Weisendorf
Interview

"Ich fürchte, nackt dazustehen"

Rund 35 Meter misst der Weisendorfer Kirchweihbaum in diesem Jahr, den die Ortsburschen aus Weisendorf zusammen mit Bürgermeister Heinrich Süß am Montagnachmittag im Wald ausgeschaut haben. Wir sprachen mit dem Auserwählten.
Artikel drucken Artikel einbetten
So liebevoll und doch kräftig umarmt werden von den Ortsburschen (wie hier im Jahr 2002) möchte auch der Kirchweihbaum, der ab kommenden Samstag Weisendorf zieren wird.  Foto: FT-Archiv
So liebevoll und doch kräftig umarmt werden von den Ortsburschen (wie hier im Jahr 2002) möchte auch der Kirchweihbaum, der ab kommenden Samstag Weisendorf zieren wird. Foto: FT-Archiv
+3 Bilder
Es ist ein so alter, wie unverzichtbarer Brauch einer fränkischen Kirchweih: Jahr für Jahr holen Ortsburschen einen möglichst stattlichen Baum aus dem Wald, ziehen gestärkt von der ein oder doch anderen Mass Bier zurück in den Ort und bewachen anschließend eine Woche den Baum im Ort, bevor dieser geschmückt und in die Senkrechte gebracht wird.

Herr Baum, wie geht es Ihnen heute? Fühlen Sie sich auserwählt?
Baum: Vielen Dank der Nachfrage, mir geht es sehr gut. Die Konkurrenz dieses Jahr war wieder sehr hart. Und immerhin warte ich ja schon einige Jahre auf meine Kür.

Also ist es eine Ehre für Sie. Noch stehen Sie hier in aller Pracht. Am Freitagnachmittag ist es vorbei. Dann werden Sie flachgelegt. Meinen Sie, dass Sie den Wald denn gar nicht vermissen werden?
Doch, die Gemeinschaft der Kollegen fehlt mir bestimmt.
Es ist ein zweischneidiges Schwert, einerseits auserwählt zu sein, andererseits abgesägt zu werden.

Haben Sie ein schlechtes Gewissen, Ihre Wurzeln verraten zu haben?
Ich rechne damit, dass die Wurzeln aufgrund meiner hohen Vitalität wieder austreiben.

Mit Verlaub, Herr Baum, derzeit wirken Sie nicht sonderlich vital, sondern eher ein bisschen ängstlich.
Der Weg ins Dorf - das wird eine rechte Tortur werden: quälend langsam mit diesem Traktor, und dann sitzen bestimmt die Burschen auch noch auf mir herum und quälen meine Ohren mit ihren, nunja, Liedern.
Aber meine Lebensgeister kehren bestimmt bald zurück. Dann, wenn die jungen Dorfmädchen anrücken, mich zu schmücken.
Kennen Sie denn schon Ihren neuen Standort?
Über dem Buschfunk habe ich gehört, dass wohl ein ganz nettes Plätzchen für mich reserviert ist. Dort soll ich wohl ziemlich im Mittelpunkt stehen.

Haben Sie Lampenfieber?
Nein, ich fürchte mich eher davor, am Ende vielleicht nackt dazu stehen.

Nackt?
Ja, es gibt im Wald grausame Geschichten von Kollegen, die von Wilden aus dem Seebachgrund tatsächlich geschält worden sein sollen.
Aber Sie haben doch Sicherheitspersonal?
Jaja, das stimmt schon. Angeblich sollen die Herren ja Hochkaräter in ihrem Bereich sein, mit jahrelanger Erfahrung und hochmotiviert. Auf mich wirkten sie in den vergangenen Jahren allerdings eher hochprozentig.

Wie wollen Sie das denn anstellen, Ihre 35 Meter Länge am Samstag wieder in die Senkrechte zu bringen?
Auch hier verlasse ich mich auf die Erzählungen der Altvorderen, auch wenn ich sie nicht ganz verstehe. Angeblich sollen Schwalben eine entscheidende Rolle spielen. Eventuell packt auch der Dorfhäuptling mit an, wenn die von der tagelangen Bewachung etwas erschöpften Kirchweihburschen zu schwach sind oder ein ähnliches Malheur mit den Schwalben passiert wie im vergangenen Jahr. Aber ich vertraue da ganz den Jungs und lasse das einfach mal auf mich zukommen.

Worauf freuen Sie sich am meisten?
Darauf, das ganze Treiben aus großer Höhe beobachten zu dürfen, den Klang von Blasmusik, den Geruch von Bratwürsten. Und oben flattern meine Bänder im Wind. Was kann es Schöneres geben?

Das Gespräch führte Martin Jungfer.

Kommentare (0)

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren