Scheiße Scheiße Scheiße. Doch doch, solche Typen gibt es, die im Stakkato mit Fäkalsprache um sich werfen, alle anderen für ausgemachte Arschlöcher und absolute Nichtskönner halten und sich selbst für einsame Spitze. Nis-Momme Stockmann, ein Shootingstar unter den jüngeren Theaterautoren, hat diesem Typus ein trauriges Denkmal gesetzt. "Der Mann der die Welt aß" heißt das Stück, das jetzt sehr eindringlich in Erlangen zu erleben ist. Achtzig Minuten dauert es nur, aber die haben es in sich!

Seit der Uraufführung Ende 2009 in Heidelberg ist die Studioproduktion des Theaters Erlangen die siebte Inszenierung des Dramas, mit dem auch schon das Bayerische Staatsschauspiel im letzten Sommer bei den Theatertagen in Bamberg gastierte. Anders als in der Münchner Interpretation lässt Regisseur Johannes Wenzel von vornherein keinen Zweifel daran, dass in erster Linie die Titelfigur selbst schuld ist an dem Schlamassel, in dem sie steckt.

So ungeduldig, barsch und gehetzt, wie der namenlose Sohn zu Beginn auf den ersten Anruf des ebenfalls namenlosen Vaters reagiert, versteht man sofort, warum der Autor nicht nur eine, sondern viele Szenen als Telefongespräche ablaufen lässt. Der Egozentriker aus der Ü30-Generation, der immer noch nicht begriffen hat, dass die Welt sich nicht nur um ihn dreht, hat vor allem ein schweres Kommunikationsproblem.

Was er sonst noch am Hals hat - Verlust seines Top-Jobs und des einzigen Freunds, Trennung von Frau und Kindern, ein phlegmatisch-asthmatischer Bruder und der zunehmend demente Vater -, wäre fast alles halb nur so schlimm oder noch zu retten, wenn er nur aus der schon krankhaften Spirale seiner Ich-Bezogenheit herauskäme. Egal, auf welche Seite die schwarzen Schiebe- und die hell furnierten Schranktüren (Bühne und Kostüme: Christian Klein) unter merkwürdigem Singsang bewegt werden, für ihn wird der Horizont immer kleiner.

Kein Wunder, dass er gegen Ende ausrastet, auf den nur noch in Unterhemd und Unterhose gekleideten Vater einschlägt und sich schließlich mit ihm verabschiedet - an seinen Lieblingsplatz am See, dorthin, wo er glaubt, aussteigen zu können aus all seinen Rollen. Nur seine Lebenslügen bleiben, denn bis zum "Pupillenstillstand" will er mit dem Alten, der auch jetzt noch die nicht vorhandene Selbständigkeit und die nicht vorhandenen Erfolge des Sohnes feiert, den sündhaft teuren Cognac saufen. Mit offenem Ende. Lisa, die nach wie vor um ihn kämpfende Ex-Frau, kann nur noch auf den Anrufbeantworter sprechen.

Johannes Suhm spielt den Kotzbrocken, der Mitleid nur mit sich selber hat, geradezu rücksichtslos intensiv. Ihn zu sehen und zu hören, tut fast körperlich weh. Und immer, wenn man anfängt, doch mit ihm zu fühlen, lässt ihn der Autor etwas sagen, das in seinem Zynismus kaum zu überbieten ist. Thomas Marx, zuletzt ein fulminanter Thomas Bernhard'scher Theatermacher, bleibt hier in der Rolle des Vaters der vorgesehene Nacktauftritt erspart - was einerseits richtig ist, wenn der Fokus auf dem Sohn bleiben soll, ihm andererseits aber das Bild absoluter Schutzlosigkeit nimmt, was die Prügelszene noch schrecklicher machen würde.

Linda Foerster als Lisa zeigt unter der notdürftigen Fassade der Gefasstheit viele Verletzungen und noch mehr Liebe. Dass der Ex-Mann auf den gemeinsamen Freund eifersüchtig ist, erscheint grundlos, denn Steffen Riekers gibt den Ulf eher als geschmeidigen und doch kreuzbraven Mitläufer. Christian Wincierz als Phillip ist auf mehrfache Art ein echter Aussteiger, Winfried Wittkopp als Bogensee macht unmissverständlich klar, dass die Forderungen der Leistungsgesellschaft nicht weniger "alternativlos" sind wie das Selbstbild des Mannes, der aus einer Welt gefallen ist, die er sich zuvor rücksichtslos einverleibt hat.

Termine und Karten

Weitere Vorstellungen in der Garage am 11., 12., 14., 25. und 26. Februar, am 17., 18. und 20. März sowie am 17. April; Karten unter Telefon 09131/862511.

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