Erlangen
TV-Castingshows

Hunderte stürmten zum DSDS-Truck in Erlangen

Stimmen werden verzerrt, Persönlichkeitsrechte beschnitten - Nathalie hat bei "Deutschland sucht den Superstar" mitgemacht, obwohl sie die Casting-Masche kennt.
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Um halb zwölf ist der Platz vor den Arcaden in Erlangen bereits proppenvoll. Hinter der Absperrung, die den RTL-Castingtruck umgibt, drängeln sich die potenziellen Superstar-Anwärter. Und dass, obwohl erst um zwölf Uhr das Vorsingen beginnt. Dabei müssen die Bewerber ein Team aus Redakteuren von RTL und der DSDS-Produktionsfirma Grundy Light Entertainment beeindrucken - Dieter Bohlen und seine Jurykollegen lassen sich bei den Vorab-Sichtungen, die derzeit in insgesamt 30 Städten stattfinden, nämlich nicht blicken.

Drum herum tummeln sich noch zahlreiche Schaulustige, die insgeheim auf prominente Gesichter hofften oder zumindest dachten, das Schaulaufen der Kandidaten wäre öffentlich. Ist es aber nicht. Wer mitmachen will, muss erst mal Geduld mitbringen. Viel Geduld.

Nathalie (Name geändert) steht schon eine ganze Weile in der Warteschlange, ohne dass es merklich vorwärts geht.
Die 21-Jährige aus Erlangen ist keine typische Castingshow-Kandidatin. Sie hat an einer amerikanischen Schauspielschule Kurse für Tanz und Gesang belegt, absolviert jetzt jedoch ein duales Studium der Betriebswirtschaftslehre und jobbt noch nebenbei in der Gastronomie.

Zum Recall eingeladen

Im März hat sich Nathalie beim Popstars-Casting in Nürnberg bei ProSieben vorgestellt - mit Erfolg: Sie wurde zum Jurycasting nach Berlin eingeladen und schaffte es auch in den Recall. "Ich dachte mir, das Casting ist eine gute Plattform um Kontakte zu knüpfen, neue Erfahrungen zu machen und mich weiter zu entwickeln", erzählt Nathalie. "Berühmt werden wollte ich damit nicht."

Neue Erfahrungen hat die 21-Jährige dabei auch tatsächlich gemacht. Allerdings keine, die ein gutes Licht auf solche Castingshows werfen. So hieß es etwa vorab, alle Kandidaten, die es in den Recall schaffen, seien später auch im TV zu sehen. Wegen schlechter Einschaltquoten wurde das Material später allerdings so gekürzt, dass zwei komplette Folgen entfallen sind. "Da waren Leute, die hatten überall herumerzählt, dass sie ins Fernsehen kommen, auch die Lokalpresse hatte darüber berichtet, und dann waren die Auftritte nie zu sehen", sagt Nathalie empört.

Persönlichkeitsrechte abtreten

Außerdem mussten die Popstars-Kandidaten quasi all ihre Persönlichkeitsrechte an die Produktionsfirma abtreten. Verhindern, dass einmal gedrehtes Material ausgestrahlt wird? Keine Chance.



Richtig empört ist Nathalie allerdings über die Auswahl der Kandidaten, die zum Workshop nach Ibiza fliegen durften. Dabei sei es nämlich keineswegs um Talent oder Können, sondern vor allen Dingen um die Quote gegangen. Einer Kandidatin soll der Produzent gesagt haben, wenn es ums Können gehe, müsste sie in die Band kommen, sie sei aber zu glatt und perfekt, um für die Show interessant zu sein. Sie sei nicht gut zu vermarkten, man brauche Leute, aus denen man eine Lachnummer machen könne.

Einer anderen Kandidatin hat der Tontechniker verraten, dass die Gesangskünste der Kandidaten vor der Ausstrahlung verändert würden - positiv oder negativ, je nachdem, ob ein Weiterkommen erwünscht war oder nicht. "Das haben die wohl auch mit meinem Auftitt gemacht", vermutet Nathalie. "Sogar mein Gesangslehrer hat gesagt, dass ich mich im Fernsehen überhaupt nicht nach mir angehört habe."

Entscheidung fiel schon vorher

Werden also bei Castingshows nur polarisierende Typen gesucht, die möglichst alles mit sich machen lassen? Es sieht fast so aus. Die Verträge mit den Popstars-Kandidaten, die zur Endrunde nach Ibiza fliegen durften, seien jedenfalls bereits drei Tage vor den Auftritten, die über ein Weiterkommen entscheiden sollten, unterschrieben worden.

Auffällig ist auch: "Fast alle Kandidaten im Recall, die einen höheren Bildungsabschluss hatten, sind nicht in die Endrunde gekommen." Die Gründe? Nathalie vermutet, dass sich bildungsfernere Kandidaten eher für solche Formate eignen, da sie mehr Persönliches von sich preis geben ohne darüber nachzudenken und naiver und emotionaler reagieren. Alles Dinge, die die Einschaltquoten steigern. Der künftige Erfolg der Sieger interessiert die Produzenten dabei nicht.

Doch warum will Nathalie jetzt trotz allem noch bei DSDS mitmachen? "Natürlich ist das alles eine Lüge, falsch, aufgesetzt und so weiter", sagt die Studentin. "Trotzdem möchte ich es noch einmal machen, um für mich herauszufinden, ob ich mich weiterentwickelt habe. Dafür ist DSDS jetzt einfach eine gute Gelegenheit."

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