der ideale Werbeträger. Über "seine" Kickertische redet er mit derselben Begeisterung, mit der er ihnen einen roten Anstrich verpasst. Qualität sei das oberste Gebot, deshalb werde jeder Tisch vor der Auslieferung einmal bespielt, sagt der Club-Fan. Er selbst ist begeisterter Tischfußballer - einer der besten in der gesamten Einrichtung. Um den kleinen weißen Ball dreht sich seine ganze Welt. Von daher weiß er einen guten Tisch zu schätzen. Er selbst würde selbstverständlich nur einen aus der eigenen Produktion nehmen, schließlich existiere für die Qualität ein ganz besonderes Erfolgsrezept: "Die Werkstatt ist ein zweites Zuhause für uns. Das Soziale ist das Wichtigste. Wir sind hier wie eine große Familie und halten zusammen, egal was kommt", sagt er.

Danach dreht sich Jürgen Meister um und taucht die Rolle einmal mehr in die rote Farbe. Jetzt ist er wieder in seiner eigenen Welt. In einer Welt, die ihn jeden Tag aufs Neue glücklich macht. Für ihn und die Mitarbeiter in der Behindertenwerkstatt der "Barmherzigen Brüder" in Gremsdorf sind die Kickertische viel mehr als Spielgeräte. Sie sind ein Lebensinhalt, der sie mit Stolz erfüllt. In der Werkstatthalle erledigen die Mitarbeiter ihre Arbeit mit einer Selbstverständlichkeit, die fast vergessen lässt, dass die Menschen hier nicht nur mit den Maschinen und Werkzeugen kämpfen. Sie kämpfen auch mit sich selbst und ihrer Behinderung. So dient jeder fertige Tisch als Beweis für eine bemerkenswerte Leistung. Und dafür, dass Jürgen Meister und all die anderen ihren Kampf jeden Tag aufs Neue gewinnen.