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Brexit

Höchstadter aus England über den Brexit: "Was genau passiert, weiß niemand"

Das Hin und Her in den Debatten um den Austritt von Großbritannien aus der EU beschäftigt auch die Engländer, die im Landkreis Erlangen-Höchstadt leben. Einen Höchstadter ärgert vor allem, wie über die Briten berichtet wird.
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Der Höchstadter Michael Gibson besitzt die britische und die deutsche Staatsbürgerschaft.Rieger
Der Höchstadter Michael Gibson besitzt die britische und die deutsche Staatsbürgerschaft.Rieger

Mit Spannung, wohl eher mit Anspannung, warten die Engländer, die im Landkreis Erlangen-Höchstadt leben, auf den 29. März. Dann erlischt Grossbritanniens Mitgliedschaft in der EU. Wie es nach diesem Datum weitergeht, das weiß keiner so genau. Vor allem Engländer, die nur den britischem Pass besitzen, müssen zittern. 369 Bürger sind das im Landkreis Erlangen-Höchstadt, heißt es von der Pressestelle des Landratsamtes.

Dazu kommen die Engländer, die mittlerweile beide Staatsbürgerschaften haben. Einer davon ist Michael Gibson. Der Engländer lebt seit über 40 Jahren in Höchstadt. Geboren ist er im Südwesten Englands, in der Grafschaft Somerset. Mit zehn Jahren emigrierte er mit seiner Familie nach Australien. Dort kam er über die Sprache erstmals in Kontakt mit der deutschen Kultur. 1968 kehrten er und seine Frau mit dem Schiff zurück nach London, wo er sechs Jahre arbeitete.

Seit 1974 lebt Gibson in Deutschland, seit 1977 in Höchstadt. Als sich ein Referendum zum Brexit abzeichnete, beantragte Gibson die deutsche Staatsbürgerschaft. Denn: Er ist gekommen, um zu bleiben. Im Interview erzählt Gibson, welche Folgen der Brexit für ihn hätte, was ihn am Brexit-Referendum stört und was ihn vor über 40 Jahren nach Deutschland gezogen hat.

Sie haben uns geschrieben, dass Sie beunruhigt sind, wie die britischen und deutschen Medien über den Brexit berichten. Was stört Sie an der Berichterstattung?

Michael Gibson: Ich bin beunruhigt über die britischen und internationalen Medien sowie über Politiker, die ständig behaupten, dass eine Mehrheit der britischen Bevölkerung für den Austritt aus der Europäischen Union gestimmt hat. Eine Mehrzahl der Briten, das ist einfach nicht wahr.

Es ist natürlich richtig zu behaupten, dass eine Mehrheit der Personen, die an dem Referendum teilgenommen haben, für den Brexit stimmten. Viele der Briten, die im Ausland wohnen, wurden von der Abstimmung ausgeschlossen. Und 27,8 Prozent der Stimmberechtigten haben nicht abgestimmt.

Deshalb gibt es keine Rechtfertigung dafür, dass Medien und Politiker behaupten, dass die Mehrheit der Briten für den Brexit stimmte. Das habe ich auch dem deutschen Presserat und der Independent Press Standards Organisation (IPSO), der britischen Organisation für Presseaufsicht, geschrieben.

Durften Sie selbst bei dem Referendum abstimmen?

Ich durfte nicht abstimmen. Wenn man mehr als 15 Jahre nicht in Großbritannien gelebt hat, dann durfte man nicht wählen. Meine Tochter und mein Schwiegersohn durften aber abstimmen. Meine Tochter ist erst 2011 nach einem mehrjährigen Aufenthalt in London mit ihrem Mann und ihrem erstem Kind zurück nach Höchstadt gekommen. Sie konnten sich deswegen für eine Teilnahme beim Referendum anmelden.

Außerdem leben meine zwei Schwestern in Großbritannien. Ich habe mit ihnen über das Referendum gesprochen. Dabei kam immer wieder Kritik an der EU auf.

Seit 1974 leben Sie in Deutschland, seit 1977 in Höchstadt. Was hat Sie vor über 40 Jahren nach Deutschland gezogen?

Deutsch war in Australien meine einzige Fremdsprache. Meine Frau und ich wollten erleben, wie es ist, in einem fremdsprachigen Land zu leben. Viele haben mich damals für verrückt erklärt. Ich habe schließlich eine sichere Stelle als Beamter aufgegeben, um auszuwandern. Das habe ich bis heute nie bereut. Ich hatte allerdings auch nie Probleme, Arbeit zu finden.

Haben Sie die britische Staatsbürgerschaft oder die britische und die deutsche?

Seit Dezember 2015 habe ich die deutsche Einbürgerungsurkunde. Es war kein Problem, die doppelte Staatsbürgerschaft zu bekommen. Wir wussten, dass das Referendum kommt, deshalb haben wir die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt. Wir wussten einfach nicht, was genau mit dem Referendum auf uns zukommt. Davor hat mir immer die britische Staatsbürgerschaft gereicht.

Was würde sich für Sie persönlich durch den Brexit ändern?

Ich habe sechs Jahre in London gelebt und gearbeitet. Deshalb steht mir aus dieser Zeit eine kleine Rente zu, die jährlich ein kleines bisschen erhöht wird. Es könnte passieren, dass diese Rente eingefroren wird. Aber was genau passiert, das weiß niemand.

Was ist mit ihren zwei Staatsbürgerschaften?

Ich glaube nicht, dass ich eine Staatsbürgerschaft abgeben muss. Wenn es so wäre, dann würde ich wahrscheinlich den britischen Pass abgeben, auch wenn es hart ist. Das wäre das einfachste. Das Gespräch führte Franziska Rieger

Das müssen britische Staatsbürger, die im Landkreis Erlangen-Höchstadt leben, jetzt wissen

Infos Ab Freitag, 29. März 2019 wird das Vereinigte Königreich von Großbritannien und Nordirland voraussichtlich die Europäische Union verlassen. Britische Staatsangehörige wären so nicht länger EU-Bürger. Für diese sowie für ihre Verwandten und Ehegatten aus Nicht-EU-Staaten ändern sich die aufenthaltsrechtlichen Bestimmungen (Reisen, Arbeitserlaubnis, Aufenthalt in der Bundesrepublik und in EU-Ländern). Mehr Infos unter www.stmi.bayern.de/med/aktuell/archiv/2019/190131brexit/index.php.

Einbürgerung Britische Staatsangehörige, die sich einbürgern lassen und ihre britische Staatsangehörigkeit behalten wollen, sollten die Einbürgerung vor dem Stichtag (29. März 2019) beim Ausländeramt des Landratsamtes - zunächst formlos - beantragen, damit die Frist gewahrt wird. Sollten noch Nachweise fehlen, müssen diese zeitnah nachgereicht werden. Details zu den Einbürgerungsvoraussetzungen stehen auf der Homepage des Landratsamtes unter www.erlangen-hoechstadt.de/buergerservice/a-bis-z/deutsche-staatsangehoerigkeit.

Antworten Die Bundesregierung hat Antworten auf die häufigsten Fragen zum Brexit formuliert. Diese finden sich unter www.bmi.bund.de/SharedDocs/faqs/DE/themen/migration/brexit/faqs-brexit.html.

Quelle: Landratsamt Erlangen-Höchstadt

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