Adelsdorf
Pädagogik

Im Adelsdorfer Kindergarten macht das Spielzeug Urlaub

Im Adelsdorfer Kindergarten Sancta Maria werden die Spielsachen nach und nach weggeräumt - für eine begrenzte Zeit.
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Gähnende Leere in Schränken und Regalen gehört im Sancta-Maria-Kindergarten jetzt eine Zeitlang zum Alltag.   Foto: Larissa Händel
Gähnende Leere in Schränken und Regalen gehört im Sancta-Maria-Kindergarten jetzt eine Zeitlang zum Alltag. Foto: Larissa Händel
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Auf dem bunten Spielteppich schlängeln sich heute nicht wie sonst die Fahrzeuge auf den Straßen, in Schränken und Regalen herrscht gähnende Leere und auch die Bewohnerinnen der Puppenecke werden ihre Plätze bald räumen müssen. "Unser Spielzeug macht Urlaub", antwortet der kleine Jonas auf die Frage, wo denn die ganzen Spielsachen seien.

Im Kindergarten Sancta Maria in Adelsdorf ist die spielzeugfreie Zeit angebrochen. Gerade befinden sich die drei Gruppen in der Ausräumphase, das bedeutet, dass nach und nach das Spielzeug weggeräumt wird. "Fast jeden Tag findet eine Kinderkonferenz statt, bei der die Kinder sich einigen, welches Spielzeug als nächstes verschwinden soll", erklärt Erzieherin Heidi Schüpferling.

Ernüchterung kommt später

Man könnte denken, dass es den Kindern schwerfällt, Dinge wegzugeben, aber im Gegenteil: "Die Kinder sind am Anfang sehr euphorisch und wollen am liebsten alles direkt wegräumen." Denn zunächst können sie nicht abschätzen, dass etwas dann wirklich für längere Zeit weg ist. Bestes Beispiel: Die Kinder der "gelben Gruppe" hatten sich dazu entschlossen, ihre geliebten Spiele wegzuräumen. Am Nachmittag verkündete ein Kind stolz, dass es jetzt ein Spiel spielen wird, bevor dann das ernüchternde "Ach ja" kam, als die Erzieherin es daran erinnerte, dass die Spiele ja nicht mehr da seien.

Gründe für eine spielzeugfreie Zeit gibt es genug. Ursprünglich rührt die Idee von der Suchtprävention. Die Förderung der Selbstständigkeit sowie kognitiver und kommunikativer Kompetenzen sind dabei wichtige Ziele. In Adelsdorf wird dieses Konzept schon seit mehreren Jahren immer mal wieder umgesetzt. "Natürlich gehört Spielzeug dazu und ist auch wichtig für die Entwicklung, aber werden Kinder damit überhäuft, hat das zur Folge, dass sie immer weniger zu sich selbst kommen und keine eigenen Ideen mehr haben", sagt Schüpferling. Ganz nach dem Motto: Es ist ja immer Beschäftigung da, wozu soll ich mir selbst etwas anderes überlegen?

"Zuletzt ist uns Erzieherinnen auch immer öfter aufgefallen, dass die Kinder die Spielsachen nicht schätzen, darauf herumtrampeln und sich darum streiten." Indem das Spielzeug jetzt nach und nach verschwindet, gibt man den Kindern die Möglichkeit, für eine begrenzte Zeit - in dem Fall für zehn Wochen - das schätzen zu lernen, was noch da ist und neue, kreative Spielideen zu entwickeln.

Auch der Angst der Eltern, dass die Schulförderung in dieser Zeit zu kurz kommt, konnte begegnet werden. In der Vorschule werden während der spielzeugfreien Zeit eben neue Wege gegangen. Gerechnet wird dann zum Beispiel nicht mehr am Zählrahmen, sondern mit kleinen Steinen. Und auch sonst wächst die Kreativität der Mädchen und Jungen. Schon jetzt basteln sie sich aus Kartons, Stoff- und Wollresten ihre eigenen Spielsachen. Von Langeweile ist da keine Spur. Während der spielzeugfreien Zeit dürfen die Kinder auch jeden Tag in den Turnraum und sich auspowern.

Stück für Stück zurück

Eine Ausnahme gibt es bei der Aktion aber: Das Spielzeug ist zwar weg, aber Malsachen sind immer zugänglich für die Kinder. Auch jetzt sitzen die Mädchen und Jungen der "gelben Gruppe" am Tisch und malen, andere spielen mit Bausteinen und Bau-Clicks. "Die Bau-Clicks kommen wahrscheinlich als letztes weg", vermutet Schüpferling, "denn das ist das absolute Lieblingsspielzeug der Kinder".

In einigen Tagen werden die Gruppenräume noch leerer aussehen, bevor in sechs Wochen das Spielzeug wieder Stück für Stück einziehen darf. "Zurück kommt aber nur, was vermisst wird", sagt Schüpferling. Etliches wird eingelagert oder verkauft. Wie die Kinder auf die Rückkehr der Spielzeuge reagieren und was sich in der Zwischenzeit verändert hat, werden wir in einem weiteren Artikel berichten.

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